Plastikfolien in Landwirtschaft – das steckt dahinter!
Auch bei uns in der Schweiz wächst der Widerstand gegen viel Plastikfolien in der Landschaft. Unser Kolumnist Martin Jucker erklärt die Hintergründe.

Das Wichtigste in Kürze
- Martin Jucker betreibt die bekannte «Jucker Farm» in Seegräben ZH.
- Auf Nau.ch schreibt Jucker regelmässig Kolumnen.
- Heute schreibt Jucker über Plastikfolien in der Landwirtschaft am Beispiel der Spargeln.
Sie sind mittlerweile fast jedem bekannt, die Bilder der Plastikfolienwüste bei Almeria in Spanien. So wollen wir nicht enden in der Schweiz, da sind sich alle einig.
Auch hierzulande wächst der Widerstand gegen viel Folie in der Landschaft und wie üblich werden die Rufe nach Regulierung lauter. Dabei wären gar keine neuen Gesetze nötig.
Natur- und Landschaftsschutz liessen sich dazu benützen, auch der Heimatschutz. Denn das Landschaftsbild und das geschützte Ortsbild leiden unter der Folienflut.
Auch in der Agrarregulation gibt es zahlreiche Hebel, die man in Bewegung setzen könnte. Es ist aber sehr fraglich, ob wir von einer Folienregulation wirklich profitieren würden.
Warum nehmen die Folien immer mehr zu?
Die Gründe dafür, dass das Folien-Meer immer grösser wird, sind vielschichtig. Es gibt zwei Hauptzwecke von Folien: Sie dienen erstens als Witterungsschutz. Kirschenanlagen etwa werden mittels Foliendach vor Starkregen geschützt. Denn: Starkregen kurz vor der Ernte kann die Kirschen zum Aufplatzen bringen und so einen Totalschaden verursachen.
Weit häufiger ist zweitens der Verwendungszweck zur Beeinflussung des Erntezeitpunkts. Ein Folientunnel oder eine Folienabdeckung ist die einfachste Form eines Treibhauses. Dank der Folien wird die Wärme gespeichert und die Kulturen beginnen früher auszutreiben. Die Landwirtschaftsbetriebe können früher ernten.
Nehmen wir hier das Beispiel der Spargeln: Die weissen Spargeln wachsen in einem Erddamm. Dieser wird mit einer schwarzen Folie abgedeckt, um die ersten Sonnenstrahlen im Frühling direkt in Wärme umzuwandeln und die Temperatur im Damm schneller steigen zu lassen.
Erreicht die Temperatur bei den Wurzeln der Spargeln 12 Grad, beginnen diese zu wachsen – und die Ernte kann starten. Dieser Effekt lässt sich noch verstärken, wenn zusätzlich kleine Folientunnel über jeden Damm gebaut werden. Es entsteht ein Luftkissen zwischen den beiden Folien, welches die nächtliche Auskühlung reduziert.

Alle wollen möglichst früh ernten
So viel Arbeit und so viel Plastik auf dem Feld – da stellt sich die Frage, ob es das überhaupt braucht? Die Spargeln sind schliesslich früher auch ohne Folien gewachsen. Ohne sie würde die Spargelernte in unseren Breitengraden aber erst in der ersten Maihälfte starten. Das ist kurz vor dem Zeitpunkt, an dem Herr und Frau Schweizer genug vom Spargel haben. Diesen konnten sie ja als Importware vom anderen Ende der Welt schon seit Februar zu Tiefstpreisen kaufen.
Auch in Übersee wird der Spargel mit Folien produziert. Denn alle wollen möglichst früh ernten.
Wenn die Produzenten aus Mexiko erst im März liefern könnten, wäre das nicht mehr lukrativ, weil wir dann bereits die Spargeln aus Spanien haben. Und würden spanische Betriebe auf Folien verzichten, hätten wir bis dann schon den Schweizer Spargel.
Ohne Folie keine «guten» Spargeln
Vor 20 Jahren waren die «Cavaillon-Spargeln» aus Frankreich noch bekannt. Sie zeichneten sich durch einen violetten Kopf aus. Der Kopf einer Spargelstange wird bei Kontakt mit Sonnenlicht innerhalb weniger Stunden violett und später grün.
Weil jetzt aber überall auf der Welt Spargel unter Folie produziert wird und diese Folie kein Licht durchlässt, bleiben die Spargelköpfe weiss. Violette Köpfe sind zum Zeichen verminderter Qualität geworden und müssen aussortiert werden. Ohne Folie also keine «gute» Spargelqualität mehr.
Es würde den Rahmen sprengen, alle weiteren Zusammenhänge zu erklären. Es kann aber klar abgeleitet werden, dass Schweizer Produzenten gezwungen sind, mit Folien den Erntezeitpunkt ihrer Kulturen so zu regulieren, dass sie die Produkte auch verkaufen können.

So funktioniert globales Ernährungssystem
Ob wir die Schuld dafür jetzt im Detailhandel, beim Konsumenten, beim Importeur der ausländischen Produkte – oder sogar beim Spargelbauern im Ausland suchen, ist völlig irrelevant. So funktioniert unser globales Ernährungssystem. Jeder der Aufgezählten hat einen Teil Mitschuld. Ändern können wir das nicht.
Um die Brücke zum Anfang zu schlagen, heisst das auch, dass wir den Import von Lebensmitteln fördern würden, wenn wir die Verbreitung von Folien in der Landwirtschaft in der Schweiz erschweren.
Somit würde sich das regionale und saisonale Angebot an gesunden und frischen Nahrungsmitteln reduzieren. Diese Nahrungsmittel wiederum werden überall für eine gesunde Ernährung empfohlen. Wie wollen wir lokalen Genuss zelebrieren, wenn wir keine lokalen Produkte mehr haben? Wo bleibt dann die Esskultur?
Mein Wunsch an Sie als Leserinnen und Leser: Wenn Sie das nächste Mal ein Feld sehen, welches mit Folie abgedeckt ist und Ihnen das nicht gefällt, dann denken Sie daran, welchen Beitrag diese Folie zu Ihrer Ernährung leistet.
Zur Person
Martin Jucker ist gelernter Obstbauer und hat sich mit der «Jucker Farm» in Seegräben ZH über die Landesgrenzen hinweg einen Namen gemacht. Er steht für innovative, nachhaltige und unabhängige Landwirtschaft. 2014 wurde er zusammen mit seinem Bruder Beat als bisher einziger Bauer zum Schweizer Unternehmer des Jahres gewählt.








