Grigorcea und Florescu erzählen von Rumänien nach der Wende

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Bern,

Die Autorin Dana Grigorcea und der Autor Catalin Dorian Florescu leben beide in Zürich und sind beide in Rumänien geboren. Und: Beide erzählen in neuen Romanen vom Leben in Rumänien nach der Ära Ceausescu.

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Stapel von Büchern liegen auf den Tischen einer Buchhandlung. - Keystone

Mit dem Sturz des Diktators Nicolae Ceausescu fiel 1990 eine bleierne Last von Rumänien ab. Die neue Freiheit belebte die Menschen, doch die Erinnerung an erlittene Qualen liess sich nicht einfach abschütteln. Diesen Zwiespalt beleuchten zwei neue Romane, die nahezu zeitgleich erscheinen: «Tanzende Frau, blauer Hahn» von Dana Grigorcea und «Matei entdeckt die Freiheit» von Catalin Dorian Florescu. Die beiden Werke ergänzen einander perfekt.

Dana Grigorcea kehrt in «Tanzende Frau, blauer Hahn» zurück zum Handlungsort ihrer verführerischen Dracula-Variation «Die nicht sterben» (2021). Im Karpatenstädtchen Bușteni sind die alten Geister ausgeflogen, die Welt erscheint wieder heil. Die Ich-Erzählerin Roxana verbringt hier mit Grosstante und Grossmutter den Sommer in der Bergfrische. Das Haus der beiden Damen ist für sie ein Ort der Unbeschwertheit. Roxana beobachtet die Dorfgemeinschaft und schliesst Freundschaft mit Camil, einem aufgeweckten Jungen.

Um die meist heiteren, launigen Geschichten, die Roxana erzählt, hat Grigorcea eine Rahmenhandlung gelegt. Die Autorin dieser Geschichten liest daraus auf einer Lesetournee, begleitet wird sie von Thierry, einem Musiker, der ihre Lesungen untermalt. Während ihren Reisen kommen sie sich näher. Weil, wie Thierry sagt, «alle Beziehungsgeschichten in dem Buch Variationen der einen Liebesgeschichte sind», wird ihre Liebelei aber eine Episode bleiben, genau so wie die von Camil und Roxana.

Die beiden ungleichen Jugendlichen stehen für zwei Welten, die einander argwöhnisch betrachten, auch wenn sie sich freundlich begegnen. Ein Mädchen in Bușteni aber durchbricht die unsichtbare Wand: Ana-Mia, ein lebhafter Wirbelwind, der Roxana nacheifert. Ana-Mia schafft den Sprung in die Welt der Kultur und wird Schriftstellerin.

Ihre Geschichten erzählt Dana Grigorcea unter dem verspielten Titel «Tanzende Frau, blauer Hahn». Auf charmante Weise verströmen sie sommerliche Gelassenheit. Die alten Zeiten blitzen nur auf, wenn etwa von einem Mann gesagt wird, er sei damals ein «gefürchteter Direktor der Papierfabrik» gewesen. Jetzt ist er bloss ein Alter im Dorf, der hin und wieder die beiden Damen besucht. Die einstige Rolle ist (beinahe) vergessen, die Wende hat die Leichtigkeit zurückgebracht.

An diesem Punkt setzt Florescus Roman «Matei entdeckt die Freiheit» an. Dem Ich-Erzähler Matei gelingt diese Leichtigkeit nach der Wende nicht. 1957 war er wegen ein paar jungenhafter Gedichte zu sieben Jahren Straflager verurteilt worden. Diese Zeit der Schläge und des Hungers kann und will er nicht vergessen. «Mit Weinen überlebst du nicht. Nur Hass hält dich am Leben», rumort in seinem Kopf der Satz eines Lagergenossen.

Nach seiner Freilassung 1964 wurde ihm aber erst einmal ein grosses Glück zuteil. Monica, die Witwe eines Lagergefangenen, nahm ihn in ihre Obhut. Sie verhalf ihm auch zu einer Arbeit als Sargmacher. Doch trotz dieser wunderbaren Fügung hat Matei die Schwermut nie ablegen können.

Florescus neuer Roman schliesst an «Der Feuerturm» (2022) an, in dem starke Frauen den Lebensmut und die Menschlichkeit in schweren Zeiten bewahren. Im neuen Buch ist Monica der kraftvolle, ruhende Pol, der Matei durch die Ceausescu-Jahre führt. Mit deren Ende aber regen sich seine Lebensgeister wieder und eine alte fixe Idee meldet sich zurück: das Erlittene zu rächen. Auf einem Trödelmarkt hat Matei schon mehrmals seinen einstigen Peiniger, den Verhöroffizie Pană gesehen.

Aus Mateis Perspektive beschreibt Florescu präzise und anschaulich die Jahre im Straflager, wie sie Matei in Träumen und Gedanken verfolgen. Weil er nicht vergeben kann, wie sein Freund Andei, verbeisst er sich in eine unfrei machende Racheaktion. Das ist die traurige Paradoxie der Lagerexistenz, die Florescu eindrucksvoll beschreibt. Indem Matei die Vergangenheit nicht loslässt, betrügt er sich selbst um die neue Freiheit.

Die beiden Romane von Grigorcea und Florescu repräsentieren gesellschaftliche Unterschiede. Sie ergänzen einander wie Land und Stadt, Liebe und Hass, Vergebung und Rache. Beiden, der Autorin wie dem Autor, gelingt es auf ihre Weise, die Wendezeit stimmig in ihre Erzählung einzubetten.

Dabei ist Grigorceas Roman entschieden luftiger und leichter als der von Florescu, dessen Held nicht von den alten Geistern loskommt. Ob Matei heil herausfindet, lässt der Autor offen. Schuldgefühle werden Matei mit Sicherheit verfolgen.*

*Dieser Text von Beat Mazenauer, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt Stiftung realisiert.

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Kommentare

User #4232 (nicht angemeldet)

Die Securitate hat noch Arbeit vor sich.

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