Claude Julien: «Ich liebe das Eishockey. Und weniger das Drumherum»
Mit Claude Julien verpflichten die ZSC Lions einen Stanley-Cup-Sieger als neuen Trainer. Der Kanadier erklärt, was ihn an der Aufgabe in Zürich reizt.

Mit der Verpflichtung von Claude Julien ist den ZSC Lions ein grosser Wurf gelungen. Es geschieht selten, dass ein Stanley Cup-Sieger in die National League herabsteigt. Hier erklärt der Kanadier, was ihn an der Aufgabe in Zürich reizt.
SLAPSHOT: Was treibt einen Stanley Cup-Sieger an, mit 66 in die Schweiz zu wechseln?
Claude Julien: Die Leidenschaft. Ich befinde mich in einer komfortablen Lage und müsste nicht mehr arbeiten. Aber ich will gerne weitermachen. Die Passion für diesen Sport ist mir in die Wiege gelegt worden. Und dafür bin ich dankbar.
SLAPSHOT: Es geschieht selten, dass Stanley Cup-Sieger in die Schweiz wechseln. Aber der ZSC hat mit Bob Hartley und Marc Crawford gute Erfahrungen gemacht, beide Trainer gewannen in Zürich den Meistertitel.
Julien: Jetzt liegt es an mir, oder? (lacht). Meine Leidenschaft fürs Gewinnen ist gleich gross wie die fürs Coaching, das geht Hand in Hand. Ich durfte in der Saison 2022/23 ein paar Wochen als Berater in Ambrìi verbringen und war sehr beeindruckt vom Schweizer Eishockey.
Von der Qualität der Liga. Von der Infrastruktur. Von der Atmosphäre. Das Spiel in der National League hat mich an die NHL erinnert. Sehr viel Tempo, ein aggressives Forechecking. Die Anfrage aus Zürich hat mich darum gefreut.

Ich bin dann im Mai für vier Tage hingereist und habe die Leute kennengelernt. Den Sportchef Sven Leuenberger, das Management, und natürlich auch Mister Frey. Wir verstanden uns auf Anhieb.
SLAPSHOT: Es ist nicht das erste Mal, dass das Eishockey Sie nach Europa führt. 1986/87 spielten Sie für die Français Volants Paris. Und staunten über das Laissez-faire der Franzosen.
Julien: Ich sah es als Abenteuer. Und verdiente 30’000 kanadische Dollar, damals war das eine Menge Geld. Um Weihnachten herum gab es zwei Wochen Ferien. Ich dachte: Macht ihr Witze? Maximal zwei Tage frei – und danach geht es wieder an die Arbeit.
Aber die haben das ein bisschen anders gesehen. Da habe ich halt alleine trainiert. Ich war damals wie im Film, für mich gab es nichts anderes als Eishockey. Das bereue ich: Dass ich mir nicht mehr Zeit genommen habe, um die Menschen und die Kultur kennenzulernen.
Ich meine, es war Paris in den 80ern, das war schon eine aufregende Zeit. Ich habe mir fest vorgenommen, die Schweiz zu erkunden.
SLAPSHOT: Sie waren zuletzt zwei Jahre Assistenztrainer bei den St. Louis Blues. Warum verabschieden Sie sich aus der NHL?
Julien: Es gab auch im Sommer wieder Interesse aus der NHL. Aber ich war bereit für etwas Neues. Ich freue mich auf die Schweiz. Und meine Familie tut das auch.
Ich habe zwei Kinder, die in Kanada in einer Privatschule unterrichtet werden. Der Plan ist, dass sie im zweiten Jahr mit nach Zürich kommen.
SLAPSHOT: Sie haben einmal gesagt, dass Sie den Rummel als eher störend empfinden. Kam die Tätigkeit als Assistent da gerade recht?
Julien: Und wie! Ich finde es problematisch, wie schnell man überhöht wird. Ich bin nur ein Mensch wie jeder andere auch. Wissen Sie: In meiner perfekten Welt wäre ich Coach, aber wenn ich aus der Eishalle trete, kennt mich keiner.

