Victor Söderström: «Ich verlor die Freude am Eishockey»
Victor Söderström ist der neue Verteidiger des EHC Biel. Der einstige Erstrunden-Draft hat seine Zeit in Nordamerika hinter sich.

Über die Hochzeit von Biels neuem Verteidiger Victor Söderström berichtete vor zwei Jahren sogar die Regenbogenpresse in halb Europa. Denn an der grossen Feier gab es hohen Besuch: Schwedens Kronprinzessin Victoria und ihr Gatte Prinz Daniel waren als Gäste in der Toskana dabei. Wie es dazu kam?
Nun, Söderströms Frau Hedvig ist die Nichte von Prinz Daniel; als er und Victoria 2010 geheiratet hatten, war Hedvig mit dabei und durfte die Ringe zum Altar bringen. Victor Söderström aber, den die Seeländer Ende Mai verpflichteten, will über seine Beziehung zum schwedischen Königshaus nicht reden.
Das Eishockey solle im Vordergrund stehen, sagt der 25-Jährige, der in seiner Karriere für die Arizona Coyotes und die Boston Bruins 61 NHL-Spiele (12 Skorerpunkte) absolviert hat und bisher dreimal fürs schwedische Nationalteam berücksichtigt worden ist.

SLAPSHOT: Sie bezeichnen Ihre Frau in Interviews oft als wichtigsten Baustein Ihrer Karriere …
Victor Söderström: … sie ist mein Anker. Sie hat mich auch in die USA begleitet, vom ersten Tag an war sie mit dabei. Es war für mich in Nordamerika nicht immer einfach, im Gegenteil, vor allem in mentaler Hinsicht. Umso wichtiger war es, sie als Stütze dabei zu haben.
Hedvig und unsere einjährige Tochter sind nun auch mit nach Biel gekommen und werden die ganze Saison hierbleiben. Das macht mein Leben neben dem Eis viel einfacher.
SLAPSHOT: Stichwort Nordamerika: 2019 wurden Sie im NHL-Draft von den Arizona Coyotes in der ersten Runde berücksichtigt. Sie galten als riesiges Talent – weshalb hat es mit der grossen Karriere in Übersee bis anhin nicht geklappt?
Söderström: Ich habe mir in den fünf Jahren in Nordamerika natürlich mehr als rund 60 Spiele in der NHL erhofft. Warum es nicht geklappt hat, ist schwierig zu sagen – den einen bestimmten Grund gibt es kaum. Als Junior hatte ich Erfolg und kaum Rückschläge, mit Schweden gewann ich Gold an der U18-WM, bei den U20 die Bronzemedaille.
Aber ich merkte, dass die AHL nicht die Liga ist, in der ich mich im gewünschten Masse weiterentwickeln kann. In dieser Liga habe ich mich leider nie richtig wohlgefühlt.
SLAPSHOT: Warum nicht?
Söderström: Der Groove in dieser Liga ist einfach schlecht, weil sehr viele Spieler lieber woanders spielen möchten – in der NHL natürlich. Deshalb ist sehr viel Frustration spürbar, für die Psyche ist das belastend.
Bei mir war es ja auch so: Ich habe Schweden nicht verlassen, um in den Farmteams zu spielen, da hätte ich es in Europa sicher viel besser gehabt. Manchmal wurde ich in die NHL berufen, eine Woche später ging es gleich wieder nach unten.
Nachvollziehbar waren die Entscheide nicht immer, und eine Begründung gab es sowieso nicht. Aber so läuft das in Nordamerika, ein wenig Unsicherheit ist immer dabei. Das gilt es zu akzeptieren. Es war eine lehrreiche Zeit für mich. Aber ich verlor zwischenzeitlich ein wenig die Freude am Eishockey.
SLAPSHOT: Bei den Tucson Roadrunners in der AHL lernten Sie den Schweizer Nationalspieler Janis Moser kennen, Sie bildeten mit ihm phasenweise ein Abwehr-Paar. Wie erlebten Sie ihn?
Söderström: In Arizona spielten wir sogar in der NHL kurz zusammen. Janis ist ein smarter und entspannter Typ. Mit ihm hatte ich immer viel Spass, er war auch immer hilfsbereit. In Biel sah ich ihn Anfang August erstmals seit zwei Jahren wieder.

