Grippe-Saison: «Muss ich wirklich auf den Notfall?»
Müssen Husten und Fieber gleich auf den Notfall führen? Eine Untersuchung zeigt, dass bei über 65 Prozent eine tiefere Versorgungsstufe genügt hätte.

Husten, Fieber, Gliederschmerzen und die Frage: Muss ich damit wirklich auf den Notfall?
Eine Untersuchung am Kantonsspital Baden zeigt das Potenzial einer besseren Ersteinschätzung: Bei über 65 Prozent der untersuchten Patientinnen und Patienten hätte laut Symptom-Checker eine tiefere und damit kostengünstigere Versorgungsstufe ausgereicht.
Genau hier setzt der Notfall-Finder an. Er soll helfen, Beschwerden richtig einzuordnen und Patientinnen und Patienten dorthin lenken, wo sie am besten aufgehoben sind.
Wer mit hohem Fieber, starkem Husten und Kopfschmerzen aufwacht, steht schnell vor der Frage: Was nun? Reicht Ruhe zu Hause? Braucht es die Hausarztpraxis, eine Apotheke oder Telemedizin? Oder ist die Notfallstation tatsächlich die richtige Adresse?
Gerade wenn die Hausarztpraxis geschlossen ist oder Beschwerden plötzlich stärker werden, erscheint der Notfall oft als naheliegendste Lösung. Doch die höchste Versorgungsstufe ist längst nicht in jedem Fall nötig.
Eine Studie am Kantonsspital Baden mit 2543 Patientinnen und Patienten verdeutlicht das: Bei über 65 Prozent der untersuchten Personen kam der eingesetzte Symptom-Checker zum Schluss, dass eine tiefere Versorgungsstufe ausgereicht hätte.
Der Notfall-Finder hilft damit mit dem integrierten Symptom Checker, die Unsicherheit bei der Wahl der richtigen Anlaufstelle zu reduzieren.
Erst einschätzen, dann entscheiden
Die digitale Plattform wurde im Kanton Bern ab Herbst 2025 schrittweise ausgerollt. Seit Ende Mai 2026 sind alle 34 Berner Notfallstationen angebunden. Die App hilft einerseits bei der Suche nach einer passenden Notfallstation und zeigt deren aktuelle Auslastung.

Andererseits bietet sie mit dem Symptom-Checker eine digitale Ersteinschätzung. Statt auf Verdacht direkt in die nächste Notfallstation zu fahren, können Bernerinnen und Berner zunächst prüfen, welche Versorgung für ihre Beschwerden angezeigt sein könnte.
Der Symptom-Checker stellt dazu Fragen zu den Beschwerden und ihrem Verlauf. Aus den Antworten leitet das System eine Dringlichkeits- beziehungsweise Versorgungsempfehlung ab. Das Spektrum reicht von Selbstversorgung über Arzt, Apotheke oder Telemedizin bis hin zur Notfallstation oder zum Rettungsdienst.
Eine Diagnose stellt der Symptom-Checker nicht. Er soll vielmehr eine Frage beantworten, die für Patientinnen und Patienten oft entscheidend ist: Wie dringend ist mein Problem und wohin soll ich mich damit wenden?
Gerade in der Grippesaison ist die Unsicherheit gross
Husten, Fieber, Halsweh oder Abgeschlagenheit können harmlos sein, aber auch eine ärztliche Abklärung nötig machen. Für Betroffene ist diese Unterscheidung nicht immer einfach. Der digitale Check soll die Ersteinschätzung strukturieren.
Kommt er zum Schluss, dass eine Notfallstation nötig ist, kann anschliessend geprüft werden, welche angeschlossenen Standorte infrage kommen und wie stark sie ausgelastet sind. Apotheken und Telemedizin sind als weitere Zugänge zum Angebot vorgesehen.
Bei einem lebensbedrohlichen Zustand gilt hingegen weiterhin: nicht digital abklären, sondern die Notrufnummer 144 wählen. Auch diese Funktion ist im Notfall-Finder enthalten.
Wenn zwei von drei Fällen nicht auf den Notfall müssten
Die 65-Prozent-Zahl zeigt, wie gross das Potenzial einer besseren Patientenlenkung ist. Bei knapp zwei Dritteln der in Baden untersuchten Personen hätte nach Einschätzung des Symptom-Checkers eine weniger intensive Versorgungsstufe genügt.
Entscheidend ist dabei auch die Sicherheit der Einschätzung. In der Untersuchung mit 2543 Patientinnen und Patienten wurde kein Fall festgestellt, bei dem eine dringend notwendige Behandlung gefährlich unterschätzt worden wäre.
Der Symptom-Checker ersetzt damit keine Ärztin und keinen Arzt. Er kann aber helfen, Beschwerden einzuordnen und unnötige Notfallbesuche zu vermeiden.
Weniger unnötige Notfallbesuche entlasten auch das Gesundheitswesen
Das ist nicht nur für die Patientinnen und Patienten relevant, sondern auch für die Gesundheitskosten. Eine ambulante Behandlung auf dem Notfall kostet durchschnittlich rund 460 Franken, eine reguläre Arztkonsultation schlägt dagegen mit nur rund 130 Franken zu Buche.
INFO
Notfall-Finder aufs Handy
Wer im Krankheitsfall schnell wissen möchte, welche Anlaufstelle die richtige ist, kann den Notfall-Finder direkt auf dem Smartphone nutzen. Die Webseite bietet den Symptom-Checker, zeigt passende Notfallstationen im Kanton Bern und informiert über deren aktuelle Auslastung.
Kann ein grosser Teil der Fälle auf einer tieferen Versorgungsstufe behandelt werden, ist das Sparpotenzial entsprechend gross. Voraussetzung ist allerdings, dass Menschen den Symptom-Checker auch tatsächlich nutzen und sich anschliessend an die Empfehlung halten.
Im Kanton Bern wurde das Angebot bis Juli 2026 bereits über 120‘000 Mal von mehr als 77‘000 Personen genutzt. Eine Modellrechnung ergab, dass mittels den auf notfall-finder.ch durchgeführten Symptom Checks bislang rund 400‘000 Franken Gesundheitskosten eingespart wurden, weil Personen weniger häufig den Notfall aufgesucht haben.
Für Patientinnen und Patienten zählt die richtige Entscheidung
Für die einzelne Person stehen jedoch weniger die volkswirtschaftlichen Kosten im Vordergrund als die Frage: Wo bekomme ich die richtige Hilfe? Wer keine Notfallstation benötigt, kann sich mit einer guten Ersteinschätzung möglicherweise lange Wartezeiten und einen unnötigen Gang ins Spital ersparen.
Gleichzeitig sollen Menschen, die tatsächlich dringende medizinische Hilfe brauchen, rasch auf die entsprechende Versorgung hingewiesen werden. Gerade während der Grippesaison kann der Notfall-Finder deshalb eine zusätzliche Entscheidungshilfe sein: Beschwerden eingeben, Empfehlung prüfen und anschliessend gezielt die passende Versorgung aufsuchen.
Die Idee dahinter ist einfach: Nicht jede Erkrankung ist ein Notfall und nicht jeder Notfallbesuch wäre nötig. Das Ziel lautet deshalb: die richtige Behandlung am richtigen Ort zur richtigen Zeit.












