Die Lage beim chinesischen Immobilienriesen ist angespannt. Zwar erholt sich der Kurs des Unternehmens. Doch Investoren warten weiterhin auf Nachrichten, ob fällige Zinszahlungen geleistet werden.
Baukräne stehen in der Nähe eines Bürogebäudes des Evergrande New Housing Development Showroom. Foto: Andy Wong/AP/dpa
Baukräne stehen in der Nähe eines Bürogebäudes des Evergrande New Housing Development Showroom. Foto: Andy Wong/AP/dpa - dpa-infocom GmbH

Das Wichtigste in Kürze

  • Der schwer angeschlagene chinesische Immobilienkonzern Evergrande hat am Donnerstag trotz anhaltender Ängste vor Zahlungsausfällen an der Hongkonger Börse kräftig zugelegt.

Die Evergrande-Aktie beendete den Handel mit einem Plus von rund 17 Prozent auf 2,66 Hong-Kong-Dollar. Zeitweise waren die Papiere sogar um über 30 Prozent gestiegen.

Laut Beobachtern reagierten Anleger auf eine Ankündigung vom Vortag, wonach sich der Konzern etwas Luft verschaffen konnte. Evergrande hatte am Mittwoch mitgeteilt, dass sich das Unternehmen mit Gläubigern über Zinszahlungen für eine im südchinesischen Shenzhen gehandelte Anleihe geeinigt habe, die am Donnerstag fällig wurden. Die Hongkonger Börse war am Mittwoch wegen eines Feiertags geschlossen. 

Der chinesische Konzern hat Schulden von umgerechnet mehr als 300 Milliarden Dollar. Anleger befürchten einen Zahlungsausfall. Der Konzern muss Geld auftreiben, um Banken, Zulieferer und Anleihegläubiger fristgerecht zu bezahlen. Zudem schuldet Evergrande Kleinanlegern, darunter vielen Mitarbeitern, mehrere Milliarden Dollar. Der Konzern ist so gross, dass einige Experten eine «Ansteckungsgefahr» für die chinesische Wirtschaft und darüber hinaus befürchten.

Die deutsche Finanzaufsicht Bafin sieht derzeit keine Veranlassung für eine vertiefte Prüfung deutscher Banken wegen der Krise von Evergrande. «Im vorliegenden Fall schätzt die Bafin das Exposure der deutschen Finanzwirtschaft auf Basis der ihr aus dem aufsichtlichen Meldewesen vorliegenden Informationen aktuell als so gering ein, dass sie diesbezüglich von den unter ihrer Aufsicht stehenden Instituten bislang keinen Stresstest angefordert hat», heisst es in einer Antwort des Bundesfinanzministeriums auf eine Anfrage des FDP-Bundestagsabgeordneten Reginald Hanke.

Im Kern würde es bei einem solchen Stresstest darum gehen, zu klären, wie gross die Gefahr wäre, dass Banken Kreditausfälle verkraften müssten, sollte sich die Evergrande-Krise weiter zuspitzen.

Für anhaltende Verunsicherung sorgte, dass das Unternehmen noch immer keine Angaben zu einer weiteren in US-Dollar gehandelten Offshore-Anleihe gemacht hat. Nach Berechnungen des Finanzdienstes Bloomberg musste Evergrande hierfür am Donnerstag eine Zinszahlung von 83,5 Millionen US-Dollar (rund 71 Mio. Euro) leisten. Eine weitere Zinszahlung von 47,5 Millionen Dollar ist am 29. September fällig. Für beide Zahlungen gilt laut Bloomberg eine Nachfrist von 30 Tagen, was Evergrande weitere Zeit verschaffen könnte.

Wie chinesische Staatsmedien berichteten, versuchte Evergrande-Chef Xu Jiayin in einer Sondersitzung am Mittwochabend erneut Ängste zu zerstreuen. Es habe oberste Priorität, Kunden von Vermögensanlageprodukten auszuzahlen, sagte der Vorstandsvorsitzende demnach. Auch müsse alles dafür getan werden, den Bau von nicht fertiggestellten Wohnungen wieder aufzunehmen und die Interessen der Eigentümer zu schützen. 

Ein wichtiger Aktionär von Evergrande kündigte an, nicht länger an seiner Beteiligung festhalten zu wollen. Die Chinese Estates Holdings, der zweitgrösste Aktionär von Evergrande, teilte mit, dass Anteile im Wert von 32 Millionen Dollar bereits verkauft worden seien. Später wolle man sich komplett von den Anteilen trennen. 

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) behalte «die Situation aufgrund der dynamischen Entwicklung um die Evergrande Group in Bezug auf mögliche Auswirkungen auf die deutsche Finanzwirtschaft ganz genau im Blick», teilte das Finanzministerium weiter mit.

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Gerald Ullrich äusserte sich skeptisch: «Man kann nur hoffen, dass die Bafin mit dieser Unbesorgtheit richtig liegt und nach den Skandalen der letzten Jahre z.B. bei Wirecard mit ihrer Prognose dieses Mal richtig liegt.» Im Fall von Wirecard war weder der Bafin noch den Wirtschaftsprüfern von EY der mutmasslich über Jahre laufende Milliardenbetrug des inzwischen insolventen Zahlungsdienstleisters aufgefallen.

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