Stadttheater Bern – «‹Tosca› ist eine perfekte Einstiegsoper»

    Andrea Bauer
    Andrea Bauer

    Bern,

    Giacomo Puccinis «Tosca» erzählt von Liebe, Macht und Verrat. Ab 26. September kehrt die Berner Inszenierung von Raimund Orfeo Voigt ans Stadttheater zurück.

    «Tosca ist eine perfekte Einstiegsoper. Es gibt eine klare Handlung, fast wie in einem Film», sagt Regisseur Raimund Orfeo Voigt.
    «Tosca ist eine perfekte Einstiegsoper. Es gibt eine klare Handlung, fast wie in einem Film», sagt Regisseur Raimund Orfeo Voigt. - Tanja Dorendorf

    Rom, Juni 1800. Die Sängerin Floria Tosca liebt den Maler Mario Cavaradossi. Als dieser einem politisch Verfolgten hilft, gerät er ins Visier von Baron Scarpia, dem skrupellosen Polizeichef.

    Scarpia setzt Tosca unter Druck, lässt Cavaradossi foltern und macht ihre Liebe zur Waffe. Was folgt, hat das Tempo eines Thrillers: Eifersucht, Verhör, Erpressung, Mord und eine vermeintliche Rettung, die in der Katastrophe endet.

    Für Raimund Orfeo Voigt ist gerade diese Unmittelbarkeit eine der grossen Stärken der Oper. «Tosca ist eine perfekte Einstiegsoper. Es gibt eine klare Handlung, fast wie in einem Film», sagt der Regisseur.

    Regisseur Raimund Orfeo Voigt.
    Regisseur Raimund Orfeo Voigt. - Tanja Dorendorf

    «Es hat Drama, Glamour und grosse Sehnsüchte. Und die Situationen gehen immer wieder anders weiter, als man erwartet.»

    Schönheit und Brutalität

    Puccinis Musik lässt dem Publikum kaum sicheren Abstand. Sie kann betörend schön sein und im nächsten Moment brutal zuschlagen. Berühmt sind Toscas «Vissi d’arte, vissi d’amore», ihr verzweifelter Rückblick auf ein Leben für Kunst und Liebe, und Cavaradossis «E lucevan le stelle».

    Doch die Kraft der Oper liegt nicht allein in ihren grossen Arien. Musik und Handlung greifen so eng ineinander, dass jeder Hoffnungsschimmer im nächsten Moment wieder kippen kann.

    Besonders verdichtet sich für ihn das Zusammenspiel von Schönheit und Gewalt im zweiten Akt: «Die berühmte Szene mit Scarpia und Tosca, während Cavaradossi im Nebenraum gefoltert wird. Da ist einfach alles drin: Wahrheit, Lüge, Anziehungskraft, Macht, Sex, Gewalt, Sehnsucht und Liebe

    Interessierst du dich für Opernklassiker wie «Tosca»?

    Zwischen den Figuren, sagt Voigt, spanne sich dabei «ein feinmaschiges Netz».

    Jeder Ort ist ein Tatort

    Für Voigt war «Tosca» in der Spielzeit 2023/24 das Regiedebüt bei Bühnen Bern. Der in Wien ausgebildete Szenograf und Regisseur arbeitete unter anderem mit Robert Wilson und entwarf Bühnenräume für Häuser wie die Bayerische Staatsoper, die Wiener Staatsoper und die Mailänder Scala.

    In Bern verantwortet er bei «Tosca» sowohl die Regie als auch die Bühne. Dass beides aus einer Hand kommt, ist für diese Inszenierung entscheidend.

    «Mich interessiert bei ‹Tosca› besonders, wie ich den Blick der Zuschauenden führe», sagt Voigt. In seinem Bühnenbild gibt es Öffnungen, hinter denen gespielt wird. «Ich erzähle dort nur einen Teil der Situation. Die Fortsetzung findet dann in der Fantasie des Publikums statt.»

    Auch kleine Verschiebungen können die Wahrnehmung lenken: «Wenn eine Figur rechts abgeht und links ein Stuhl umfällt, wandert die Aufmerksamkeit sofort dorthin.» Der Raum wird so selbst zum Teil des Machtspiels.

    Tosca
    Giacomo Puccinis «Tosca» braucht keine langen Erklärungen, um mitten ins Geschehen zu führen. - Tanja Dorendorf

    «Bei ‹Tosca› ist jeder Ort ein Tatort und das muss im Raum schon angelegt sein.» Eine einzige Szenerie würde für ihn deshalb nicht funktionieren: «Es braucht drei unterschiedliche Räume.»

    Eine neue Tosca, ein neues Dreieck

    Mit der Wiederaufnahme kehrt nicht einfach dieselbe Produktion auf die Bühne zurück. Die Besetzung verändert sich und damit auch die Beziehungen zwischen den Figuren. «Mein Blick auf das Werk an sich hat sich zwar nicht verändert», sagt Voigt.

    «Aber wir haben eine neue Besetzung, mit Ausnahme von Scarpia. Mit der neuen Tosca muss die Figur wieder neu angeschaut werden.» Denn in der Titelrolle ist diesmal Olga Busuioc zu erleben.

    Für Voigt bedeutet das, genau hinzuschauen, «was Olga mitbringt» und daraus die Beziehung zu Cavaradossi und Scarpia neu zu entwickeln. «Das Dreieck muss neu aufgebaut werden. Wie es dann emotional geschichtet wird, entsteht mit den Darstellenden.»

    Joseph Dahdah singt Mario Cavaradossi, Publikumsliebling Seth Carico kehrt als Baron Scarpia zurück. Gerade bei der Figur Scarpia besteht oft die Gefahr, dass aus dem berüchtigten Polizeichef ein eindimensionaler Bösewicht wird.

    Doch da ist Voigt bei Seth Carico und seiner Bühnenpräsenz sicher: «Das kann nur der Sänger und Interpret verhindern, mit meiner Hilfe natürlich. Aber es ist seine Leistung.»

    Tosca
    «Tosca» zeigt drei Menschen unter extremem Druck und die erschreckende Geschwindigkeit, mit der ein privates Glück zerstört werden kann. - Tanja Dorendorf

    Seth Carico bringe dafür viel schauspielerisches Potential mit und sorge «für die Ambivalenz» der Figur. Damit wird Scarpia allerdings nicht weniger bedrohlich. Doch seine Macht erschöpft sich nicht in offenem Sadismus.

    Sie liegt auch darin, Menschen zu lesen, Begehren auszunutzen und Situationen so lange zu manipulieren, bis die anderen kaum noch eine freie Entscheidung treffen können.

    Oper ohne Berührungsangst

    Vielleicht liegt darin auch der Grund, weshalb «Tosca» 126 Jahre nach ihrer Uraufführung so unmittelbar wirken kann. Die Oper erzählt nicht abstrakt von Macht, Gewalt und politischer Willkür.

    Sie zeigt drei Menschen unter extremem Druck und die erschreckende Geschwindigkeit, mit der ein privates Glück zerstört werden kann. Vorwissen braucht es dafür nach Ansicht des Regisseurs nicht.

    «Die Handlung ist sehr klar», sagt Voigt. Und dann sind da diese grossen Gefühle, die Puccini so präzise steuert, dass selbst der Regisseur ihnen nicht entkommt.

    «Ich kenne diese Oper seit meiner Kindheit in- und auswendig», sagt Voigt. «Und trotzdem bekomme ich noch immer Herzklopfen, wenn ich sie höre.»

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