Pädophilie: Immer mehr Selbstjustiz in den Niederlanden

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    In den Niederlanden schlagen Bürgerwehren zu: Im Internet suchen sie ihre Beute, angeblich pädophile Männer. Sie locken sie zu einem Treffpunkt, kreisen ihre Opfer ein und schlagen dann zu.

    Pädophilie
    2024 verzeichneten die beiden Schweizer Beratungsstellen für Menschen mit «sexueller Präferenz für Kinder und Jugendliche» einen Anstieg der Anfragen. (Symbobild) - dpa

    Das Wichtigste in Kürze

    • Der 73-jährige Rentner Jan war beliebt in seinem Wohnviertel in Arnheim im Osten der Niederlande.

    Das Entsetzen war dann auch gross, als er Ende Oktober vor seiner Wohnung halb tot geschlagen gefunden wurde. Der frühere Lehrer erlag wenig später im Krankenhaus seinen Verletzungen.

    Vor seiner Wohnung legten Nachbarn Blumen nieder, hielten eine Schweigeminute. Die sechs mutmasslichen Täter waren schnell festgenommen - der jüngste war 15 Jahre alt. Es waren sogenannte Pädo-Jäger.

    Sie hatten dem Mann eine Falle gestellt, wie sie selbst zugaben. In einem Chatroom für Homosexuelle hatten sie mit dem gefälschten Profil eines minderjährigen Jungen Kontakt gesucht. Der Mann hätte sich verabredet, um Sex zu haben. Beim Treffpunkt hätten sie ihn zur Rede gestellt, so sagten sie später aus. Die Konfrontation endete für den Rentner tödlich.

    Der bestürzende Fall ist kein Einzelfall. Gruppen von sogenannten Pädo-Jägern schiessen wie Pilze aus dem Boden. Von Juli bis September 2020 registrierte die Polizei 250 solcher Fälle. «Das ist absolut viel», sagte Simen Klok, Sprecher der Polizei der Ost-Region des Landes. «Das läuft aus dem Ruder.» Allein in der vergangenen Woche registrierte die Polizei drei Fälle. Immer wurden Männer, die angeblich Sex mit Kindern haben wollten, in eine Falle gelockt und misshandelt. Die Dunkelziffer ist vermutlich hoch. Denn viele Opfer melden sich nicht aus Scham, Angst oder weil sie erpresst werden.

    Für die Zunahme der Selbstjustiz gibt es mehrere Gründe. Im vergangenen August habe die Ankündigung einer Pädophilen-Partei für Unruhe gesorgt, sagte der Polizei-Sprecher. Dann geben Verschwörungstheorien, dass eine Elite Kinder zu satanischen Ritualen missbrauche, den Gruppen Auftrieb. «Ausserdem haben Leute jetzt in der Corona-Pandemie mehr Zeit und langweilen sich.»

    Das sieht auch der Verteidiger eines der mutmasslichen Täter von Arnheim als Motiv. «Die Idee, Jagd auf Pädos zu machen, entstand aus Langeweile», sagte Anwalt Jamil Roethof.

    Das Vorgehen der sogenannten Pädo-Jäger läuft meist nach demselben Muster ab. Über die sozialen Medien wie Facebook oder Instagram suchen sie Gleichgesinnte. Sie nennen sich pedohunter 2.0, pedohuntgooi oder jager030. Manche Gruppen haben tausende von Followern, ihre Videos werden zehntausendfach im Netz verbreitet.

    Ihr Motiv ist angeblich der Schutz der Kinder. «Es geht uns um die Kinder», sagte jüngst Max Wijnen (27) von einer Gruppe, die in der Region um Amsterdam aktiv ist. «So ein Typ macht das Leben der Kinder kaputt, Kinder lässt man in Ruhe», sagte der Buchhalter, selbst Vater einer kleinen Tochter, der Amsterdamer Zeitung Het Parool.

    Männer wie Wijnen geben sich auf Chat-Sites etwa als 14-jähriges Mädchen aus. Dann versuchen sie den Mann dazu bringen, sexuell eindeutige Angebote zu machen. Wenn es zu einer Verabredung kommt, schlagen sie zu.

    Auf Youtube-Videos sind solche Jagdszenen zu sehen. Männer, oft in militärischem Outfit, umzingeln ihr Opfer, stellen es zur Rede, oder nehmen es gleich in den Würgegriff. Sie berufen sich auf ihr Recht, mutmassliche Straftäter festzunehmen. Manche rufen dann die Polizei. Alles wird gefilmt und ins Internet gestellt. Oft mit vollem Namen und Adresse des Mannes. Arbeitgeber werden angerufen, Freunde, Familie, Nachbarn informiert. «Wenn wir einen Pädophilen konfrontieren», so sagte Wijnen, «dann sag ich dem, dass er morgen ein Promi ist. Wir sorgen dafür, dass ihre Freiheit eingeschränkt ist.»

    Videos auf Youtube sind der moderne Pranger. Ohne, dass es Beweise für eine Straftat gibt, geschweige denn ein Richter geurteilt hat. Pädophilie, also ein sexuelles Interesse an Kindern, ist an sich nicht strafbar - solange sie nur in Gedanken ausgelebt wird. Strafbar ist es dann, wenn sich Erwachsene an Kindern sexuell vergreifen oder etwa Filme konsumieren, die sexuelle Gewalt an Kindern zeigen.

    «Durch die Digitalisierung können diese Gruppen viel schneller operieren», sagt der Polizei-Sprecher Klok. «Sie können im ganzen Land Gleichgesinnte treffen und Männer in die Falle locken.»

    Die gejagten Männer sind eine leichte Beute für Erpresser. Oft werden sie bedroht und müssen für das Schweigen ihrer Jäger bezahlen. Ende Dezember waren drei Männer, darunter ein 27-jähriger Deutscher, in Enschede nahe der deutschen Grenze zu Haftstrafen von bis zu drei Jahren verurteilt worden, weil sie einen älteren Mann misshandelt und erpresst hatten. Sie hatten sich im Internet als «Suzan» ausgegeben und ihn zu einem Treffpunkt gelockt.

    Die Polizei hat genug von diesen Bürgerwehren. «Die meisten machen sich strafbar und wollen das Recht in die eigenen Hände nehmen», warnte Polizeisprecher Klok. Man darf keine Straftat herauslocken. Und die meisten sogenannten Beweise, die die Gruppen vorlegen, seien vor Gericht nicht verwertbar. Polizei und Staatsanwaltschaft riefen dringend dazu auf, die Menschen-Jagd zu stoppen. «Hier müssen wir eine deutliche Grenze ziehen», sagte Oberstaatsanwalt John Lucas. «Wer einen ernsthaften Verdacht hat, soll das der Polizei melden.»

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