233 Filme machen Locarno zum Treffpunkt des Kinos
Familiengeschichten, historische Figuren oder Klassiker von Lynch, Scorsese und Costner sowie Petra Volpes erster englischsprachiger Film: Am 79. Locarno Film Festival gehen 233 Werke aus aller Welt über die Leinwand. 17 Filme sind ausserdem im internationalen Wettbewerb im Rennen um den Hauptpreis. Auch eine Schweizer Koproduktion hat Chancen auf den Goldenen Leoparden.

Der Film «O Jacaré» bildet den Abschluss einer Trilogie des in Lausanne lebenden Filmemachers Basil Da Cunha. Er führt ins beliebte Viertel Reboleira in den Vororten von Lissabon. Da Cunhas Mischung aus Drama und Thriller ist eine schweizerisch-portugiesische Koproduktion, die sich um die Beute eines Überfalls dreht. Und es geht um «Frauen, die den Männern einen Strich durch die Rechnung machen», sagte der künstlerische Festivalleiter Giona A. Nazzaro am Donnerstag bei der Programmbekanntgabe in Zürich.
Generell sei der internationale Wettbewerb geprägt von «erzählstarken Filmen, die oft Familien im Mittelpunkt haben», so Nazzaro. Einer davon ist die Literaturverfilmung «Alberi erranti» des italienischen Regisseurs Salvatore Mereu. Das Drama verwebt die Geschichte dreier sardischer Familien.
Ausserhalb des Wettbewerbs ist für Besuchende das Freilufterlebnis auf der Piazza Grande jeweils etwas Besonderes. Eine Familiengeschichte ist hier auch der Eröffnungsfilm «Les Yieux verts» von Fanny Liatard und Jérémy Trouilh. Im Mittelpunkt des Dramas, das zwischen Realität und Traumwelt oszilliert, steht ein Mädchen, das mit seiner geflüchteten Familie in Frankreich lebt.
Zu sehen gibt es auf der Piazza Grande auch die Irrtumskomödie «The Invite» als Schweizer Premiere. Die US-amerikanische Filmemacherin Olivia Wilde, die als Regisseurin vor allem mit dem eindringlichen Incel-Psychothriller «Don't Worry Darling» (2022) überzeugte, habe mit ihrem neuen Film einen der ganz grossen Erfolge der kommenden Filmsaison gedreht, so Nazzaro.
Petra Volpes neuester Film wird auch auf der Piazza Grande gezeigt. «Frank & Louis» über eine Männerfreundschaft im Gefängnis ist der erste englischsprachige Film der italienisch-schweizerischen Filmemacherin, zu deren Werken etwa «Die göttliche Ordnung» (2017) oder «Heldin» (2025) gehören. «Frank & Louis» hatte am Sundance Film Festival in Utah seine Weltpremiere. Es sei «ein Film über die menschliche Würde», beschrieb ihn Giona A. Nazzaro an der Medienkonferenz. Beide Regisseurinnen, sowohl Olivia Wilde wie auch Petra Volpe, werden nach Locarno kommen.
So einige Filme auf der Piazza Grande sind von wahren Figuren oder Begebenheiten inspiriert. Dazu gehört neben dem Eröffnungsfilm Peter Brunners Spielfilm «Down the Arm of God». Der Film erzählt die Geschichte eines jungen Pastors in Texas, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Obdachlosen zu helfen.
Auch der historische Thriller «Ich ist ein Anderer» erzählt von einer Figur, die es gab. Der Film des deutschen Regisseurs Felix Randau handelt von Felix Kersten: Der einstige Masseur Heinrich Himmlers, der sich als Retter während des Zweiten Weltkrieges versteht. Der Film zeige, wie wichtig es ist, alles zu tun, um an die Wahrheit zu gelangen, sagte Nazzaro.
Und auch das historische Drama «Il Cileno» von Regisseur Sergio Castro-San Martín erzählt von einer wahren Persönlichkeit. Der Film spielt 1976 und handelt vom chilenischen Revolutionär Aldo Marín, der nach Italien flieht und in den 1970er-Jahren in die anarchistische Szene von Turin gerät. Einige Teile der italienisch-chilenisch-schweizerischen Koproduktion wurden im Tessin gedreht.
Neben Neuentdeckungen bietet die Piazza Grande innerhalb der Mitternachtsvorstellungen auch Klassiker. Da ist einerseits David Lynchs düstere, surreale und romantische Komödie «Wild at Heart» (1990) mit Nicolas Cage und Laura Dern in den Hauptrollen.
Vier Stunden dauert indes die Vorstellung von Kevin Costners preisgekrönten Klassiker «Dances with Wolves». Das Publikum wird hier eine restaurierte 4K-Version des Films sehen, der bisher ungesehene Szenen enthält. Ein weiterer Klassiker auf der Piazza Grande ist Martin Scorseses «Taxi Driver». Der Film-Noir mit der epischen und von Robert de Niro improvisierten «You Talkin' to Me»-Szene ist vor 50 Jahren erschienen.
Zwischen dem 5. und 15. August sind 233 Werke am Locarno Film Festival zu sehen. Davon sind 103 Weltpremieren. Auf dem Programm des Locarno Film Festivals stehen ausserdem 28 Schweizer Filme sowie acht Schweizer Koproduktionen.
Die Dokuserie «Der Engelmacher» der Schweizer Regisseurin Marina Klauser wird beispielsweise als Weltpremiere gezeigt. Sie erzählt die Geschichte der Schweizer Glaubensgemeinschaft Methernita und ihres Gründers Paul Baumann, der mit sexuellem Missbrauch in Verbindung gebracht wird.










