Kunstmuseum: Wenn ein Augenblick sechs Meter breit wird
Franz Gertsch machte Schnappschüsse zu monumentaler Malerei. Die Retrospektive «Blow-Up» zeigt in Bern und Burgdorf die Aktualität seines Werks.

«Dieses Gemälde zeigt den Moment, als die Menschen von der Kündigung des Kellerlokals erfuhren», erklärt Kuratorin Kathleen Bühler. Wir stehen vor Franz Gertschs «Junkere 37» und damit mitten in einem denkwürdigen Stück Berner Geschichte.
Das Kellerlokal war Anfang der 1960er-Jahre Treffpunkt für Lesungen, Vorträge und Diskussionen. Hier entstand der «Tägel-Leist», der nonkonformistischen Stimmen eine Öffentlichkeit gab und damit aneckte. Die Aktivisten galten manchen als «subversive Nestbeschmutzer».
Ende der 60er-Jahre folgte die Kündigung wegen «Eigenbedarfs». Gertsch hielt diesen Moment fest. «Deshalb ist die Stimmung auf dem Bild eher bedrückt», sagt Bühler und zeigt auf die Gruppe.

Die Farbigkeit erinnere sie fast an eine mittelalterliche Bruderschaft, gleichzeitig wirkten die jungen Menschen rechts sehr zeitgenössisch. Weil einige Figuren am Bildrand angeschnitten sind, steht man als Betrachterin oder Betrachter förmlich mit ihnen im Keller.
Was ist wirklich, was ist wahr?
Genau dieses Wechselspiel von Nähe und Distanz zieht sich durch die Ausstellung «Franz Gertsch. Blow-Up» im Kunstmuseum Bern. Von Weitem könnten die monumentalen Bilder Fotografien sein. Treten wir näher, zerfallen Gesichter, Kleider und Landschaften in Farbflächen und einzelne Pinselspuren.
«Für Gertsch zeigte die Fotografie die Realität, die Malerei die Wahrheit», sagt Bühler. Eine Frage, die im Zeitalter von KI-generierten Bildern überraschend aktuell klingt: Was zeigt ein Bild und was davon halten wir für wahr?
Der Kuratorin war es wichtig, auch die politische Seite von Gertsch zu zeigen. «Er interessierte sich sehr für die Menschen, besonders für jene, die anders waren, anders dachten und den gängigen Meinungen widersprachen.»
Deshalb hat Kathleen Bühler in diesem Raum zwei weitere politisch motivierte Bilder gruppiert. Gegenüber prangt das Bild «Vietnam» und zur Rechten hängt «Huaa…!» von 1969. Auch dieses Bild eines britischen Hauptmanns aus dem Krimkrieg wurde zur Zeit des Vietnamkriegs als politischer Kommentar gelesen.

Gleichzeitig markiert es einen Wendepunkt in Gertschs Schaffen. Inspiriert unter anderem von Michelangelo Antonionis Film «Blow-Up» begann er, Fotografien und Magazinbilder als Dias auf riesige Leinwände zu projizieren und sie Punkt für Punkt malerisch zu übertragen.
«Grossformatige Drucke, wie wir sie heute kennen, gab es damals noch nicht», führt Bühler weiter aus. Deshalb sind diese Werke Gertschs besonders auffallend. Für die ersten monumentalen Werke nähte seine Frau Maria sogar Leintücher zusammen.
Als die Bilder immer grösser wurden
Und diese riesigen Bilder überwältigen tatsächlich auch heute noch. Im grossen Auftaktraum stehen sich deshalb die beiden grössten Werke der Schau gegenüber, je vier auf sechs Meter: «Medici» und «Maria mit Kindern».

