Vor hundert Tagen feierten die Engländer das Ende der Corona-Massnahmen, nun ist die Feierlaune vorbei. Infektions- und Totenzahlen steigen wieder stark.
Freedom Day britische
Ein Mann bei einer Party kurz nach der Wiedereröffnung in London. - sda - Keystone/AP/Alberto Pezzali

Das Wichtigste in Kürze

  • Die britische Bevölkerung feierte noch vor hundert Tagen den «Freedom Day».
  • So langsam vergeht nun aber die Feierlaune. Die Infektionszahlen steigen wieder stark.
  • Experten fordern deshalb die Rückkehr der Corona-Massnahmen.

100 Tage nach dem «Freedom Day» hat Grossbritannien eine der höchsten Infektionsraten weltweit. Auch die Zahl der Krankenhaus- und Todesfälle steigt wieder. Experten fordern die Rückkehr von Corona-Massnahmen, doch die Regierung stellt auf Durchzug. «Vorsichtig, aber unumkehrbar» - so hatte der britische Premierminister Boris Johnson die schrittweise Aufhebung der Corona-Massnahmen in England angekündigt.

Im grössten britischen Landesteil fielen die letzten Pandemie-Regeln wie Abstand halten und Maskentragen. Junge Nachtschwärmer feierten den «Freedom Day» ausgelassen in den Diskotheken des Landes. Doch 100 Tage später ist vielen nicht mehr zum Feiern zumute.

Experten und Mediziner warnen

Grossbritannien hat inzwischen eine der höchsten Infektionsraten weltweit. Die Sieben-Tage-Inzidenz lag zuletzt bei etwa 485, Tendenz steigend. Die als Impfwunder gefeierte Kampagne gerät bei den Auffrischungsimpfungen für Ältere und den Jugendlichen ins Stocken. Zuletzt kletterte die Zahl der registrierten Neuinfektionen auf beinahe 50'000.

Die Zahl der täglichen Krankenhauseinweisungen liegt bei mehr als 1'000, täglich werden Dutzende Corona-Tote gemeldet. Eine neue, womöglich geringfügig ansteckendere Variante des Virus in Grossbritannien, gilt hingegen bislang als wenig besorgniserregend. Beim Parteitag Anfang Oktober liess sich Johnson noch dafür feiern, dass man «eine der offensten Wirtschaften und Gesellschaften» habe. Doch Experten und Mediziner warnen inzwischen davor, dass der Abbau des entstandenen Rückstaus an Krankenhausbehandlungen in Gefahr gebracht werden könnte.

Vereinigtes Königreich Boris Johnson
Der Premierminister Grossbritanniens, Boris Johnson. (Archivbild) - Keystone

«Wir sind am Limit, und es ist Mitte Oktober. Es würde unglaublich viel Glück brauchen, damit wir uns in drei Monaten nicht in einer schweren Krise wiederfinden.» Dies sagte der Geschäftsführer des Verbands der Trägerorganisationen des Nationalen Gesundheitsdiensts NHS, Matthew Taylor, dem «Guardian». Der Ärzteverband BMA (British Medical Association) bezichtigte die Regierung, sogar «bewusst fahrlässig» zu handeln.

Nach Freedom Day britische Bevölkerung wieder eingeschränkt

Taylor fordert wie viele andere, dass die Regierung ihren angekündigten Plan B nun ins Spiel bringt. Das würde zum Beispiel eine Wiedereinführung der Maskenpflicht in überfüllten Räumen. Und die Pflicht zum Vorzeigen von Impfpässen bei Grossveranstaltungen bedeuten.

Auch BMA-Chef Chaand Nagpaul forderte die sofortige Wiedereinführung von Corona-Massnahmen. Die Regierung habe versprochen, Plan B zu ergreifen, wenn der Nationale Gesundheitsdienst NHS in Gefahr sei, überwältigt zu werden. «Als Ärzte, die in erster Reihe stehen, können wir absolut sagen, dass dieser Punkt jetzt erreicht ist.» So Nagpaul eine Mitteilung zufolge.

Plan B muss noch warten

Doch die Regierung will ihr Versprechen von der grossen Freiheit noch nicht zurücknehmen. Noch sei es nicht an der Zeit für Plan B, sagte Gesundheitsminister Sajid Javid jüngst. Zwar warnte er, die Zahl der täglichen Neuinfektionen könne schon bald auf bis zu 100'000 steigen.

Sajid Javid
Sajid Javid ist der Gesundheitsminister von Grossbritannien. - dpa-infocom GmbH

Stattdessen sollten die Menschen verstärkt dazu aufgerufen werden, sich impfen zu lassen. Freudig verkündete Javid, mehr als sechs Millionen Menschen hätten bereits eine Auffrischungsimpfung erhalten.

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