Demenz – Gehirnreinigung soll auch im Wachzustand funktionieren
Eine finnische Studie untersucht, wie sich die Gehirnreinigung im Wachzustand verstärken lässt und welche Bedeutung dies für Demenz haben könnte.

Rund 1,8 Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer Demenzerkrankung. Die häufigste Ursache ist Alzheimer, bei der sich unter anderem schädliche Eiweisse im Gehirn ansammeln.
Forschende der Universität Oulu in Finnland untersuchen deshalb einen neuen Ansatz. Sie wollen das körpereigene Reinigungssystem des Gehirns gezielt aktivieren, ohne dass die Betroffenen schlafen müssen.
Normalerweise arbeitet das Reinigungssystem des Gehirns besonders intensiv während des Schlafs. Dabei unterstützen Flüssigkeitsbewegungen den Abtransport von Stoffwechselprodukten und bestimmten Eiweissablagerungen.
Nitroglycerin und Vibrationsmatratze im Einsatz gegen Demenz
Das finnische Forschungsteam kombinierte dafür zwei unterschiedliche Reize. Wie «Nordisch.info» berichtet, untersuchten Forschende der Universität Oulu insgesamt 29 gesunde Freiwillige.
Zum Einsatz kamen Nitroglycerin und eine rund 37-minütige Ganzkörpervibration. Das Medikament erweitert die Blutgefässe und senkt vorübergehend den Blutdruck.

Die Vibration erfolgte auf einer speziellen Matratze und sollte mechanisch empfindliche Piezo1-Kanäle aktivieren. Diese Kanäle sind an der Regulation der Blutgefässe beteiligt und könnten den Flüssigkeitstransport unterstützen.
Mehr Gehirnproteine im Blut nachgewiesen
Nach der kombinierten Behandlung stiegen bestimmte Proteine aus dem Gehirn im Blut der Teilnehmenden an. Dazu gehörten Beta-Amyloid 40 und 42 sowie das Protein GFAP.
Der Beta-Amyloid-40-Wert erhöhte sich beispielsweise von 38,2 auf 50,5 Pikogramm je Milliliter. Auch Magnetresonanzaufnahmen zeigten Veränderungen im Gehirn und insbesondere im Bereich grosser Hirnvenen.
Die Forschenden interpretieren diese Ergebnisse als Hinweis auf einen verstärkten Abtransport löslicher Gehirnproteine. Die Originalstudie erschien am 3. November 2026 in «Nature Communications».
Demenz: Studie liefert noch keinen Nachweis für eine Alzheimer-Therapie
Allerdings ist der genaue Transportweg noch nicht abschliessend geklärt. Auch eine vorübergehend erhöhte Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke kommt als Erklärung infrage.
Die Ergebnisse lassen sich bislang nicht auf Menschen mit einer Demenzerkrankung übertragen. Untersucht wurden ausschliesslich gesunde Freiwillige und keine Alzheimer-Patienten.
Zwar gab es eine zusätzliche Vergleichsgruppe für bestimmte MRT-Auswertungen. Für die Blutmessungen stand jedoch keine entsprechende Kontrollgruppe zur Verfügung.
Nebenwirkungen und weitere Studien zu Demenz geplant
Zudem traten vorübergehende Nebenwirkungen auf: Vier Teilnehmende entwickelten Kopfschmerzen, drei litten unter Übelkeit. Ein Versuch wurde wegen Erbrechens vorzeitig abgebrochen.
Die Beschwerden klangen innerhalb von 30 Minuten ab. Schwerwiegende Nebenwirkungen wurden während der Untersuchung nicht beobachtet.
Studienleiter Vesa Kiviniemi sieht weitere Untersuchungen mit Menschen mit frühen Gedächtnisstörungen als nächsten Schritt. Erst diese sollen zeigen, ob das Verfahren tatsächlich einen medizinischen Nutzen haben könnte.
Herpesvirus verändert Immunzellen im Gehirn
Auch eine weitere aktuelle Untersuchung beschäftigt sich mit möglichen Mechanismen hinter Alzheimer. Forschende der University of Colorado untersuchten dafür die Auswirkungen des Herpes-simplex-Virus Typ 1 auf Mäuse.
Die Ergebnisse erschienen in «PLOS Pathogens». Im Mittelpunkt standen Mikroglia, spezielle Immunzellen, die Zellabfälle und schädliche Eiweissablagerungen beseitigen.

Die Forschenden stellten fest, dass sich die Aktivität dieser Immunzellen nach einer Infektion veränderte. Ihre antiviralen Abwehrprogramme wurden verstärkt, während bestimmte Gene für normale Erhaltungsfunktionen weniger aktiv waren.
Herpes und Demenz: Zusammenhang bleibt ungeklärt
Die Untersuchung zeigt mögliche Zusammenhänge zwischen Virusinfektionen und der Immunabwehr des Gehirns. Insbesondere das Herpes-simplex-Virus Typ 1 könnte die Funktion bestimmter Immunzellen beeinflussen.
Ob diese Veränderungen langfristig bestehen bleiben, ist laut dem «BR24» bislang jedoch unklar. Die Studie beweist nicht, dass Lippenherpes Alzheimer verursacht.
Auch eine vorbeugende Wirkung antiviraler Medikamente gegen Demenz ist bisher nicht wissenschaftlich belegt. Weitere Untersuchungen sollen klären, ob Herpesinfektionen das Alzheimer-Risiko beim Menschen tatsächlich erhöhen.












