Ohne Hilfe keine Ferien: So reisen Menschen mit Behinderung

Cynthia Mira
Cynthia Mira

Zürich,

Für viele selbstverständlich – für andere ein Kraftakt: Ferien mit Behinderung brauchen Planung und Hilfe. Freiwillige machen sie überhaupt erst möglich.

Procap Schweiz Ferien
Freiwillige ermöglichen Menschen mit Behinderungen unvergessliche Ferien. - Procap Schweiz

Das Wichtigste in Kürze

  • Freiwillige ermöglichen Menschen mit Behinderungen unvergessliche Ferien.
  • Die Einsätze sind intensiv.
  • Doch sie verändern auch das eigene Leben, wie Begleitpersonen berichten.

Wenn andere mit Vorfreude Koffer packen, beginnt für Menschen mit Behinderungen die Unsicherheit. Ist das Hotel wirklich rollstuhlgängig? Wie funktioniert der Transfer? Was muss ich alles mitnehmen? Wie gewährleiste ich die medizinische Versorgung?

Was für viele selbstverständlich ist, wird für andere zur organisatorischen Herausforderung. Seit 30 Jahren ist Procap spezialisiert auf barrierefreie Reisen im In- und Ausland und ermöglicht somit echte Teilhabe.

Barrierefreies Reisen bedeutet beim grössten Mitgliederverband für Menschen mit Behinderungen in der Schweiz, dass die Ferienzeit von der Anreise über Unterkunft und Ausflüge bis hin zur Betreuung auf unterschiedliche Bedürfnisse abgestimmt ist. Ein Herzstück bilden dabei die betreuten Gruppenferien. Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen reisen gemeinsam und entdecken neue Orte und Aktivitäten. 2025 waren es über 90 durchgeführte Gruppenreisen an der Zahl.

Procap Reisen Behinderungn
Für Menschen mit Behinderungen sind die Ferien oftmals der Höhepunkt des Jahres. - Procap Schweiz

Die Ferien werden von geschulten Leitungspersonen organisiert und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von freiwilligen Begleitpersonen unterstützt. Je nach Bedarf ist Unterstützung im Alltag oder bei der Pflege gewährleistet. Gleichzeitig bleibt Raum für individuelle Wünsche.

Oft der Höhepunkt des Jahres

Für Menschen mit Behinderungen sind die Ferien oftmals der Höhepunkt des Jahres. Nur wenige erleben im Alltag, dass eine Person in einem Wohn- oder Pflegeheim ohne Zeitdruck für einen da ist. Das bestätigt auch Basile Chaillot, der seit 2023 als Freiwilliger für Procap mit auf Reisen geht und Gäste betreut. «Manche sind es sich nicht gewohnt, dass eine Person nur für sie da ist. Ich möchte immer mein Bestes geben, da hilft es sehr, nicht unter Zeitdruck zu stehen», so der 25-Jährige.

Procap Reisen Behinderung
Basile Chaillot geht seit 2023 als Freiwilliger für Procap mit auf Reisen. - Markus Schneeberger

Als Begleitperson habe man oft das Gefühl, man müsse viel bieten, aber darum gehe es gar nicht. «Viele haben einfach Freude, in einem Café zu sitzen und zu reden sagt er. Und: Seine Einsätze hätten seine Sicht auf die Welt verändert: «Es hat mir die Augen geöffnet und gezeigt, dass es so viel mehr gibt, als einfach einer 100-Prozent-Stelle nachzugehen und da das Glück zu suchen. Ich finde es richtig schön, wenn Gäste bei den einfachsten Dingen und Umständen enorme Glücksmomente erleben.»

Pionierarbeit für inklusive Ferien

Solche Glücksmomente erlebt beispielsweise Simone jedes Jahr. Sie ist Stammgast der Polysportivwoche in Filzbach und wurde 2025 im Rahmen einer Reportage der Stiftung «Denk an mich» bei diesem Ferienerlebnis begleitet: «Hier kann ich einfach alles tun», freute sie sich damals. Procap organisiert diese Polysportwoche, damit Menschen mit Behinderungen möglichst viele Sportarten ausprobieren können, Neues lernen und Spass haben dabei. «Wenn Simone von der Polysportwoche erzählt, leuchten ihre Augen», hiess es in der Reportage dazu.

