St. Gallen

    Gewässer sind in der Ostschweiz sauber - und trotzdem belastet

    Die Wasserqualität in der Schweiz gilt als gut. Wer in diesem langen und heissen Sommer in Ostschweizer Gewässern badete, musste sich keine Sorgen machen. Doch sauberes Wasser für den Menschen bedeutet nicht automatisch gesunde Bäche und Flüsse, denn Mikroverunreinigungen setzen diesen zu.

    Die Wasserqualität des Rheins wird mit gut bis sehr gut bewertet. Im Bild: Der Rhein im Oktober 2026 in Hemishofen SH. (Archivbild)
    Die Wasserqualität des Rheins wird mit gut bis sehr gut bewertet. Im Bild: Der Rhein im Oktober 2026 in Hemishofen SH. (Archivbild) - KEYSTONE/MICHAEL SCHMID

    Wasser war im Sommer und bis in den Herbst hinein ein grosses Thema. Dessen Mangel führte etwa in der Landwirtschaft zu Problemen. Abgesehen davon, geniesst die Wasserqualität in der Schweiz einen guten Ruf. Stinkende Bäche und Seen sowie Badeverbote sind in den letzten 50 Jahren kontinuierlich verschwunden. Aber ist unser Wasser wirklich so sauber, wie es scheint?

    Die gute Nachricht zuerst: «Für gesunde Menschen ist das Baden aus Sicht der hygienischen Wasserqualität in der Schweiz ausserhalb von Regenperioden in fast allen Gewässern bedenkenlos möglich», schreibt Daniela Mangiarratti, Informationsbeauftragte Naturgefahren beim Bundesamt für Umwelt (Bafu) auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.

    Auf der Webseite des Bafu heisst es weiter, mehr als 97 Prozent der bewerteten Badeplätze wiesen eine mindestens ausreichende Qualität auf, und diese Situation sei seit Jahren stabil.

    Wasserqualität im Rhein praktisch immer gut

    Diese positive Bewertung ist der grossen Anstrengungen im Bereich der Abwasserreinigung der letzten Jahrzehnte zu verdanken, wie Ämter und Fachleute übereinstimmend schreiben. Die Belastung der Fliessgewässer mit Nährstoffen habe in den vergangenen Jahrzehnten stark abgenommen, wenn sie auch nicht vollständig verschwunden sei.

    Dies bestätigt etwa das Interkantonale Labor in Schaffhausen, das die Wasserqualität des Rheins vorwiegend an Badeplätzen im Kanton Schaffhausen zwischen Stein am Rhein und Rüdlingen und an einer Stelle an der Thur untersucht. Christoph Moschet, Kantonschemiker für Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden und Schaffhausen, schreibt dazu auf Nachfrage: «Die Wasserqualität der untersuchten Badeplätze wird seit Jahren praktisch immer als gut bis sehr gut bewertet.» Das sei auch in diesem Sommer so gewesen – mit einer Ausnahme.

    Am 20. Juli sei die Wasserqualität an einigen Stellen nur «als akzeptabel» eingestuft worden, zwei Tage später aber bereits wieder gut gewesen. Das Interkantonale Labor geht davon aus, dass die temporäre Verunreinigung im Zusammenhang mit starken Niederschlägen ein paar Tage zuvor stand.

    Nach starken Regenfällen oder bei Hochwasser sei «eine verstärkte Belastung mit krankheitserregenden Mikroorganismen möglich», schreibt das Bafu. Ursachen dafür seien zum Beispiel die Regenwasserüberläufe der Kanalisation oder abgeschwemmter Hofdünger.

    Herausforderung Mikroverunreinigungen

    Die schlechtere Nachricht: Wasserqualität ist nicht gleich Wasserqualität. Es stellt sich nicht nur die Frage, ob der Kontakt mit einem Naturgewässer uns Menschen wegen mangelhafter Wasserhygiene krank macht, sondern auch, welchen Belastungen das Gewässer selbst und somit sein Ökosystem ausgesetzt ist.

    Als zur Zeit grösste Herausforderung hält man sowohl beim Bafu wie auch beim Kanton St. Gallen den Eintrag von Mikroverunreinigungen. Zu diesen gehören Pestizide, also Pflanzenschutzmittel, wie auch Rückstände von Arzneimitteln, Haushalts- und Industriechemikalien oder per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (PFAS).

    Das St. Galler Amt für Wasser und Energie (AWE) veröffentlichte Ende 2025 einen Fachbericht zu Mikroverunreinigungen in Fliessgewässern. Darin wertete es die Daten von neun permanenten Messstationen über den Zeitraum von 2018 bis 2024 aus. In allen untersuchten Gewässern stellten die Autoren und Autorinnen Überschreitungen von Grenzwerten der Gewässerschutzverordnung fest.

    Unterschiede zwischen Bach und Fluss

    Laut Bericht sind im Kanton St. Gallen rund drei Viertel der Fliessgewässerstrecken kleine Bäche, die wertvolle Lebensräume darstellen und eine zentrale Rolle für die Biodiversität spielen. Viele dieser Gewässer «liegen in intensiv genutzten Gebieten und sind dadurch besonders anfällig für stoffliche Belastungen».

    «Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede zwischen Gewässern mit landwirtschaftlich- und siedlungsgeprägten Einzugsgebieten», schreibt das Autorenteam. «In kleinen Bächen dominieren Pestizide, während in grösseren Flüssen Arzneimittel sowie Haushalts- und Industriechemikalien prägend sind.» Heisst: Ein hübscher Bach könnte belasteter sein als ein Fluss, der optisch «schmutziger» wirkt.

    Die Verunreinigungen gelangen laut des Berichts über verschiedene «Eintragspfade» in die Fliessgewässer, zum Beispiel über Quellen wie die Industrie, Abwasserreinigungsanlagen oder auch «diffus» über «Abschwemmungen aus der Landwirtschaft oder aus Siedlungsgebieten».

    «Saisonale Muster» im Gewässer

    Bei bestimmten Stoffen könnten sich ausserdem «ausgeprägte zeitliche oder saisonale Muster» zeigen, schreibt Evelyn Jeger, stellvertretende Leiterin der Kommunikation des Bau- und Umweltdepartements des Kantons St. Gallen, dazu. So seien beispielsweise im Sommer «erhöhte Einträge» an Pflanzenschutzmitteln möglich, insbesondere bei Niederschlag. Im Winter könnten erhöhte Konzentrationen an Chlorid infolge der Strassensalzung auftreten.

    Glatt, Äächeli, Rheintaler Binnenkanal und Thur wiesen gemäss ausgewerteter Daten Überschreitungen hinsichtlich der Anforderungen der Gewässerschutzverordnung auf. Die Gewässer als die «dreckigsten» im Kanton zu bezeichnen, lässt Jeger allerdings nicht gelten. Die Messungen seien zeitlich und örtlich begrenzt. Und: «Gewässer, bei denen aufgrund des Einzugsgebiets oder früherer Untersuchungen Belastungen zu erwarten sind, werden entsprechend gezielt untersucht.»

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