«Gereist wird trotzdem, einfach anders»

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Zürich,

Wer profitiert von einer Veränderung der Reiseströme? Travelnews hat mit verschiedenen Reiseveranstaltern gesprochen.

Flughafen Zürich
Reger Betrieb am Flughafen Zürich – Die Präferenzen bei den Reisedestinationen haben sich aber geändert. - TN

Seit über einem Monat tobt der Iran-Krieg – mit erheblichen Auswirkungen auf die Reiseströme. Golfziele wie Dubai sind vorerst bei Schweizer Reisenden kein Thema, auch Umsteigeverbindungen via Golf Richtung Asien, Indischem Ozean oder Afrika sind betroffen.

Bleiben Schweizerinnen und Schweizer nun einfach zu Hause? Reisen sie trotzdem? Doch wohin? Travelnews hat mit verschiedenen Reiseveranstaltern gesprochen und sie gefragt, ob sie eine Buchungsverlagerung feststellen und welche Reiseziele nun verstärkt in den Fokus geraten.

Schub für Bahnreisen

«Ab der zweiten Märzhälfte haben wir eine Zunahme der Buchungen festgestellt», sagt Mike Jakob, Key Account Manager beim Bahnreisespezialisten Railtour. «Wir sehen aber nicht, ob es sich um eine Umbuchung handelt. Das Reisebüro sagt uns ja nicht, Der Kunde wollte eigentlich nach Dubai und nun an die Ostsee».

Eine Zunahme stellt Jakob bei Buchungen nach Paris, Hamburg oder Rom fest, «auch kleinere Destinationen wie Lyon, Bologna oder Wismar legen zu. Der neue Direktzug nach Sestri Levante, Genua ist ebenfalls beliebt wie auch andere Reiseziele mit dem Zug in einem Radius von vier, fünf Stunden, etwa Salzburg.»

Paris
Eine Zunahme an Buchungen konnte auch für Paris festgestellt werden. (Archivbild / Symbolbild) - keystone

Im Gespräch über die Auswirkungen der Nahost-Krise nennt Mike Jakob einen weiteren Effekt: «Schweizer Hotels und Ferienregionen verzeichnen teilweise Ausfälle bei Übersee-Gästen. Das eröffnet neue Kapazitäten für kurzfristige Buchungen.

Wir verzeichnen in der Schweiz aktuell eine gute Nachfrage für den Glacier-Express und der GoldenPass Express verfügt auch kurzfristig noch über gute Kapazitäten», um er fügt weiter an: «Gereist wird trotzdem, einfach anders».

Schottland übertrifft Erwartungen

Rolf Meier Reisen profitiert ebenfalls von den aktuellen Verschiebungen im Markt. Die teilweise Abkehr von Reisezielen im Osten spielt dem auf Grossbritannien, Irland, die Kanalinseln und Malta spezialisierten Anbieter in die Karten.

«Unmittelbar nach Kriegsausbruch herrschte zunächst Stillstand», sagt Mitinhaber Walter Fink. Doch danach habe das Geschäft spürbar angezogen. Aktuell liege man im Tour Operating rund zehn Prozent über dem bereits sehr guten Vorjahr, mit Zuwächsen über das gesamte Portfolio hinweg.

Besonders erfreulich entwickle sich das neue Angebot in Schottland, das die Erwartungen deutlich übertreffe. Gleichzeitig bleibt Fink vorsichtig in der Einordnung dieser Entwicklung.

Landschaft in Schottland
Besonders erfreulich entwickle sich das neue Angebot in Schottland. (Symbolbild) - Depositphotos

Von Schadenfreude gegenüber Mitbewerbern, die unter der aktuellen Lage leiden, könne keine Rede sein. «Diese Situation wünscht man niemandem», betont er. Die Branche sei anfällig für externe Einflüsse – und beim nächsten Mal könne es ebenso gut das eigene Geschäft treffen.

Kunden scheinen abgehärtet

Was sagen die Fernreisespezialisten? Tanja Abächerli, Co-Geschäftsführerin von Dreamtime Travel, analysiert die Situation so: «Wir spüren nicht so viel von einer Veränderung, weil unsere Destinationen nicht allzu sehr betroffen sind.»

Das Ozeanien-Business basiere zum grössten Teil auf Flügen mit Singapore Airlines und Cathay Pacific. «Die wenigen Fälle mit Passagieren auf Emirates oder Qatar konnten wir umbuchen. Und die neuen Buchungen steuern wir nun bewusst via Asien.»

Zudem seien Afrika und Südamerika ohnehin kaum betroffen. «Afrika-Kunden sind nur wenige auf arabischen Carriern gebucht». Bei den neuen Offerten seien die meisten Kunden gewillt, die Reise in der vorgeschlagenen Form anzutreten.

Von Verunsicherung sei nicht viel zu spüren. «Mir scheint, die Kunden sind abgehärtet, fast schon gewohnt, dass sich erschwerte Umstände ergeben können. Nur wenige Kunden von uns sind unsicher und wollen erst mal die geopolitische Situation abwarten.»

Marshallinseln
Die Marshallinseln im mittleren Ozeanien. - afp

Eingebrochen sei einzig der Indische Ozean, «bei den Seychellen und Mauritius kommen aktuell keine Anfragen rein», sagt die neue Mehrheitsaktionärin von Dreamtime Travel. Insgesamt seien die Buchungseingänge im März gut gewesen und sie hoffe, dass dies so bleibt.