Ich liebe das Eishockey. Und weniger das ganze Drumherum. Als Assistent steht man weniger im Scheinwerferlicht. Ich konnte mich voll auf die Arbeit mit den Spielern fokussieren. Und habe das genossen.
SLAPSHOT: Einer ihrer Schützlinge war der ehemalige ZSC-Ligatopskorer Pius Suter.
Julien: Was für ein intelligenter Spieler! Er hat sehr viel Hockey-Sense. Und obwohl er nicht der grösste Spieler ist, scheut er sich nicht, in den Slot vorzudringen und sich die Hände schmutzig zu machen. Er war ein sehr guter Center für uns und auch im Boxplay wertvoll. Ja, er hat mich beeindruckt.
SLAPSHOT: Wie viel wissen Sie über Ihre neuen Spieler?
Julien: Ich bin daran, mich einzuarbeiten. Und schaue Videos aus der Saison 2025/26. Natürlich habe ich auch die WM aufmerksam verfolgt, da waren ja viele ZSC-Spieler engagiert, nicht nur im Schweizer Team.
SLAPSHOT: Sie bringen René Matte als Assistenten mit. Es ist der Mann, der Sie schon nach Ambrì geholt hat.
Julien: René und ich kennen uns schon seit Jahrzehnten aus der Québec Major Junior Hockey League. Ich wollte jemanden, der mich und meine Arbeitsweise kennt. Und der sich in der National League auskennt. Das ergab eine relativ kurze Kandidatenliste (lacht).
SLAPSHOT: Sie werden im April 67 Jahre alt. Ist es möglich, dass Zürich die letzte Station ihrer Karriere wird?
Julien: Darüber mache ich mir keine Gedanken. Ich habe für zwei Jahre unterschrieben, dann schauen wir weiter. Das Leben hat mich gelehrt, dass es sinnlos ist, in die Zukunft schauen zu wollen.
Ich hätte als Spieler nie gedacht, dass ich irgendwann Trainer werde. Dann wurde ich angefragt und rutschte eher zufällig rein. Das zeigt doch, dass wir alle nicht wissen, was übermorgen sein wird.
SLAPSHOT: Inzwischen coachen Sie seit mehr als drei Jahrzehnten. Wie hält man sich so lange im Geschäft?
Julien: Man verändert sich mit dem Spiel und mit der Zeit. Entweder gehst du mit der Zeit, oder du wirst keinen Job mehr finden. Die heutige Spielergeneration funktioniert anders als jene, mit der ich 2011 in Boston den Stanley Cup gewinnen konnte.
Die Spieler scheuen sich nicht mehr, Dinge und Entscheide zu hinterfragen. Und wenn du keine gute Antwort parat hast, bist du verloren. Ich mag diese Herausforderung, das hält mich frisch.
Claude Julien
Nationalität: Kanada
Geboren: 23. April 1960
Bisherige Stationen als Trainer: ZSC Lions, St. Louis Blues (Assistent), Kanada, Montréal Canadiens, Boston Bruins, New Jersey Devils, Hamilton Bulldogs, Hull Olympiques.
Grösste Erfolge als Trainer: 2017 World Cup Gold mit Kanada. 2011 Stanley-Cup- Sieger mit Boston. 2009 «NHL Coach of the Year» in Boston, 2003 AHL-Coach des Jahres, 1997 Memorial-Cup-Champion, 1995 QMJHL-Champion
Stationen als Spieler: Moncton Hawks, Kansas City Blades, Halifax Citadels, Baltimore Skipacks, Francais-Volants Paris, Fredericton Express, Québec Nordiques, Milwaukee Admirals, Salt Lake Golden Eagles, Port Huron Flags
SLAPSHOT: War es Ihrer Trainerkarriere zuträglich, dass Sie als Spieler härter arbeiten mussten als andere, weil sie mit weniger Talent gesegnet waren?
Julien: Absolut. Mir wurde als Spieler nichts geschenkt. Das bildet den Charakter. Und es hat mir als Trainer sehr geholfen. Wayne Gretzky zum Beispiel hatte Mühe, zu verstehen, dass nicht alle über ein so hohes Spielverständnis verfügen wie er. Darum war es für ihn als Coach schwierig.
SLAPSHOT: Sie haben Ihr Leben dem Eishockey verschrieben. Was bereitet Ihnen sonst Freude?
Julien: Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Die Kinder halten einen jung. Auch wenn es manchmal Nerven kostet (lacht). Wir haben ein Sommerhaus am Big Rideau Lake in der Nähe von Ottawa. Ich verbringe den Sommer gerne auf dem Wasser. Und freue mich aber schon, dass es bald wieder losgeht.








