«Slow Dating»: Muss der Funke sofort springen?
Nach schönen Abenden beim Daten heisst es: «Der Funke ist nicht gesprungen.» Vielleicht braucht Nähe einfach mehr Zeit. Eine Kolumne von Chris Oeuvray.

Das Wichtigste in Kürze
- Chris Oeuvray ist Expertin für Narzissmus und toxische Dynamiken.
- Auf Nau.ch schreibt Oeuvray regelmässig Kolumnen.
- Heute schreibt sie über Dating, fehlende «Funken» und warum Nähe nicht beim ersten Treffen entstehen muss.
Ich date gerade. Ich treffe einen Mann, wir reden, lachen und verbringen einen schönen Abend.
Danach kommt die Nachricht: Es war nett, aber der Funke ist nicht gesprungen. Und ich sitze da und denke: Natürlich nicht. Bei mir doch auch nicht.
Ich erwarte nach zwei Stunden kein Feuerwerk. Sympathie ja. Neugier unbedingt. Auch körperliche Anziehung? Yes please!
Aber dieses sofortige Gefühl, einen Menschen unbedingt wiedersehen zu müssen? Dafür brauche ich Zeit.
Früher entstand Anziehung nebenbei
Früher lernten sich viele Menschen anders kennen. Im Verein, bei der Arbeit, über Freunde oder beim Sport.
Man begegnete sich immer wieder. Man sprach miteinander, beobachtete sich, lachte zusammen. Irgendwann bemerkte man: Da ist etwas.

Dann flog vielleicht der Funke. Man war verknallt und kam sich näher.
Und erst Wochen oder Monate später zeigte sich, ob man überhaupt zusammenpasste. Verliebtsein war nicht das Ergebnis einer zweistündigen Eignungsprüfung.
Heute drehen wir diesen Prozess gerne um. Zwei Menschen sitzen sich beim ersten Date gegenüber und prüfen innerlich bereits das Gesamtpaket. Genug Anziehung? Genug Gemeinsamkeiten? Genug Kribbeln?
Wenn das Gefühl nicht sofort liefert, wird aussortiert.
Dating verlangt heute sofortige Klarheit
Ich halte das für eine Illusion. Ein Funke beim ersten Treffen sagt wenig darüber aus, ob zwei Menschen eine gute Beziehung führen können.
Starke Anziehung kann wunderschön sein. Aber: Sind wir ehrlich, sie beruht auf Projektionen, vertrauten Beziehungsmustern oder schlicht sexueller Anziehung.
Trotzdem behandeln wir das erste Date, als müssten wir innerhalb eines Abends eine Lebensentscheidung treffen. Wir haben uns an Geschwindigkeit gewöhnt. Wischen, matchen, treffen, entscheiden. Der Mensch gegenüber bekommt kaum Zeit, vom Profil zu einer echten Person zu werden.
Slow Dating gibt Nähe wieder Zeit
Mir fehlt «Slow Dating». Ich möchte jemanden kennenlernen. Ihn wiedersehen, telefonieren, schreiben und erleben, wie er mit Menschen umgeht. Ich möchte merken, ob ich mich auf ihn freue und ob Nähe wächst.
Das bedeutet nicht, zehn Dates durchzuziehen, obwohl man keinerlei Interesse empfindet. Ein klares Nein bleibt ein Nein.
Aber zwischen Ablehnung und Verliebtheit existiert etwas, das beim modernen Dating erstaunlich wenig Platz bekommt: Neugier.
Vielleicht sollten wir wieder lernen, genau diese auszuhalten. Nicht sofort wissen zu müssen, wohin etwas führt.
Einen Menschen ein zweites oder drittes Mal treffen, weil wir ihn sympathisch finden und mehr erfahren möchten. Nähe darf entstehen, statt beim ersten Kaffee abgeliefert werden zu müssen.
Beziehung braucht keine Sofortdiagnose
Natürlich kann es beim ersten Blick einschlagen. Wunderbar. Nur ist das keine Voraussetzung für Liebe und schon gar kein Beweis für eine tragfähige Beziehung. Beziehung entsteht dort, wo zwei Menschen sich zeigen und erleben dürfen.

Dazu gehören Zeit, Offenheit und die Bereitschaft, nicht bei jeder fehlenden Sofortemotion weiterzuswipen. Vielleicht haben wir beim Dating nicht zu wenig Auswahl. Vielleicht entscheiden wir nur zu schnell.
Ich brauche keinen Funken nach zwei Stunden. Gib mir einen Grund, dich wiedersehen zu wollen. Der Rest darf wachsen.
Zur Person
Chris Oeuvray ist Expertin für Narzissmus, psychologische Beraterin und Autorin («Du genügst», weitere Bücher auf ch-oeuvray.ch/buecher) aus Zug.