Dubai-Budget reicht nicht für Safari-Trip

Afrika, der Profiteur? Eine Buchungsverlagerung vom arabischen Raum Richtung Afrika stellt Claudio Nauli derzeit nicht fest. Der Chef von Private Safaris – mit den wichtigsten Zielen Tansania, Botswana und Namibia – sagt:

«Wir hatten zwar zahlreiche Anfragen für eine Umbuchung. Doch wer für 3000 Franken Dubai-Ferien gebucht hat und dann erwartet, mit demselben Budget zehn Tage Safari in Afrika zu erleben, liegt falsch.» Die Preise für Afrika seien schon deutlich höher.

Private Safaris liegen aktuell auf Vorjahresniveau, wie dies bis Ende Jahr aussehen werde, sei schwierig vorherzusagen:

«Grundsätzlich haben wir mit unseren Afrika-Zielen einen grossen Vorteil. In die USA wird wenig gereist, der ganze Orient ist gesperrt, die Malediven sind von den Flugoptionen eingeschränkt. Die Karten stehen aktuell gut für den Norden, das westliche Mittelmeer, Süd- und Mittelamerika sowie die Karibik – und eben Afrika.»

Leopard, Safari, Jeep.
Ein Dubai-Budget reicht nicht für den Safari-Trip. - Depositphotos

Mit dem Blick Richtung Winter, sagt Nauli: «Es spielt nun eine Rolle, was in den nächsten zwei, drei Wochen passiert.» Sollten die USA im Iran eine Bodenoffensive lancieren, befürchtet Nauli, dann könnte der Konflikt noch einiges länger andauern, mit wirtschaftlichen Auswirkungen bis in die Schweiz. Aktuell sei nur eine leichte Zurückhaltung für das südliche und östliche Afrika festzustellen.

17 Prozent Minus im März

Nach Ausbruch der Nahost-Eskalation strandeten viele Touristen in Asien und die Flugpreise schossen in den Himmel. Wie gestaltet sich das Asien-Geschäft unterdessen? Tourasia-Chef Stephan Roemer sagt: «Im März verzeichneten wir bei den Buchungseingängen ein Minus von 17 Prozent.» Dies sei auf eine generelle Reisezurückhaltung zurückzuführen.

Nachdem die Asien-Flugtarife zunächst in die Höhe geschnellt sind, befinden sich diese wieder auf Normalniveau, stellt Roemer nun fest. «Einzig Treibstoffzuschläge zwischen 50 und 120 Franken sind je nach Airline hinzugekommen. Asien zu erreichen, ist überhaupt kein Problem, es gibt zahlreiche zusätzliche Flüge.»

Macht dir der Nahost-Konflikt Sorgen?

Und Asien zu bereisen sei günstig, nachdem die asiatischen Währungen gegenüber dem Franken innerhalb eines Jahres um 10 Prozent verloren haben.

Aktuell liege Tourasia, was Buchungen bis Oktober betrifft, noch im Rückstand. «Doch das kann sich schnell ändern», ist Stephan Roemer überzeugt, «sobald sich die Situation wieder beruhigt, können die Buchungszahlen schnell wieder in die Höhe steigen».

Zusatzflüge Richtung Malediven

«Wir stellen aktuell fest, dass sich die Nachfrage auf Destinationen verlagert, die üblicherweise auch über Hubs im Nahen Osten gut erreichbar sind. Besonders deutlich zeigt sich dies bei Zielen wie Thailand, den Malediven, Sri Lanka, Mauritius und den Seychellen», stellt Andreas Meier, Medienchef bei Edelweiss, fest.

«Auf die erhöhte Nachfrage Richtung Malediven haben wir reagiert und bisher neun zusätzliche Rotationen ins Programm aufgenommen».

Generell bewegen sich die Auslastungen von Edelweiss auf einem sehr hohen Niveau, sodass die Airline mit Ausnahme einzelner Anpassungen wie auf den Malediven nur begrenzt zusätzliche Kapazitäten anbieten kann.

«Auch in Richtung Karibik beobachten wir einen leichten Anstieg der Nachfrage. Auf der Kurzstrecke verzeichnen klassische Warmwasserdestinationen, etwa die Kanaren, ebenfalls eine leicht steigende Nachfrage.»

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Erfreulich sei zudem die Entwicklung bei Marokko und Tunesien, wo sich ebenfalls ein Aufwärtstrend zeige. Ob diese Entwicklung direkt mit der aktuellen Situation im Nahen Osten zusammenhänge, lasse sich jedoch nicht eindeutig belegen.

Fokus auf westliches Mittelmeer und den Norden

Ein deutliches Indiz, in welche Richtung sich die Nachfrage verschiebt, zeigen auch die Neuerungen im Swiss-Flugplan auf den Kurzstrecken im Sommer. Zwischen Mai und September werden 74 zusätzliche Rotationen zwischen der Schweiz und verschiedenen Destinationen durchgeführt.

Neun Destinationen werden im Mai mit 31 zusätzlichen Rotationen verstärkt. Dazu zählen Málaga, Alicante oder Palma de Mallorca, aber auch Städte wie Stockholm und Athen. Ergänzt wird das Angebot durch zusätzliche Flüge nach Malta, Porto, Palermo und Thessaloniki.

In den Monaten Juni bis September konzentriert sich die Kapazitätsausweitung auf Ziele wie Alicante, Thessaloniki und Venedig, dazu werden auch die Verbindungen nach Nizza aufgestockt.

Hinweis: Dieser Artikel wurde zuerst auf «Travelnews.ch» publiziert.

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