Angriff auf Irans zivile Infrastruktur? «Trumps Ultimatum ist fake»
Donald Trump droht dem Iran mit Schlägen gegen die zivile Infrastruktur. Wie sehr kann man dem US-Präsidenten glauben? Und welche Folgen hätten solche Angriffe?

Das Wichtigste in Kürze
- Verhandelt der Iran nicht, greifen die USA zivile Infrastruktur an, droht Präsident Trump.
- Nahost-Experte Schayegh hält das Ultimatum für fake und nicht wirklich glaubwürdig.
- Aber: Ganz ausschliessen könne man solche Angriffe doch nicht, findet ein weiterer Professor.
US-Präsident Donald Trump droht dem Iran mit dem Beschuss ziviler Infrastruktur. Ab nächster Woche könnten Kraftwerke und Brücken ins Visier geraten, sollte der Iran nicht verhandeln, sagt Trump in einem TV-Interview.
Trump kündigte heftige Angriffe auch in den kommenden Nächten an. Die Attacken würden weitergehen, «bis ich sage, dass es genug ist».
«Ihr solltet besser eine Einigung erzielen. Es wird niemand mehr übrig bleiben», drohte der US-Präsident weiter. Man gehe «sehr behutsam mit der Zivilbevölkerung um», der Iran müsse aber an den Verhandlungstisch zurückkehren.
Bereits im April drohte der US-Präsident mit Angriffen auf solche Infrastruktur, liess es dann aber sein. Und jetzt?
US-iranische-Machtbalance ausgeglichen
Nau.ch hat bei Nahost-Experte Cyrus Schayegh nachgefragt. Der Professor für Internationale Geschichte am Graduate Institute für internationale Studien und Entwicklung in Genf meint: «Trumps Ultimatum ist fake.»
Der US-Präsident suggeriere mit seiner Drohung, dass nur der Iran die aktuelle Lage in der Strasse von Hormus verantworte. Und nicht die USA.
«Zudem ist es nicht sehr glaubwürdig», findet Schayegh. «Obwohl ein ratloser Trump in Versuchung geraten könnte, den Krieg mit Attacken auf Zivilziele zu eskalieren.»
Sollte es so weit kommen – wie würde der Iran reagieren?
Gemäss dem Nahost-Experten mit einer andauernden Blockade der Strasse von Hormus und Angriffen auf US-Basen in der Region. «Und falls die Feindseligkeiten andauern, dürfte der Iran US-Basen wieder auch in starken Golfstaaten wie Katar angreifen. Nicht nur beispielsweise in Bahrain.»
Damit würde der Iran den indirekten Druck auf Trump erhöhen.

Die US-iranische-Machtbalance sieht Schayegh seit dem 40-tägigen Krieg ausgeglichen.
Der Iran habe mit der Kontrolle über die Strasse von Hormus einen Trumpf in der Hand. Der US-Präsident versuche, diese Kontrolle zu zementieren. Das geschehe auf militärischem und diplomatischem Weg.
Die USA hingegen streben im Machtverhältnis die alte Stärke an. Doch laut Schayegh wird der Versuch, Irans Kontrolle militärisch zu lockern, scheitern.
Er findet: «Die grösste Hoffnung ist eine iranisch-arabische diplomatische Lösung.»
«Breitbeiniges Auftreten beim Iran wirkungslos»
Doch: Ganz ausschliessen könne man solche Angriffe doch nicht. So schätzt es zumindest ein weiterer Experte ein.
Mit Blick auf Trumps Ultimatum sieht Nahost-Experte Simon Wolfgang Fuchs derweil «keine nachvollziehbare Strategie in Bezug auf den Iran».
Das Rahmenabkommen von Mitte Juni sollte solche Drohungen, Angriffe und Deal-Ankündigungen eigentlich verschwinden lassen, «und nachhaltig die Grundlage für umfassende Verhandlungen legen».
Doch die eingebaute Unsicherheit und die unklare Sprache hätten von Anfang an Zweifel gesät, so Fuchs.
Nun sei man, nur einen Monat später, zurück in einer Situation, die jener aus dem März ähnle.
«Mit einem entscheidenden Unterschied: Trump scheint zunehmend frustriert davon zu sein, dass sein breitbeiniges Auftreten beim Iran wirkungslos bleibt.»
Iran könnte Entsalzungsanlagen angreifen
Im April habe Trump die Iraelis zurückgepfiffen, als diese grossflächige Angriffe auf Infrastruktur flogen. «Nun haben die USA selbst in den letzten Tagen bereits in geringerem Umfang Ziele wie Wasserverteilanlagen oder Eisenbahnschienen bombardiert.»
Weil beide Seiten nicht miteinander redeten, das Misstrauen grösser werde, schliesst Fuchs nicht aus, «dass tatsächlich zivile Infrastruktur ins Visier genommen wird».
Der Iran würde sich mit seinen Gegenschlägen dann nicht mehr nur auf US-Ziele beschränken. «Mögliche Ziele wären zum Beispiel Entsalzungsanlagen, die nahezu 90 Prozent des Trinkwassers für die Golfstaaten generieren, und Förderanlagen für Öl und Gas.»
Einen langen und massiven Abnutzungskrieg bekäme der Iran aber zu spüren. Leiden würden neben der Bevölkerung etwa auch die Ölfelder.

Die USA verblieben derweil bei ausreichend militärischen Möglichkeiten.
«Aber das Grundproblem bleibt: Ohne eine massive Bodenoffensive wird das Regime in Teheran nicht fallen. Dafür sind keine Vorbereitungen getroffen», so Nahost-Experte Fuchs.
Trump dürfte deshalb bewusst sein: «Anstatt einer versprochenen, eleganten Operation von mehreren Wochen wird der Krieg mehr und mehr zum Schlamassel ohne Ausweg.»

















