François Loeb: Deshalb hielt mich Loeb-Security für Dieb
Wenn François Loeb von Bern spricht, wird es bildhaft. Ein Gespräch über Kindheitsträume, das Älterwerden und warum er kürzlich für einen Dieb gehalten wurde.

Der BärnerBär erreicht François Loeb in seinem Daheim im Schwarzwald. Soeben ist sein neustes Buch erschienen, die Vernissage fand vergangene Woche im Kino Movie und im Classroom Loeb statt.
BärnerBär: Wie ist das jeweils für Sie, François Loeb, wenn Sie wieder zurück in Bern sind?
François Loeb: Oh, da kommen natürlich immer ganz viele Erinnerungen hoch. Mit meiner verstorbenen Frau bin ich beispielsweise montags immer «ga rohre» – also unter den Lauben flanieren, die Auslagen der Geschäfte anschauen und uns später vielleicht beim Beeler ein herrliches Patisserie gönnen.
Das mache ich heute noch gern. Und da ich diesmal von meiner deutschen Lektorin begleitet wurde, waren wir natürlich auch Richtung Senkeltram unterwegs und im Bärenpark.
BärnerBär: Ah, und haben Sie dort das Bärakel befragt? Jenes Orakel des Bärenparks, von dessen Existenz Sie den Lesenden in ihrem Buch «Mein Name ist Bär von Bern» verraten haben?
Loeb: (lacht) Ja, ich hab’s versucht. Aber das ist momentan auch etwas überfordert, es hätte gerne den Austausch mit den anderen Bären dieser Welt, um etwas mehr Klarheit zu bekommen.
Für die Bären wär somit eine Art Facebook ganz gäbig, vielleicht wird es mal ein Bärbook geben?
BärnerBär: Die schnelle digitale Welt hat ja schon ihre Vorteile, dennoch sind Bücher noch immer sehr beliebt. Was denken Sie, warum?
Loeb: Auch ich brauche die praktischen digitalen Kommunikationsmittel. So sind ja auch wir nun direkt in Kontakt und können uns sogar sehen. Ein Buch aber hilft einem, kurz aus dem Alltag zu entfliehen. Deshalb schreibe ich auch so gern Kurzgeschichten.
Die kann man auf dem Weg zur Arbeit lesen, vielleicht im Tram sitzend. Meine Wochengeschichten, ich schreibe diese seit über fünf Jahren, können kostenlos über francois-loeb.com bezogen werden und sind dann jeden Donnerstagabend im betreffenden Mail-Postfach.
Einfach um etwas Freude und Denkanregung zu vermitteln.
BärnerBär: Stichwort Tram: Ihr neustes Buch trägt den Titel: «Die Strassenbahn, die ins Kino wollte». Und ein Tram kam schon 2016 in einem anderen Werk von Ihnen vor. Was fasziniert Sie an diesem Transportmittel?

Loeb: Nun, mein Traumberuf als Kind war Tramchauffeur. Ich fand das so faszinierend, all diese Knöpfe und Hebel im Führerstand. Da ich einen Chauffeur des Blauen Bähnli kannte, durfte ich jeweils spätabends, wenn es niemand sah, bei ihm im Führerstand mitfahren.
Dafür musste ich mich allerdings daheim aus dem Haus schleichen. Natürlich flog das bald auf, und ich bekam ziemlich Schelte. Und nicht nur ich – auch mein Bekannter. Da war richtig was los bei uns!
BärnerBär: Sie wuchsen in Bern auf und gingen hier zur Schule – welche Erinnerungen an diese Zeit haben Sie sonst noch?
Loeb: Woran ich immer gern zurückdenke: Früher gab es ein Schaufenster, in dem ein Modell-Seilbähnli ausgestellt war. Man konnte draussen einen Knopf drücken, und die Kabine setzte sich in Bewegung. Da blieben wir auf dem Schulweg natürlich immer eine ganze Weile stehen.
Das hat mich sehr beeindruckt und war später auch Inspiration für die Loeb-Schaufenster. Ich achtete immer darauf, dass dort etwas lief und die Leute zum Stehenbleiben und Verweilen motivierte.
BärnerBär: Für viele Bernerinnen und Berner ist der Loeb noch immer viel mehr als ein Name. Wie ist es für Sie, wenn Sie heute in «ihr» Warenhaus gehen?
Loeb: Das war beim letzten Mal gerade sehr lustig. Meine Tochter hatte mich gebeten, mich kurz im Erdgeschoss umzusehen und ihr zu sagen, was ich vom Umbau halte. So kam ich also mit meinem Rollköfferchen direkt vom Bahnhof und zog ein paar Runden durchs Parterre.
Und plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter: Der Sicherheitsmann hatte mich beobachtet und mich für einen Dieb gehalten, weil ich da so auffällig zwischen den Auslagen herumschlich!
BärnerBär: Ist das nicht sonderbar, wenn man Sie gar nicht mehr erkennt?
Loeb: Oh nein, im Gegenteil! Genau dafür bin ich wahnsinnig dankbar. Es gibt einem so viel Freiheit, wenn man unerkannt durch die Stadt gehen kann. Ich geniesse das sehr!
BärnerBär: Wo haben Sie am meisten über die Menschen gelernt: im Warenhaus, in der Politik oder beim Schreiben?
Loeb: Ich glaube, was alle drei verbindet, ist, dass es die Fähigkeit braucht, sich in andere Menschen einfühlen zu können. Als Politiker in die Bevölkerung, als Unternehmer in Mitarbeitende und Kundschaft. Wobei meine Tochter das noch viel besser kann als ich, wie ich immer wieder mit Stolz feststelle!
Und auch beim Schreiben ist diese Fähigkeit natürlich enorm wichtig. Hier hat mich Friedrich Dürrenmatt stark geprägt, von ihm durfte ich sehr viel lernen.