SLAPSHOT: 2024 kehrten Sie nach Schweden zurück. Fühlte sich die Rückkehr in die Heimat wie ein Scheitern an?
Söderström: Nein. Mein Ziel blieb die NHL, aber ich realisierte, dass es in der Organisation von Arizona nicht wirklich weitergehen kann. Irgendwie funktionierte es einfach nicht, ich spürte das nötige Vertrauen nicht mehr und sah keine Perspektive. Und wie gesagt: Ich war ja nicht nach Nordamerika gezogen, um in den Farmteams zu spielen.
Ich brauchte definitiv einen Neustart. Bei Brynäs spielte ich dann eine richtig gute Saison und war in der Nähe meiner Familie und vielen Freunden. Schon als Kind war ich ein grosser Fan dieses Klubs gewesen. In jener Saison kehrte die Freude am Eishockey zurück.
SLAPSHOT: Sie wurden in 2024/25 zum besten Verteidiger in der schwedischen Liga gewählt und hatten mit +28 auch die beste Plus-/ Minus-Bilanz sämtlicher Profis. Als Lohn erhielten Sie einen Vertrag in der Organisation der Boston Bruins.
Söderström: Es war ein wenig kurios: Arizona hatte meine Rechte zwischenzeitlich an die Chicago Blackhawks abgegeben, aber in dieser Organisation war ich gar nie und wurde dann nach Boston weiter transferiert. Das zeigt, wie das Business in Nordamerika funktioniert.
In Boston hatte ich ein spannendes Jahr und grundsätzlich auch viel Spass. Aber es reichte mir nur für acht Einsätze in der NHL. Mit einem weiteren Jahr im Farmteam konnte ich mich nicht arrangieren, dafür fehlte mir die Lust. Umso dankbarer bin ich, hat mir Biel nun diese Chance gegeben.
SLAPSHOT: Beim EHC Biel haben Sie einen Kontrakt bis Frühling 2028 unterzeichnet. Heisst das, die NHL-Träume sind vorerst einmal ausgeträumt?
Söderström: Nein, geschlossen ist dieses Kapitel sicher noch nicht. Ich hätte sogar in Nordamerika bleiben können, aber ich erhielt nur eine Offerte für einen Zweiweg-Vertrag. Sollte irgendwann wieder ein gutes Angebot kommen, würde ich es mir sicher sehr genau anschauen. Aber im Moment ist das überhaupt kein Thema, da zählt nur der EHC Biel.
SLAPSHOT: Im Seeland wird erwartet, dass Sie in der Verteidigung gleich die Leaderrolle übernehmen. Was sind Ihre Stärken auf dem Eis?
Söderström: Ich bin sehr ehrgeizig und denke immer nur an den Erfolg der Mannschaft. Mein Passspiel ist eine meiner Stärken, in der Offensive kann ich etwas bewirken, etwa Räume für die Mitspieler schaffen und Chancen kreieren. Und im Powerplay will ich Verantwortung übernehmen, dafür wurde ich auch verpflichtet.
Die beste Version von mir habe ich vielleicht noch gar nie zeigen können. In Biel soll es soweit sein, dann werde ich vielleicht auch ein Kandidat fürs Nationalteam. Einmal mit Schweden eine WM spielen zu können, ist ein grosses Ziel von mir. Aber mir ist schon bewusst, dass der Nationaltrainer erst einmal auf jene Profis schaut, die in der NHL spielen.
Victor Söderström
Nationalität: Schweden
Geboren: 26. Februar 2001
Grösse: 184 cm
Gewicht: 89 kg
Beim EHC Biel seit: 2026
Vertrag bis: 2027/28
Bisherige Klubs: Providence Bruins (AHL), Boston Bruins (NHL), Brynäs IF (SHL), Tucson Roadrunners (AHL), Arizona Coyotes (NHL), AIK (SWE)
SLAPSHOT: In Biel treffen Sie mit den Stürmern Marcus Sylvegård und Lias Andersson sowie Assistenztrainer Mathias Tjärnqvist auf drei weitere Schweden. Erleichtert das die Integration ins Team?
Söderström: Das macht sicher alles ein wenig einfacher. Sie sind schon länger hier und wissen, wie alles läuft. Sie helfen mir nicht nur auf, sondern auch neben dem Eis. Als ich in die Schweiz kam, war mir zum Beispiel nicht einmal bewusst, dass die Geschäfte am Sonntag zu sind. Ich stand in der Stadt vor verschlossenen Türen (lacht).








