120 Jahre Schweizer Kulturgeschichte anhand von Werbeplakaten
Plakate dienen der Werbung. Aber nicht nur. Namhafte Maler und Grafiker haben vor hundert Jahren bis in die Gegenwart Werbebotschaften gestaltet und damit Kunst geschaffen. Das zeigt die Ausstellung «Highlights der Schweizer Plakatkunst» in der Villa Bührle in Zürich.

Da ist zum Beispiel das Matterhorn in strahlendem Licht vor violettem Hintergrund. Der Berner Emil Cardinaux (1877-1936) hatte das Plakat 1908 für den Tourismusort gestaltet. Der Künstler zählt zur Gruppe der sogenannten Hodlerianer, wie auch Cuno Amiet oder Max Buri. Diese Gruppe zeichnet ein Malstil aus, der, wie Ferdinand Hodler, auf kräftige Farben und eine monumentale Ausdrucksweise setzt.
Nach Aufenthalten in München und Paris liess sich Cardinaux in Bern nieder. Künstlerisch widmete er sich vor allem der Landschaftsmalerei; seine Motive waren die Schweizer Berge und seine Bilder zeugen von Naturverbundenheit. Als Plakatkünstler war er sich bewusst, dass er keine Werke für die Ewigkeit schaffen muss und dass Plakate zu möglichst geringen Kosten hohe Aufmerksamkeit erregen sollen.
Wegweisend für die Plakatkunst
Sein Matterhorn gilt als das erste moderne Schweizer Plakat. Für die Betrachterin, den Betrachter des Jahres 1908 war es schockierend: nur vier Wörter, das Plakat insgesamt direkt und monumental – das war man nicht gewohnt. «Cardinaux’ revolutionäres Plakat hat eine völlig neue Gestaltungsform und eine dynamischere Ansprache beim Tourismusplakat eingeleitet», schreibt Beatrice Müller dazu.
Auf ihre Initiative geht die Ausstellung zurück. Und Cardinaux ist ihr Lieblingskünstler, wie sie zur Nachrichtenagentur Keystone-SDA sagt. Ihre berufliche Laufbahn hat sie in der Werbung begonnen, nach Tätigkeiten für internationale Werbeagenturen, ab Ende der 1990er Jahre mit einer eigenen Agentur. In einer Modeboutique in New York stiess sie auf ein Plakat des Schweizer Modehauses PKZ aus dem Jahr 1920. Das war die Initialzündung für ihre Leidenschaft, Werbeplakate zu sammeln.
2010 entschied sich Müller, das Werbebusiness aufzugeben und sich ganz dem Werbeplakat zu widmen. Sie eröffnete die Galerie Artifiche in Zürich, wo sie seither ihre Sammlung mit mehreren tausend Plakaten hütet und zum Verkauf anbietet. Für die Ausstellung «Highlights der Schweizer Plakatkunst» gründete sie den gemeinnützigen Verein Vipart. «Mit der Ausstellung will ich einen Schlusspunkt unter meine berufliche Laufbahn setzten», sagt sie und betont weiter, dass sie damit einen Teil ihrer privaten Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich machen wolle. Deshalb ist der Eintritt zur Ausstellung frei.
Villa Bührle und Jeff Koons
Dass diese Ausstellung ausgerechnet in der Villa Bührle stattfindet, an jenem Ort also, wo bis vor gut einem Jahrzehnt die Kunstsammlung des Industriellen Emil Bührle hing, verdankt sie privaten Kontakten zu den Bührle-Nachfahren, zur Familie Anda, «die mir die Villa ihrer Vorfahren grosszügig für die Vipart-Ausstellung zur Verfügung gestellt» haben.
«Highlights der Schweizer Plakatkunst» ist bis 18. Oktober zu sehen. Wer sich der Villa Bührle an der Zollikerstrasse nähert, wird von einem Blickfang empfangen. Vor dem Haus steht ein BMW-Sportwagen, der auffällig gestaltet, aus einer Reihe des US-amerikanischen Künstlers Jeff Koons stammt. Den Wagen habe ein «leidenschaftlicher Plakatsammler» aus der Zürcher Autobranche zur Verfügung gestellt, erzählt Müller.
Die Ausstellung im Inneren der Villa präsentiert über hundert Plakate. Der grösste Teil davon aus den Jahren zwischen 1900 und den 1950ern wirbt für Tourismusdestinationen und Verkehrsunternehmen. Ein weiterer Schwerpunkt ist dem Bereich der Konsumgüter gewidmet. Auftraggeber waren hier etwa ein Modehaus, Zigarettenmarken oder der Bierbrauerverein. Diese Werke stammen vor allem aus den 1940er und 1950er Jahren. Zeitgenössiche Plakatgestaltung ist darüber hinaus mit Kulturplakaten aus den letzten Jahrzehnten vertreten. Hier lässt sich ablesen, wie heutige Gestalter die Tradition der Schweizer Druckgrafik weiterentwickelt haben. Und so biete «Highlights der Schweizer Plakatkunst» eine Zeitreise durch 120 Jahre schweizerischer Kulturgeschichte, heisst es in einer Mitteilung.
Zur Ausstellung gibt es ein Begleitprogramm, beispielsweise acht Kurzfilme, die unter dem Titel «Auf Stein gedruckt» einen Einblick in die Geschichte der Schweizer Plakatkunst geben oder einen Jugendwettbewerb.






