Starkomiker Simon Enzler: «Bin um jede funktionierende Pointe froh»

Reinhold Hönle
Reinhold Hönle

Bern,

Starkomiker Simon Enzler tritt im National auf. Mit dem BärnerBär spricht er unter anderem über Alterserscheinungen, Sozialschmiermittel und seinen Tinnitus.

Enzler
Starkomiker Simon Enzler. - Christian Lanz

Der vielfach preisgekrönte Appenzeller Humorist Simon Enzler (50) spricht im BärnerBär-Interview über Alterserscheinungen, Sozialschmiermittel und seinen Tinnitus.

BärnerBär: 25 Jahre nach Ihrem ersten Programm «Schampeselisee» scheinen Sie sich äusserlich kaum verändert zu haben ...

Simon Enzler: Das ist Ansichtssache. Wenn ich mich selbst im Spiegel anschaue, denke ich «um Himmels Wille, wie die Ziit vergoht!» Da hatte ich noch schön volles und vor allem blondes Haar. Und jetzt ist es schütter und aschgrau, bestenfalls aschblond.

Ich habe Schulkollegen, die ganz anders aussehen, aber ich gebe mir da auch nicht wahnsinnig viel Mühe. Im Badezimmer habe ich nur eine Creme für meine Füsse.

BärnerBär: Sie gehören zur Generation X. Was unterscheidet Sie von der Generation Z, die Sie in Ihrem Programm aufs Korn nehmen?

Simon Enzler
Simon Enzler gastiert mit seinem Programm «zmetztinne» am 7. Mai im Berner National. - Christian Lanz

Enzler: Wir hatten noch relativ viele soziale Kontakte mit Gleichaltrigen, während aktuelle Untersuchungen ergaben, dass die heutigen Jungen mehr Zeit in ihre Selbstoptimierung investieren und dabei etwas vereinsamen.

Aber wo sollen sie sich auch treffen? Das Angebot an Beizen und Discos hat abgenommen, speziell seit dem Lockdown. Ausserdem wagen sie erst später den Schritt in die Selbstständigkeit. Sie ziehen die Bequemlichkeit im Elternhaus einer WG vor und warten lieber, bis sie sich eine eigene Wohnung leisten können.

BärnerBär: Welche Entwicklung nehmen Sie bei Ihren zwei Söhnen wahr, der Generation Alpha?

Enzler: Momentan machen sie die Gaming-Phase durch, wobei der Ältere bereits an einem Punkt ist, wo sich sein Fokus verändert.

Seitdem er durch den Übertritt von der Primar- in die Oberstufe viele neue Kontakte geknüpft hat, zieht er auch mal mit anderen 15-Jährigen um die Häuser. Und ich finde das besser, als wenn er nur zuhause sitzen würde.

BärnerBär: Sie werden ihn aber sicher nicht animieren, Alkohol zu konsumieren. Obwohl ich das Gefühl habe, das Trinken würde bei Ihnen manchmal um der Lacher willen verharmlost.

Enzler: Ich will keinesfalls für das Saufen Werbung machen, überhaupt nicht. Gewisse Provokationen haben mit einer Studie über die Rolle des Alkohols als «Sozialschmiermittel» zu tun oder sind eine Reaktion auf unsere überbehütete Gesellschaft, in der auf so vieles verzichtet wird, weil ja sonst die Gefahr bestünde, dass das Leben noch lustig wird …

Besuchst du das neue Programm von Simon Enzler?

BärnerBär: Das Thema ist aber auch ein Mittel, um im Saal schnell für Stimmung zu sorgen.

Enzler: Grundsätzlich bin ich um jede funktionierende Pointe froh. Dabei ist es für mich normal, dass jede von ihnen andere Qualitäten besitzt. Für mich steht im Vordergrund, dass sich die Leute gut unterhalten fühlen.

Dafür schrecke ich auch nicht vor einem Kalauer zurück, wenn er zur Nummer passt und lustig ist. Natürlich freut es mich auch, wenn ich einen kritischen Gedanken einbauen kann, aber mein pädagogisches Sendungsbewusstsein nimmt jedes Jahr ab.

BärnerBär: Woran liegt das?

Enzler: Als ich mit 20 auf der Bühne stand, war ich noch so von mir selbst überzeugt, dass ich dachte, «Jetzt hau’ ich den Leuten die Wahrheit um die Ohren. Schliesslich weiss ich, wie der Hase läuft!»

Dann wurde mir jedoch bewusst, dass Menschen, die den ganzen Tag hart gearbeitet haben, am Abend nicht auch noch von einem eingebildeten Schnösel hören wollen, was sie alles falsch machen.

BärnerBär: Sie bezeichnen sich nicht mehr als Kabarettist, sondern als Komiker, der nicht abgehoben, sondern nahbar ist. Wie äussert sich das im Alltag?

