Bike statt Erz: Elba will zum Mountainbike-Paradies werden
Auf Elba wird Industrievergangenheit zur Bike-Attraktion: Der Capoliveri Bike Park lockt mit Weltcup-Strecken und wilden Landschaften.

Das Wichtigste in Kürze
- Die italienische Insel Elba möchte mehr Mountainbiker anlocken.
- In einem ehemaligen Bergbaugebiet wurden Trails gebaut.
- Wir haben den Mann begleitet, der das Projekt mit viel Herzblut vorantreibt.
Der kleine Bus ist voll. Die Fahrgäste blicken erstaunt durch die milchigen Fenster. Sie sehen etwas, womit sie nicht gerechnet haben: Biker, die über den schwarzen Schotter hoppeln. Und die Velofahrer? Wundern sich über das Gefährt, voll besetzt mit Fahrgästen, die allesamt Helme tragen.
Die einen wollen rein in den Berg, die anderen rauf auf den Monte Calamita, der im Südosten der Insel Elba liegt. Bike trifft Bergbau. Die Region mit dem weitläufigen Capoliveri Bike Park zählt zu den aussergewöhnlichsten Spots für Mountainbike-Fahrer und -Fahrerinnen in Europa.

Früher schufteten dort starke Männer, um Eisen zu gewinnen. Die Spuren sind überall noch zu sehen. Im Lauf der Jahrzehnte wurden aus Bergen und Hügeln Terrassen und Plateaus. Die Bergleute und ihre Maschinen gruben Löcher und Tunnel, schlugen Rampen und Stufen. Heute ergibt das feines Terrain für Mountainbiker. Blaues Meer, schwarze Küste, oranger Sand, rostige Bagger, rassige Trails.
Von einfach bis schwer ist alles dabei, sogar eine Weltcup-Strecke. Bereits vor mehr als 30 Jahren fand auf der Halbinsel ein internationaler Cross-Country-Wettbewerb statt, 2020 gar die UCI Marathon-WM.
Die Leidenschaft des Polizisten
In diesem Jahr gab es wieder einen Marathon-World-Cup. Veloportale berichten von der «Unerbittlichkeit einer Bergbaulandschaft». Das Terrain erfordere «präzise Fahrtechnik und gezielten Energieeinsatz, vor allem auf den Streckenabschnitten, auf denen zwischen duftenden Rosmarin- und Mastixsträuchern unvermutet Fels auftaucht».
Den Monte Calamita hat die Szene also längst auf dem Radar. Aber auch auf dem Rest der Insel hat sich viel getan. Das hängt in erster Linie mit Michele Cervellino zusammen. Der 50-Jährige mit den breiten Schultern und den muskulösen Oberschenkeln hat eine Mission: Elba soll das neue Mountainbike-Paradies in Italien werden. Dafür schuftet Michele seit einem Jahrzehnt.

Abends tauscht er seine Polizeiuniform gegen Velohose und -trikot und trackt die Trails der Insel. Er hat Bike- und Wanderkarten überarbeitet, einen eigenen Guide geschrieben und 1700 Schilder angebracht, damit die Velofahrer auf dem richtigen Weg bleiben. Alles freiwillig, ohne Bezahlung.
Rücksicht gegenüber Wanderern
Die öffentliche Hand hat aber auch Geld in das Projekt gesteckt: Mit der Avenza-Maps-App kann man die meisten der 500 Kilometer an Elba-Trails gratis herunterladen. Besonders stolz ist Michele auf eine Funktion bei Google Street View. Er kramt sein Handy heraus und zeigt, wie Biker dort einen Grossteil der Trails checken können, um das Terrain, die Umgebung, die Schwierigkeiten einschätzen zu können. «Ich weiss nicht, ob es eine zweite Bike-Region in der Welt gibt, die so etwas bietet.»

Mit Michele sind wir unterwegs zur nordöstlichen Spitze der Insel. Teils folgen wir dem GTE, dem Wanderweg, der in drei Tagen die komplette Durchquerung der Insel ermöglicht. Grundsätzlich dürfen Biker laut dem 50-Jährigen alle Wege nutzen. «Wer rücksichtsvoll ist, kommt sich mit Wanderern nicht ins Gehege.»

Ohnehin treffen wir kaum eine Menschenseele, pedalieren alleine über Gipfel und Grate aber auch durch schattigen Wald. Das Terrain ist entsprechend anspruchsvoll. «Ich empfehle jedem, der auch etwas von Elba sehen will, ein E-Bike», sagt Michele. Auf diese Weise schaffen wir jeden Tag 50 Kilometer und mehr, haben Zeit, die kleinen Bergdörfer zu besuchen und auch mal am Strand abzuhängen.
E-Mountainbike empfohlen
Wer es sportlich mit der Insel aufnehmen will, spart sich den Mietwagen und den Stau auf der Strasse und setzt auf das E-Mountainbike. In einer Woche lässt sich die Insel gut mit dem motorisierten Velo erkunden.
Als Basis empfiehlt sich eine zentral gelegene Unterkunft in der Mitte der Insel, etwa rund um Portoferraio oder Marina di Campo, wo es Buchten mit feinen Stränden und vielen Campingplätzen gibt. Michele zufolge kann man übrigens das ganze Jahr über auf Elba Biken – ausser im Sommer, ab Mitte Juni wird es selbst ihm einfach viel zu heiss.

Die Infrastruktur auf der Insel kann sich ebenfalls sehen lassen: Viele der meist kleinen Bikeshops bieten neben dem Verleih auch geführte Touren. Am Monte Calamita findet man sich aber gut alleine zurecht. Einen Bikepark wie in den Alpen mit Stützpunkten, Werkzeug und Verpflegung darf man allerdings nicht erwarten.
Bei kleinen Problemen hilft aber Alberto gerne weiter. Der Elbaner hat früher selbst in der Mine geschuftet und hilft heutzutage im Museum, an dem sich die einzige Verpflegungsstelle inmitten der Mountainbike-Tracks befindet. Für den Sattel, der sich beim Downhill verbogen hat, findet er schnell eine Lösung. Dann muss er aber auch schon los. Er fährt den nächsten Bus mit behelmten Touristen Richtung Mine.












