Eine Gruppe von Freiwilligen kämpft im Ukraine-Krieg online gegen Russland. Die Hacker-Angriffe der sogenannten IT-Armee sind aber umstritten.
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Ein Hacker im Einsatz. (Symbolbild) - Keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Ukraine ist im Cyber-Krieg gegen die Russen auf Freiwillige angewiesen.
  • Über einen Telegram-Kanal koordinieren diese Hacker-Angriffe auf russische Ziele.
  • Unklar ist, wie unabhängig von Kiew die Gruppierung operiert.

Der Ukraine-Krieg spielt sich längst nicht nur auf dem Schlachtfeld ab: Gekämpft wird unter anderem auch um die Vorherrschaft im Cyber-Raum. Wolodymyr Selenskyj setzt dabei auf eine IT-Armee, die aus Freiwilligen besteht.

Und diese führt regelmässig Angriffe auf russische Ziele durch. Bekanntestes Beispiel: Gemäss russischen Medien konnte Wladimir Putin seine Rede am Wirtschaftsforum in St. Petersburg aufgrund einer Cyber-Attacke erst eineinhalb Stunden später als geplant halten. Verantwortlich dafür soll eben genau die sogenannte «IT Army of Ukraine» gewesen sein.

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Wladimir Putin am 14. April, als der Ukraine-Krieg längst lief.
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Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj im informellen Militär-Look während einer Videoansprache.

Mithilfe eines Telegram-Kanals wird die Truppe koordiniert. In diesem Chat sind bis zu 300'000 Personen aus aller Welt dabei. Laut der «NZZ» ist jedoch unklar, wie viele wirklich an den Angriffen teilnehmen.

Über den Kanal findet demnach ein Austausch über die anvisierten Ziele statt. Mit der sogenannten DDoS-Strategie will man verschiedene russische Systeme überlasten. Brisant: Die IT-Armee soll im Ukraine-Krieg nicht nur militärische Ziele, sondern auch zivile Einrichtungen angreifen. Dazu gehören Universitäten oder Apotheken.

Nur Freiwillige oder Teil der Armee im Ukraine-Krieg?

Es stellt sich bei der IT Army die Frage, wie viel sie mit dem eigentlichen ukrainischen Militär zu tun hat. Entstanden ist die Freiwilligen-Gruppe jedenfalls als Ersatz. Dies, weil Kiews Armee zu Beginn von Moskaus grosser Invasion im Februar schlicht keine kampfbereite Cyber-Truppe hatte.

In der Ukraine betont man, dass es sich um zwei unabhängige Organisationen handelt. So sagt beispielsweise Digitalminister Michailo Fedorow über die IT-Armee: «Das ist ein Freiwilligenprojekt, keine Armee.»

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Ein ukrainischer Soldat im Ukraine-Krieg in der Nähe von Luhansk. - AFP

Etwas anders sieht dies Stefan Soesanto vom Center for Security Studies an der ETH Zürich. Gegenüber der Zeitung zeigt sich der Experte überzeugt, dass es Verbindungen zu den staatlichen Stellen gibt. Es sei möglich, dass die Freiwilligenarmee via Telegram von Ex-Geheimdienstlern koordiniert werde.

Es ist jedoch nicht überraschend, dass sich der Staat eher zurückhaltend gibt. Denn die IT Army ist nicht unumstritten, trotz vieler Sympathien aus dem Westen. Soesanto wirft diesem gar Naivität vor: «Die EU- und die Nato-Staaten haben noch gar nicht verstanden, was die IT Army tatsächlich ist.»

Russland wird kritisiert – die Ukraine nicht

Das Problem: Laut dem ETH-Forscher herrscht eine Doppelmoral, was Cyber-Angriffe im Ukraine-Krieg angeht. Der Kreml wird jeweils scharf kritisiert, wenn er die Aktionen aus dem eigenen Land nicht stoppt – nicht so Kiew. Soesanto fragt: «Warum ist es jetzt in Ordnung, wenn Gruppierungen von westlichen Ländern aus Russland angreifen?»

Mit Blick auf die Zukunft müssen rechtliche Diskussionen über den Informatik-Krieg geführt werden, sagt Soesanto. Sonst könnte es bei verschiedenen Staaten zum probaten Mittel werden, Freiwillige dafür zu engagieren.

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