Jetzt wollen sie uns auch noch den Wein wegnehmen!

    Maria Brehmer
    Maria Brehmer

    Zürich,

    «Dass Alkohol überall dabei sein muss, damit es gut wird, verlernen wir als Gesellschaft gerade», schreibt Kolumnistin Maria Brehmer.

    anstossen mit rotwein
    Ein Glas Rotwein löst bei vielen gute Gefühle aus. - Unsplash

    Das Wichtigste in Kürze

    • Beraterin Maria Brehmer begleitet Menschen, die weniger trinken wollen.
    • Heute schreibt sie darüber, dass Alkohol meistens mit Gefühlen verknüpft ist.
    • Kritik am Konsum fühle sich an wie Kritik am Leben selbst.

    Würde ich hier darüber schreiben, dass Alkohol nicht besonders zuträglich für die Leber ist, verschiedene Krebsarten fördert, schwerwiegende soziale Schäden anrichtet – es würde Sie bestimmt langweilen. Schon oft haben wir es gelesen, wir sollten es mittlerweile wissen.

    Schauen wir allerdings auf die psychologische Dimension von Alkohol, gesamtgesellschaftlich und individuell, tut sich eine neue Perspektive auf.

    Dann verstehen wir, warum politische Debatten über Jugendschutz, Verkaufsverbote und Spirituosensteuern so hitzig geführt werden und wir uns persönlich betroffen fühlen: Weil immer grosse Gefühle im Spiel sind, es um viel Geld geht – und um nichts weniger als unsere Freiheit.

    Maria Brehmer
    Maria Brehmer schreibt auf Nau.ch regelmässig Kolumnen. - zvg

    Gesundheitsdiktatur der Vernünftigen

    Ethanol (C2H5OH) ist die chemische Substanz mit dem gesellschaftlich reaktivsten Potenzial.

    Kaum ist die Diskussion um die Regulierung von Alkohol im Raum, ist von «Gesundheitsdiktatur» die Rede, von Bevormundung, von infantilisierenden Gesetzen. Jetzt wollen sie uns auch noch den Wein wegnehmen!

    Niemand will den Spassverderber geben

    Kein Wunder, wagen es nur wenige Bundesparlamentarierinnen und -parlamentarier, sich an dem Thema die Finger zu verbrennen.

    Zwischen «weniger trinken» und «Alkohol teilweise verbieten» liegt ein breites Feld, mit dessen Beackerung Politikerinnen und Politiker schnell viele Punkte verlieren können.

    Wer will der Bevölkerung schon den Zugang zu etwas erschweren, mit dem so viele Traditionen und lebenswerte Momente verbunden sind? Wer will schon die Spassverderberin sein?

    Hast du positive Gefühle, wenn du an Alkohol denkst?

    Weniger trinken, weniger Lebensfreude?

    Alkohol ist Feierabend. Er ist Ferien. Er ist das Anstossen an Geburtstagen und persönlichen Meilensteinen. Er ist das Glas Wein zum Fondue, das Bier nach der Arbeit. Er steht für Pause, Entspannung, Geselligkeit, Genuss. Für Kultur.

    Wer an weniger Alkohol denkt, denkt nicht an weniger Ethanol, sondern an weniger Lebensfreude.

    Wenn jemand sagt: «Wir sollten den Konsum reduzieren», hören viele: «Wir nehmen euch das weg, was das Leben ausmacht.»

    Bier
    Was löst dieses Bild bei dir aus? - keystone

    Alkohol ist immer an Gefühlen geknüpft

    Wir verbinden den Konsum von Alkohol fast immer mit einem Gefühl. Wenn wir daran denken, den Frühlingsabend nicht mehr automatisch mit einem Bier ausklingen lassen zu können, glauben wir, das damit verknüpfte Wohlgefühl zu verlieren.

    Kritik am Konsum fühlt sich an wie Kritik am Leben selbst. Wir verteidigen Alkohol, als ginge es um unsere Freiheit. Die Freiheit, uns gut fühlen zu dürfen, wann immer wir das wollen.

    Wie wir konsumieren, kostet uns Milliarden

    Dabei geht in den meisten Debatten weder um Verbote, noch um moralische Erziehung. Sondern um Risiken, Kosten und Gesundheit, die in unser aller Interesse sind.

    Der übermässige Alkoholkonsum verursacht in der Schweiz jedes Jahr Kosten in Milliardenhöhe – ganz abgesehen von den individuellen Folgen. Das ist eine nüchterne Feststellung, keine Kampfansage an unsere Genuss- und Konsumkultur.

    Doch gleichzeitig verbreitet sich auch die Haltung, dass es keinen Alkohol braucht, um all diese schönen Lebensmomente zu leben und zu geniessen.

    Angefangen bei der Generation Z, die deutlich weniger Alkohol konsumiert als die Generationen vor ihr, zu denen auch ich gehöre.

    Sie weiss: Nicht der Alkohol selbst macht Momente schön. Nicht er macht den Grillabend mit der Familie komplett. Nicht er schafft die Nähe mit Freundinnen am Küchentisch. Er ist lediglich über Jahrzehnte zum festen Begleiter dieser Momente geworden.

    Dass Wein, Bier und Prosecco überall dabei sein müssen, damit es gut wird, das verlernen wir als Gesellschaft gerade.

    Trinkst du zuviel Alkohol?

    Genauer hinschauen lohnt sich

    Lebensfreude ist kein Monopol einer Substanz. Sie entsteht im Zusammensein, im Geniessen, im Abschalten – manchmal mit, manchmal ohne Glas in der Hand.

    Niemand will uns etwas wegnehmen. Die Entscheidung bleibt bei uns. Vielleicht lohnt es sich aber, genauer hinzuschauen, was wir da eigentlich verteidigen: Das Getränk – oder ein damit verbundenes Lebensgefühl.

    Maria Brehmer
    Das war die letzte Nau.ch-Kolumne von Maria Brehmer. - zvg

    Zur Autorin

    Maria Brehmer lebt seit fünf Jahren alkoholfrei. Als ehemalige Journalistin und heutige Beraterin und Podcasterin schreibt und spricht sie über Selbstbestimmung, gesellschaftliche Trinknormen und ein gutes Leben ohne Alkohol. In ihren Online-Programmen begleitet sie Menschen, die weniger trinken wollen: Mehr Infos unter fraubrehmer.com.

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    Kommentare

    User #3128 (nicht angemeldet)

    Dank der SVP werden die Gefahren von Alk schöngeredet

    User #1583 (nicht angemeldet)

    …keine Angst, dafür das das nicht passiert, hat die Wein-Lobby einen eigenen Bundesrat…!

    Weiterlesen

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