Es sind solche Rückmeldungen, die auch Helena Bigler, Leiterin Procap Reisen und Sport, seit Jahren antreibt. Sie leitet seit der Gründung vor 30 Jahren die Abteilung Procap Reisen und ist das Herz des Reisebüros.

Procap Reisen hat sich zum Schweizer Spezialisten für barrierefreies Reisen entwickelt. Auch Menschen ohne Behinderungen buchen hier und unterstützen damit Menschen mit Behinderungen, die oftmals ein Vielfaches bezahlen müssen, um sich Ferien überhaupt leisten zu können.

Viele unterschiedliche Reisearten

Jeweils im November erscheint ein aktueller Ferienkatalog, der mit neuen und altbewährten Reisezielen aufwartet. Das Angebot reicht von Badeferien am Meer über Aktivferien in den Bergen bis zu Städte- und Kulturreisen im In- und Ausland. Auch individuell angepasste Ferien mit persönlicher Begleitung gehören dazu.

Procap Reisen Behinderung
Das Angebot von Procap reicht von Badeferien am Meer über Aktivferien in den Bergen bis zu Städte- und Kulturreisen im In- und Ausland. - Procap Schweiz

Neu im Programm sind zudem barrierefreie Flussfahrten, die Menschen mit Mobilitätseinschränkungen eine Reiseform eröffnen, die lange kaum zugänglich war. Und dennoch: Ohne helfende Hände erleben Menschen mit Behinderungen selten erholsame Ferien.

Freiwillige machen Ferien möglich

Wer sich für Inklusion einsetzen will, Freude am Umgang mit Menschen hat und eine sinnstiftende Aufgabe sucht, kann sich als freiwillige Begleitperson für Procap Reisen engagieren. Die Reisekosten und eine kleine Spesenvergütung pro Ferientag sind gewährleistet.

Das restliche Engagement fällt unter Ehrenamt, das dafür sorgt, dass Menschen mit Behinderungen die weite Welt entdecken können. Reisen stärkt ihr Selbstvertrauen, erweitert soziale Kontakte und ermöglicht Erlebnisse ausserhalb vertrauter Strukturen.

Vor einem ersten Einsatz durchlaufen künftige Freiwillige ein zweitägiges Seminar, das über die Rechte, Pflichten, Abläufe und über verschiedene Arten von Behinderungen informiert. Die Workshops, die in erster Linie mit Selbstbetroffenen durchgeführt werden, finden regelmässig und neu unter dem Dach von Sport+Handicap Education statt.

Grosse Dankbarkeit

Viele Freiwillige berichten, dass sie bei einem Einsatz mindestens ebenso viel zurückbekommen, wie sie geben: bewegende Begegnungen, neue Perspektiven und das Gefühl, konkret etwas zu bewirken. Dies entschädige mehrfach den Einsatz, der zum Teil intensiv sei sowie Einfühlungsvermögen und Flexibilität verlange. «Willst du Dankbarkeit erleben, dann reise mit Procap», sagt beispielsweise Max Tröhler.

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Max Tröhler ist vor dreizehn Jahren bei Procap eingestiegen und begleitet pro Jahr bis zu drei Reisen. - Markus Schneeberger

Er ist vor dreizehn Jahren bei Procap eingestiegen und begleitet pro Jahr bis zu drei Reisen. Es bringe Flexibilität und Weitsicht, sagt er. Zudem erlebe man von den Gästen eine Dankbarkeit, die sonst selten sei. «Die Menschen kommen aus ihrem Alltag heraus, erleben Neues und schätzen das sehr.»

Einmal im Jahr kommen die Freiwilligen zu einem Dankesfest in Olten zusammen, weil jeder Einsatz einen Unterschied macht. Schliesslich zeigt sich eine inklusive Gesellschaft auch darin, ob Menschen mit Behinderungen selbstverständlich Ferien machen können.

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