Kinder dürfen im Bus sitzen – Senioren bleiben stehen!
Verena Brunschweiger schreibt in ihrer Kolumne über fehlende Rücksicht gegenüber älteren und behinderten Menschen im Bus und in den Trams.

Das Wichtigste in Kürze
- Dr. Verena E. Brunschweiger schreibt auf Nau.ch regelmässig Kolumnen.
- Heute schreibt sie über das Verhalten von Kindern und Eltern im öffentlichen Verkehr.
- Mehr Rücksicht auf ältere und behinderte Fahrgäste sei nötig, findet sie.
Der öffentliche Verkehr der Schweiz ist weltberühmt. Züge, Busse, Trams, Postautos, Schiffe oder Seilbahnen decken ein beeindruckend grosses Gebiet ab. Und sie sind pünktlich und meist sehr sauber.
Die Frage stellt sich: Gibt es eigentlich auch negative Aspekte, wenn es um den Schweizer ÖV geht?
Gut, der ÖV ist nicht ganz billig und voll ist er naturgemäss bisweilen auch. Gerade was letzteren Punkt angeht, ist natürlich das sozial adäquate Verhalten aller Fahrgäste gefragt.
Kein Rutschen ans Fenster
Denn: Vermehrt stellen Leute fest, dass Eltern ihre Kinder dazu auffordern, sich hinzusetzen, selbst jedoch daneben stehen bleiben. Das Rutschen ans Fenster findet oftmals nicht statt. Was eventuell auch daran liegt, dass oft schon eine Tasche oder der Rucksack auf dem Sitzplatz daneben deponiert wurde.
Altersdiskriminierung im Bus
In einer Welt, in der Leute über 60 Jahre nicht selten als reine Belastung empfunden werden, wundert es einen nicht, wenn besagte Tasche nicht auf den Boden gestellt wird, um für eine ältere Person den Platz freizugeben.
«Dann wird der neue Löwenrucksack von Jessica ja dreckig», flötet ein Mami nonchalant einer Seniorin ins Gesicht. Die bedauernswerte Seniorin bleibt im Bus stehen. Verkehrte Welt.

Zumal der Rucksack ohnehin nicht sauber bleiben wird, wenn andere Kinder genau wie gerade Jessica mit dreckigen Schuhen auf dem Sitz herumturn(t)en.
Diese Art der Altersdiskriminierung so mancher Eltern ist meiner Meinung teilweise stark ausgeprägt. Auffallend stark ausgeprägt ist auch das Einfordern von maximaler Rücksichtnahme bei gleichzeitigem Fehlen eigener Rücksichtnahme.
Fakt ist: Eltern lassen oftmals ihre eigenen Kleinkinder im Bus oder in den Trams sitzen, die Senioren stehen daneben.
Diskriminierungen kommen ans Tageslicht
Nicht nur die Altersdiskriminierung bestimmter Eltern fällt auf. Auch ein anderes Problem kommt immer wieder deutlich ans Tageslicht: In öffentlichen Verkehrsmitteln gibt es Bereiche, in denen Vehikel wie Kinderwagen und Rollstühle geparkt werden können.
Ein Freund im Rollstuhl berichtete, er käme oftmals gar nicht in den Bus, weil viele überdimensionale Kinderwagen so wild und zahlreich auf dieser Fläche geparkt wären, dass er keine Chance hätte. Nicht nur ein Mal musste er deshalb auf den nächsten Bus warten.

Rücksichtnahme heisst das Zauberwort. Es wäre durchaus angebracht, nicht nur den eigenen Platz anbieten, sondern auch dem kleinen Kind aktiv Rücksichtnahme beibringen. Indem man es bittet, aufzustehen – oder wenigstens ans Fenster zu rutschen.
Oder eben den Löwenrucksack auf Jessicas Schoss zu nehmen. Dann hampelt das Kind auch gleich nicht ständig auf dem Sitz herum.
Und nein, das heisst dann nicht, dass automatisch das Tablet ausgepackt werden muss, damit der ganze Bus «Benjamin Blümchen» in voller Lautstärke mithören muss.

Zur Autorin
Dr. Verena E. Brunschweiger, Autorin, Aktivistin und Feministin, studierte Deutsch, Englisch und Philosophie/Ethik an der Universität Regensburg. 2019 schlug ihr Manifest «Kinderfrei statt kinderlos» ein und errang internationale Beachtung.








