Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ist präsent wie eh und je

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    Österreich,

    Elfriede Jelinek fühlt sich frei zu schreiben, was, wann und wie sie will. Ihr bevorzugtes Publikationsorgan ist seit langem ihre Homepage. Die Literaturnobelpreisträgerin aus Österreich wird 80 Jahre alt.

    Elfriede Jelinek bezieht auf ihrer Homepage Position zu gesellschaftspolitischen Themen, ihre Theaterstücke sind auf den Bühnen präsent - und vor allem in Österreich eckt sie an in ...
    Elfriede Jelinek bezieht auf ihrer Homepage Position zu gesellschaftspolitischen Themen, ihre Theaterstücke sind auf den Bühnen präsent - und vor allem in Österreich eckt sie an in ... - Keystone/EPA/ROLAND SCHLAGER

    Doch öffentliche Auftritte wird es zu diesem Anlass nicht geben. Bereits der pompösen Nobelpreiszeremonie in Stockholm ist die Dichterin ferngeblieben. Die Schwedische Akademie zeichnete sie 2004 aus, für den «musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen» in ihren Werken, in denen sie «die Absurdität gesellschaftlicher Klischees und ihrer unterjochenden Macht» offenlegt. Ihre Preisrede mit dem Titel «Im Abseits» schickte sie per Video. Die Literaturnobelpreis-Urkunde und die dazugehörige Medaille wurden ihr eine Woche nach der offiziellen Gala in der Residenz der Schwedischen Botschaft in Wien überreicht.

    «Triebtäterin» mit Schreibzwang

    Als Mitunterzeichnerin von Manifesten und Aufrufen sowie als Verfasserin von Theaterstücken ist sie präsent wie eh und je. Auf ihrer Homepage, um die sich bis zuletzt ihr 2022 verstorbener Ehemann, der deutsche Komponist und Informatiker Gottfried Hüngsberg, kümmerte, nimmt sie regelmässig Stellung zu den Themen der Zeit, die sie in ihren Stücken häufig mit der Literatur- und Kulturgeschichte von der Antike aufwärts in Bezug setzt.

    «Es ist kein Wollen, sondern ein Müssen; ich bin eine Triebtäterin», kommentierte sie einmal in einem Interview mit der österreichischen Nachrichtenagentur APA. Ihren Schreibzwang ironisiert sie übrigens häufig selbst in ihren Texten. Für Abwechslung und hohe Beliebtheit in den Theatern sorgt sie mit ihren Textflächen, die in der Regel ohne Rolleneinteilung auskommen. Damit lässt sie Regisseurinnen und Regisseuren gänzlich freie Hand.

    Elfriede Jelinek wurde – wiewohl Tochter eines in Wien lebenden Ehepaares – am 20. Oktober 1946 in der Steiermark geboren. Ihre «ungemein leistungsbezogene» Mutter habe sie zum Wunderkind «dressieren» wollen, so Jelinek einmal.

    Autorin statt Musikerin

    Mit sechs Jahren begann sie ihren Klavierunterricht und übte schon bald an einem eigens angeschafften Steinway-Flügel. Mit 13 wurde sie jüngste Schülerin in der Musikhochschule und begann ein Orgelstudium. Später lernte sie auch Bratsche und Gitarre, mit 16 auch noch Komposition.

    Nach der Matura, die sie an einer Klosterschule ablegte, studierte sie am Wiener Konservatorium Klavier und Komposition, belegte daneben aber auch Sprachen, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte. Aus der für sie von der dominanten Mutter Ilona Jelinek geplanten Musikerinnenkarriere wurde dennoch nichts. Bis zu deren Tod im Jahr 2000 hatte die Mutter grossen Einfluss auf das Leben ihrer Tochter; verewigt hat sie sie in ihrem Roman «Die Klavierspielerin». Elfriede wurde also nicht Musikerin, sondern Autorin: Noch als Studentin veröffentlichte sie 1967 ihren ersten Gedichtband «Lisas Schatten».

    Sexualität, Gewalt und Macht

    Sowohl ihr Romandebüt «wir sind Lockvögel, baby» (1970) als auch die Romane «Die Ausgesperrten» (1980) und «Die Klavierspielerin» (1983) begeisterten die Kritiker, stiessen jedoch in gleichem Mass auf heftigen Widerstand.