BärnerBär: Das Schreiben begleitet Sie schon Ihr ganzes Leben?
Loeb: Das stimmt. Wenn ich schreibe, führt mich das zurück in meine Jugend. Ich kann jeden Charakter annehmen und die Welt durch dessen Augen sehen. Schon immer hat mich das Schreiben entspannt. Es nahm mir Druck von den Schultern.
Wenn ich schlecht gelaunt war, musste ich mich bloss eine Stunde hinsetzen – etwa an den Murtensee – und etwas schreiben. Meine Gedanken ziehen lassen. Danach war alles wieder gut. Ich kann das nur jedem ans Herz legen. Es muss ja nicht Schreiben sein, Malen kann einen genauso glücklich machen.
BärnerBär: Sie liefern gleich das nächste Stichwort: Glück. Was macht uns Menschen wirklich glücklich?
Loeb: Ich habe letzthin sehr lange mal wieder Schildkröten beobachtet. Dieses Tier lehrt uns so vieles gerade zum Thema Tempo. Man sollte dem Leben nicht ständig davonlaufen. Denn Langsamkeit ist keine Schwäche, sondern eine Form von Weisheit. Wer nicht dauernd hetzt, sieht mehr, spürt mehr und verliert sich seltener.
Man findet sehr oft das Glück in der Langsamkeit. Oder darin, mit anderen Menschen zu sprechen und ihnen zuzuhören. Generell sollten wir, so denke ich, wieder mehr zueinander schauen und füreinander da sein. Auch das macht glücklich.

BärnerBär: Im Alter geht vieles schon rein physisch nicht mehr so schnell. Kann altern also ein Schlüssel zum Glück sein?
Loeb: Ich finde schon. Aber viele sehen das gar nicht so. Da wird über dies oder jenes gejammert, dauernd über Bräschteli geklagt und über die Nachbarn, die Jungen oder wen auch immer gelästert.
Mein Tipp dazu: Jeder Nachteil hat, wenn man genau hinschaut, auch wieder einen Vorteil. Ich höre beispielsweise nicht mehr gut und brauche ein Hörgerät. Das ist mühsam. Aber der grosse Vorteil ist: Egal wie lärmig meine Umgebung ist – in einem Hotel etwa – ich schlafe wie ein Murmeltier.
Auch die Langsamkeit hat ihre schönen Seiten: Wie viel Schönes entdeckt man in der Welt, wenn man langsamer unterwegs ist.
BärnerBär: Gut, aber die Welt rundherum ist ja zurzeit wirklich sehr beängstigend. Wie gehen Sie damit um?
Loeb: Ja, die Welt hat sich verändert. Aber das tut sie immer. Stellen Sie sich vor, Sie stehen an einem Strand und schauen aufs Meer. Manchmal ist es ganz ruhig und bewegt sich kaum. Dann aber kommt Wind auf, und es gibt Wellen. Einige sind beängstigend gross, andere noch grösser, riesig sogar.
Aber irgendwann werden sie auch wieder kleiner, und das Wasser beruhigt sich. Darauf vertraue ich auch mit Blick auf die Weltgeschichte. Und inzwischen schreibe ich noch einige humorvolle Kurzgeschichten, die einen in andere Welten abtauchen, und etwas Auszeit nehmen lassen.








