Wo der Nebel zum Hauptdarsteller wird
Wer im Herbst dem Nebel entfliehen will, verpasst etwas. Unsere Auswahl zeigt, wo in der Schweiz man seine Mystik besonders gut erleben kann.

Das Wichtigste in Kürze
- Diese zehn Schweizer Orte zeigen den Nebel von seiner spektakulärsten Seite.
- Wanderwege führen durch Moore, Schluchten und geheimnisvolle Nebelwälder.
- Mit etwas Glück verwandelt die Sonne die Nebeldecke in ein eindrückliches Panorama.
Der Nebel gehört zum Schweizer Herbst wie goldene Lärchen und bunte Rebberge. Statt ihm nur zu entfliehen, lohnt es sich manchmal, mitten hineinzutauchen – oder genau an jener magischen Grenze zu stehen, an der die Sonne die Nebeldecke durchbricht.
In Mooren, an Bergseen oder in Schluchten entstehen dann Landschaften, in denen der Nebel zum eigentlichen Hauptdarsteller wird.
Malojaschlange, Oberengadin GR
Man muss den richtigen Moment erwischen – morgens vor dem Sonnenaufgang oder noch besser abends nach dem Sonnenuntergang. Dann zeigt sich im Oberengadin das schmale, lange Wolkenband, das wegen seiner Form «Malojaschlange» genannt wird.

Es entsteht, wenn der Talwind im Bergell feuchte, warme Luft Richtung Malojapass bringt, am Südhang rechts des Passes aufsteigt und sich mit der höher gelegenen, kühleren Westströmung mischt. So bildet sich eine Wolke, die sich mit der leichten Westbrise talabwärts bis über den Stazerwald hinausschlängelt.
Bachalpsee, Grindelwald BE
An schönen Tagen herrscht auf dem Weg zum Bachalpsee oberhalb von Grindelwald-First Hochbetrieb. Ist man aber im Herbst unterwegs, wenn der Nebel die ganze Gipfelwelt verschluckt, wird es deutlich ruhiger.

Wandert man dann von der Bergstation First Richtung Bachalpsee, löst sich mit etwas Glück der Nebel Schritt für Schritt auf. So öffnen sich immer wieder Fenster auf den See und das markante Schreckhorn im Hintergrund.
Tourbières, Les Ponts-de-Martel NE
Die Hochebenen in der Jura-Region gehören im Herbst zu den eindrücklichsten Nebellandschaften der Schweiz. Im neuenburgischen Les Ponts-de-Martel liegt das grösste zusammenhängende Hochmoor des Landes.
Ab dem Bahnhof führt eine Rundwanderung auf einem Torf-Lehrpfad durch das Moorgebiet. Zwischen herbstlich gefärbten Gräsern und geheimnisvollen Bodenvertiefungen zeigt sich, wie faszinierend diese Landschaft im Nebel wirken kann.
Rigi, Arth SZ / Vitznau LU
Sobald im Mittelland Hochnebel angekündigt wird, pilgern viele Sonnensuchende auf die Rigi. Dabei lohnt sich der Ausflug gerade auch dann, wenn das Wetter wechselhaft ist und niemand weiss, ob man tatsächlich über die Nebeldecke hinauskommt.

Wer zum Beispiel von Rigi Kaltbad oder Rigi Staffel einen der zahlreichen Wanderwege unter die Füsse nimmt, erlebt eine Landschaft voller Überraschungen: Mal verschluckt der Nebel alles, mal ziehen nur einzelne Nebelschwaden vorbei, und manchmal befindet man sich in einer Zwischenwelt – wärmende Sonne und nur ein paar Meter weiter unten das Nebelmeer. Und wer auf Nummer sicher gehen möchte, checkt die Webcams.
Flachsee, Rottenschwil AG
Es lohnt sich, nicht allein der reichen Tierwelt wegen zum Flachsee bei Rottenschwil zu kommen (das Gebiet an der Reuss ist ein Vogelschutzreservat von nationaler Bedeutung). Wenn der Herbstnebel über dem See und dem Rottenschwiler Moos liegt, wirken Wasserflächen, Schilfgürtel und kleine bewaldete Inseln besonders stimmungsvoll.
Oft wird die Stille nur von den Rufen der Wasservögel unterbrochen. Eine schöne Runde führt von der Reussbrücke Rottenschwil bis zum Dominilochsteg und über die andere Flussseite zurück – mit Blick auf das Kloster Hermetschwil.
Barchetsee, Neunform TG
Den Barchetsee in der Gemeinde Neunform kennen selbst viele Thurgauerinnen und Thurgauer nicht. Er ist ja auch ganz klein. Schilf, Birken und vor allem schwimmende Torfinseln machen ihn einzigartig. Im Frühnebel wirkt die Stimmung mit diesen Inseln besonders eindrücklich.

Früher dienten die Torfinseln als Flosse für die Barchent-Produktion, heute sind sie mehrheitlich überwachsen. Der sogenannte Toteissee entstand einst beim Rückzug der Gletscher. Ein Rundweg führt entlang des Ufers und eröffnet immer wieder schöne Ausblicke aufs Wasser und die artenreiche Umgebung.
Chaltbrunnental, Grellingen BL
Das Chaltbrunnental bei Grellingen BL ist fast eine eigene Wetterzone. Zwischen Höhlen, moosigen Felsen und Bächen hält sich der Nebel oft deutlich länger als anderswo – besonders nach einer kühlen Herbstnacht.
Der dichte Wald verleiht der Schlucht ohnehin etwas Verwunschenes. Einst herrschte hier reges Leben: Drei pähistorisch besiedelte Höhlen zeugen davon. Ein Karstlehrpfad informiert über dieses auch geologisch interessante Gebiet.
Val Calnègia, Cavergno TI
Hinter Foroglio endet die Strasse – und plötzlich scheint die Zeit stillzustehen. Das Val Calnègia ist nur zu Fuss erreichbar und wirkt bei Nebel besonders eindrücklich.
Alte Trockensteinmauern, jahrhundertealte Rustici und ein Bach, der stellenweise unter der Erde verschwindet, verleihen dem wilden, abgelegenen Seitental des Val Bavona eine archaische Stimmung. Den Auftakt bildet die Cascata di Foroglio, bevor der steile Wanderweg hinauf ins Val Calnègia zu den kleinen Weilern führt.
Wolzenalp, Krummenau SG
In Krummenau steigt man in die Sesselbahn und schwebt ins weisse Nichts. Eine Wanderung auf der Wolzenalp hat im Nebel etwas Mystisches – fast Gespenstisches. Wird hinter der nächsten Birke gleich eine Hexe hervorspringen?

Von der Bergstation führt der Weg zunächst dem Moor entlang, dann über eine Wiese, bevor man ins Hochmoor Rietbach eintaucht. Mal geht es über schmale Holzstege, mal über Wurzelstöcke oder vorbei an Torfmoosen – während die Nebelschwaden durch die Landschaft ziehen.
Wolfsschlucht, Welschenrohr SO
Ob hier wirklich Wölfe unterwegs sind? Heute wohl nicht mehr. Die Wolfsschlucht bei Welschenrohr im Naturpark Thal ist dennoch einer der eindrücklichsten Orte im Solothurner Jura – gerade bei Nebel.
Der Bach hat sich über Jahrtausende tief ins Kalkgestein gegraben. Von Herbetswil aus führt der Weg über Treppen, Stege und schmale Pfade zwischen fast hundert Meter hohen Felswänden hindurch. Mit jedem Meter wirkt die Schlucht wilder und geheimnisvoller.