Enzler: Ich bin so nahbar, dass ich oft froh wäre, wenn mich meine Frau oder Freunde aus gewissen Situationen befreien würden. Etwa, wenn mich Leute in der Öffentlichkeit ansprechen, um mir lang und breit zu erzählen, woher sie mich kennen und wie lustig sie mich finden, aber nicht daran denken, dass ich nur ein Brot kaufen und gleich nach Hause wollte, um für die Kinder zu kochen, die bald aus der Schule kommen.

Ich selbst würde es nämlich nie fertigbringen, ihnen zu sagen, dass ich wirklich weiter muss. Dazu bin ich vielleicht zu sehr ein Landei.

BärnerBär: Sind Sie deswegen 2003, nach vier Jahren in Zürich, ins Appenzell zurückgekehrt?

Enzler: Zunächst waren berufliche Gründe ausschlaggebend. Ich beschloss mein Studium abzubrechen und ganz auf die Bühne zu setzen. Obwohl Zürich für meine Auftritte zentraler liegen würde und ich die Zeit dort sehr genossen habe, zog es mich zurück zu meinen Wurzeln.

Schliesslich schöpfe ich meine Texte aus diesem Kulturkreis. Geblieben bin ich auch, weil meine Frau und ich es für den besten Ort hielten, um eine Familie zu gründen.

Enzler
Enzler machte sein Hobby mit rasch wachsendem Erfolg zum Beruf. - Christian Lanz

BärnerBär: Was hat Sie inspiriert, Komiker zu werden?

Enzler: Vor allem Künstler, die Geschichten auf eine Weise erzählen konnten, die ihr Publikum zum Lachen brachte. Ich bewundere einen Emil extremst, mit welcher Energie er heute noch, mit über 90, seine Nummern spielt, denn ich weiss, wie viel Konzentration und Spannung nötig sind, damit sie einem abgekauft werden.

BärnerBär: Ist das Appenzöllisch ein Bonus?

Enzler: Natürlich kann unser prägnanter Dialekt schon für sich allein amüsant sein. Das merke ich daran, dass sogar in unserem Kanton neben englischen auch immer mehr alte Appenzeller Ausdrücke in die Jugendsprache einfliessen.

Ich würde auf der Bühne aber nicht von einem Flickfauder sprechen, wenn 95 Prozent des Publikums nicht weiss, dass es sich um einen Schmetterling handelt.

BärnerBär: Unterscheiden sich Ihre Heimspiele von Ihren Auswärtsauftritten?

Enzler: Ich bin jemand, der seine Texte wahnsinnig genau lernt. Wortwörtlich. Ich spreche sie höchstens ein wenig nasaler, doch ist mir klar, dass mich Dialektapostel eh kritisieren werden.

Früher hat man mich gefeiert, weil man darauf stolz war, dass ein Appenzeller eine gewisse Prominenz erlangt hat, heute muss ich mich, wie ein reiferer Fussballer, jedes Mal von Neuem beweisen.

BärnerBär: «zmetztinne» handelt von verschiedenen Gebresten. Sind Sie tatsächlich weitsichtig?

Enzler: Es wird schlimmer und schlimmer! Ich hatte den Kauf einer Lesebrille zwei Jahre hinausgezögert. Als ich beim Fischen den Silch nicht mehr durchs Loch ziehen konnte, wusste ich jedoch, was es geschlagen hatte.

PERSÖNLICH

Simon Enzler wurde am 10. März 1976 in Appenzell geboren. Nach ersten kabarettistischen Auftritten ab 1991 vernachlässigte er sein Philosophie- und Religionswissenschaftenstudium und machte sein Hobby mit rasch wachsendem Erfolg zum Beruf.

Bekannt machten ihn der markante Appenzeller Dialekt und die knorrigen, hemdsärmeligen Figuren in seinen Bühnenprogrammen, aber auch Gefässe in Radio- und TV-Sendungen wie «Zytlupe» und «Kassensturz». 2007 erhielt er den Salzburger Stier, 2008 den Prix Walo, 2012 den Schweizer Kabarettpreis Cornichon und 2021 den Arosa Humorfüller und den Innerrhoder Kulturpreis.

Enzler, der verheiratet ist und zwei Söhne (13 und 15) hat, gastiert mit seinem Programm «zmetztinne» am 7. Mai im Berner National.

BärnerBär: War die sowohl ernsthafte wie sehr humorvolle Nummer über den Tinnitus, unter dem Sie seit 2022 leiden, für Sie besser als so manche Therapie?

Enzler: Ich habe sie geschrieben, nachdem ich mich mit meinem Ohrengeräusch schon versöhnt hatte. Zuerst hatte ich alles ausprobiert, um es loszuwerden, sogar, wenn die Chance noch so gering war.

Dabei hatte mich mein Arzt von Anfang an gewarnt: Bei 80 Prozent der Tinnitus-Betroffenen helfen Therapien gar nichts, nur 20 Prozent haben Glück. Zu ihnen zähle ich leider nicht.

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