    In ihrer literarischen Arbeit übt Jelinek immer wieder scharfe Kritik an der Männer- und Klassengesellschaft und setzt sich kritisch mit den Themen Sexualität, Gewalt und Macht auseinander. Aufsehen, Neugier und Widerspruch erregte besonders der Roman «Lust» (1989). Als ihr «opus magnum» bezeichnet sie selbst «Die Kinder der Toten» (1995). Im Jahr 2000 erschien «Gier», ein vieldeutiger Kriminalroman aus der österreichischen Provinz. Ihren bisher letzten Roman «Neid» (2008) veröffentlichte sie im Internet. Ausgedruckt umfasst er 936 Seiten.

    «Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaft» war 1979 das erste Theaterstück aus der Feder Jelineks. Es folgten «Clara S.» (1982), «Burgtheater» (1985), «Krankheit oder Moderne Frauen» (1987) und «Wolken. Heim» (1988), eine Montage aus Texten von Hölderlin, Kleist, Fichte, Hegel, Heidegger und Auszügen aus Briefen der RAF-Häftlinge. Um Fremdenfeindlichkeit, Heimat und Intoleranz gegenüber anderen ging es auch in ihrem szenischen Essay «Totenauberg» (1992), der ebenso wie «Raststätte oder Sie machen's alle» (1994), «Stecken, Stab und Stangl» (1996) und «Ein Sportstück» (1998) am Burgtheater uraufgeführt wurde.

    Mit ihrer Verweigerung von klassischer Dramaturgie und der Entwicklung von monologartigen Textflächen wurde Jelinek zur Herausforderung der Theater – dort aber auch mit immer grösserer Begeisterung angenommen. Zu ihren wichtigsten Regisseuren wurden Christoph Schlingensief («Bambiland»), Jossi Wieler («Macht nichts», «Rechnitz (Der Würgeengel)») und vor allem Nicolas Stemann (u.a. «Das Werk», «Babel», «Ulrike Maria Stuart», «Die Kontrakte des Kaufmanns», «Wut», zuletzt: «Unter Tieren»).

    Im Februar 2026 fand mit der Uraufführung der Oper «Monster's Paradise. Eine Grand Guignol Opéra» in Hamburg nach über zwei Jahrzehnten auch ihre Zusammenarbeit mit der Komponistin Olga Neuwirth eine Fortsetzung.

    Abwehrreflex bei Gegnern

    Ihr Bestseller «Lust» (1989), die Uraufführungen ihrer Porno-Satire «Raststätte oder Sie machen's alle» in der Inszenierung von Claus Peymann (1994) und von «Ein Sportstück» durch Einar Schleef (1998) sowie die Verfilmung ihres 1983 erschienenen Romans «Die Klavierspielerin» durch Michael Haneke fanden weit über die Grenzen des Literatur- und Theaterbetriebs Beachtung.

    Aber Medien und politische Gegner, wie die FPÖ, griffen Elfriede Jelinek immer wieder an. Zumindest bei der FPÖ hat sich am Abwehrreflex nichts geändert. Schon gegen die Zuerkennung der Wiener Ehrenbürgerschaft hatte die rechtspopulistische Partei protestiert. Und jüngst sorgt ein Streit für Wirbel, der sich um 600'000 Euro dreht: Diesen Betrag hat die Stadt Wien für einen Teil des Archivs der Autorin bezahlt – für die FPÖ «eine Provokation».

    Nichtsdestotrotz zählt Elfriede Jelinek zu den Autorinnen und Autoren Österreichs mit den höchsten Auszeichnungen. Neben dem Literaturnobelpreis gehören dazu der Georg-Büchner-Preis (1998) oder der Nestroy für ihr Lebenswerk (2021). Zudem hat sie die Stadt Wien zur Ehrenbürgerin ernannt; die entsprechende Urkunde wurde ihr 2023 überreicht. Und 2024 erhielt sie das Grosse Goldene Ehrenzeichen am Bande für ihre Verdienste um die Republik Österreich.

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