«Mir war wichtig, dass man beim Betreten gleich inne hält», sagt Kathleen Bühler dazu. Und genau das tut man, man bleibt stehen und staunt erst einmal.
Vor dem Familienbild meint man fast, die Grillen zirpen zu hören: Der private Augenblick wirkt trotz seiner gigantischen Dimension ungestellt und nah.
Auf der anderen Seite kommen einem die fünf jungen Männer von «Medici» beinahe wirklich entgegen. «Mit diesem Werk gelang Gertsch 1972 an der documenta 5 in Kassel der internationale Durchbruch. Aber da war er bereits 42 Jahre alt.»
Während er weiterhin die eigene Familie in alltäglichen Situationen malte, faszinierte ihn auch der damals zwanzigjährige Luciano Castelli und dessen Freundeskreis.
In ihren Inszenierungen, ihrem Spiel mit Geschlechterrollen und ihrer Lust an der Auflösung gesellschaftlicher Konventionen spiegelte sich der Aufbruch der 1970er-Jahre. Gertsch beobachtete, ohne zu urteilen und machte flüchtige Momente monumental.
Am Anfang war das Stillleben
Wir gehen weiter, zurück zu den Anfängen. «Hier wollten wir sichtbar machen, wie gross der Sprung in seiner künstlerischen Entwicklung war.» Frühe Stillleben, Landschaften und mythologische Szenen sind noch von altmeisterlicher Präzision geprägt.
Mitte der 1960er-Jahre öffnet die Pop Art Gertsch dann plötzlich neue Türen, erklärt Bühler. «Er greift zu Jugend- und Musikmagazinen, arbeitet mit Bildern von Bob Dylan, Mick Jagger, den Rolling Stones oder Françoise Hardy. Kräftige Farben, vereinfachte Formen und Figurenschablonen lassen diese Werke heute noch erstaunlich frisch wirken.»
Eine Diashow gibt Einblick in die Arbeitsweise hinter den Gemälden. Zu sehen sind private Fotografien und jene Dias, nach denen Gertsch im abgedunkelten Atelier malte. Einen ausreichend grossen Raum fand er zeitweise in der Brauerei Gassner an der Aare.
Die Ausstellung macht dabei auch sichtbar, wie sehr seine Arbeit von seiner Familie mitgetragen wurde. Maria Gertsch hielt ihm den Rücken frei, kümmerte sich um die Kinder und half ganz konkret bei der Herstellung der riesigen Bildträger.
Knapp 40 Gemälde versammelt das Kunstmuseum Bern und spannt damit den Bogen über sechs Jahrzehnte. Vom Frühwerk über die ikonischen Bilder der 1970er-Jahre bis zu Porträts und grossen Naturdarstellungen des Spätwerks.
Es ist der erste Teil einer Retrospektive, die gemeinsam mit dem Museum Franz Gertsch in Burgdorf gezeigt wird. Dort ist soeben der zweite Teil eröffnet worden. In Bern ist «Blow-Up» noch bis am 17. Januar 2027 zu sehen.
Einen berühmten Berner neu sehen
Die Ausstellung entstand ursprünglich am Louisiana Museum of Modern Art in Dänemark in enger Zusammenarbeit mit Gertsch und seiner Familie. Gerade dieser Blick von aussen habe sie gereizt, sagt Kathleen Bühler, während wir zum Ende des Rundgangs kommen.
«Bei Berner Künstlern hat man schnell das Gefühl, man kenne sie.» In Dänemark habe sie Franz Gertsch neu gesehen. Nun möchte sie das auch dem Berner Publikum ermöglichen. Hinzu kommt: Viele Werke befinden sich seit Jahrzehnten in Privatbesitz.
Mit dem Generationenwechsel kommen sie nach und nach auf den Markt. Und niemand weiss, wann sie wieder gemeinsam zu sehen sein werden. Wer durch diese Räume geht, begegnet deshalb nicht nur einem der bedeutendsten Schweizer Künstler seiner Zeit.
Man erlebt, wie aus scheinbar beiläufigen Augenblicken Bilder werden, die einen noch Jahrzehnte später mitten ins Geschehen, so wie ins legendäre Kellerlokal an der Berner Junkerngasse 37, ziehen.
INFO
Franz Gertsch. Blow-Up
Die grosse Retrospektive zu Franz Gertsch (1930 – 2022) wird in zwei Teilen in Bern und Burgdorf gezeigt und spannt den Bogen über mehr als sechs Jahrzehnte seines Schaffens.
Part I – Kunstmuseum Bern
14. August 2026 bis 17. Januar 2027 Hodlerstrasse 8 – 12, Bern. Zu sehen sind Werke aus den Jahren 1956 bis 2021. Kuratorin: Kathleen Bühler.
Part II – Museum Franz Gertsch, Burgdorf
19. September 2026 bis 28. Februar 2027. Platanenstrasse 3, Burgdorf. Der zweite Teil konzentriert sich auf Werke und Themen aus Gertschs Schaffen seit 1970. Kuratorin: Anna Wesle.















