Typisch Junge! Wirklich? Es gibt natürlich genetische und angeborene Unterschiede. Doch Eltern erziehen oft nach Geschlecht. Aber es geht auch anders.
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Typisch Junge! Typisch Mädchen! Wirklich? Die ersten Lebensjahre prägen, wie Kinder sich mit ihrem Geschlecht identifizieren und welche Rollenklischees sie annehmen – oder nicht. - Jose Luis Carrascosa/Westend61/dpa-tmn
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Das Wichtigste in Kürze

  • Rollenklischees werden schon mit der Erziehung in den ersten Lebensjahren aufgebaut.
  • Dass Mädchen mit Puppen spielen, Jungen aber Bagger fahren, ist ein typisches Beispiel.
  • Alternative Angebote, die für alle interessant sind, zeigen Wege aus der Gender-Falle.

Leise und friedlich oder laut und aufgedreht: Mädchen und Jungs machen sich schon als Säugling anders bemerkbar. Schuld seien die Hormone, so Verhaltensforscher.

Aber auch die Erziehung beziehungsweise die Erwartungshaltung, die man an das jeweilige Geschlecht hat, beeinflussen Kinder – und das schon sehr früh.

Vieles, was Frauen und Männer unterscheidet, lässt sich auf die ersten Lebensjahre zurückführen. Sie prägen, wie Kinder sich mit ihrem Geschlecht identifizieren und welche Rollenklischees sie annehmen.

Ein Versuch, sechs typische Verhaltensmuster zu entschlüsseln:

1. Wilde Jungs, brave Mädchen

Schon als Baby verhalten sich viele Jungs lauter und fordernder. Das liegt am Sexualhormon Testosteron. «Die Menge ist nach der Geburt noch deutlich höher als bei Mädchen», sagt Geschlechterforscher Reinhard Winter.

Im Laufe des ersten Lebensjahrs sinkt der Testosteron-Spiegel wieder ab. Dennoch bleiben Jungs oft die impulsiveren, aktiveren Kinder.

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Alarm im Kinderzimmer: Jungen sind oft die impulsiveren Kinder. Aber auch Mädchen können sich kämpferisch zeigen, wenn sie gleichgeschlechtliche Vorbilder haben. - Rainer Holz/Westend61/dpa-tmn

Zu den angeborenen Unterschieden kommt ab Geburt die Erziehung. «Viele Eltern erziehen ihre Kinder nach Geschlecht, so, wie sie es erwarten», erzählt Winter. Zeigt sich ein Junge kraftvoll und wird dafür positiv bestätigt, will er von dieser Erfahrung mehr.

Das funktioniert auch bei Mädchen. Nur: «Mädchen können die Impulssteuerung schneller regulieren. Sie sind dann automatisch die vernünftigeren.»

2. Puppen-Mama und Baggerfahrer

Ab dem ersten Geburtstag greifen Mädchen zu Puppen, Jungen zu Fahrzeugen. «Mit Puppe und Kleiderkoffer lässt sich viel differenzierter spielen», sagt Gabriele Haug-Schnabel, die das Institut «Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen» betreibt.

Bei Jungen, die mit Autos hin- und herfahren, sei das Spiel oft begrenzt.

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Wenn der Junge nicht nur Baggerfahrer übt, sondern hinterher auch den verletzten Autofahrer im Krankenhaus versorgen lernt, hat die Erziehung eine Gender-Falle erfolgreich gemeistert. - Pexels

Jungenexperte Winter empfiehlt, das Spiel zu erweitern: «Dann sind da nicht nur Autos, die aufeinanderprallen, sondern auch ein Krankenhaus, wo die verletzten Autofahrer geheilt werden, bis sie dann wieder nach Hause kommen und gemeinsam kochen», sagt er.

3. Mädchen basteln, Jungs schiessen Bälle

Auch bei sportlichen und gestalterischen Übungen gibt es Unterschiede: Jungen interessieren sich mehr für Klettern, Fussball und körperorientierte Spiele. Mädchen lieben es, mit der Bastelschere kreative Dinge zu entwerfen.

«Das verstärkt sich bis ins Schulalter, wenn Geschlechter stereotyp gefördert werden», sagt die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Inés Brock.

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Auch Mädchen in Rosa können hervorragende Kicker werden. - Pexels

Im Kindergarten seien alternative Angebote wichtig. Damit Spielbereiche für beide Geschlechter spannend sind, empfiehlt die Verhaltensbiologin Haug-Schnabel, sie zu ergänzen: «Zum Beispiel das Holzarbeiten mit Verzieren, Buchstaben und Zahlen kombinieren.»

4. Wie der Vater, so der Sohn

Ob man ein Mädchen oder Junge ist, lernen Kinder erst mit der Zeit. «Zwischen zwei und drei Jahren können Kinder die Erwachsenen nach Geschlechtern sortieren, erst danach ordnen sie sich selbst ein», so Winter.

Ab drei Jahren wird das Geschlecht relevant für die Identität. «Kinder fahnden nach allen Stereotypen in ihrem Umfeld, die ihnen die Zuordnung einfacher machen», sagt er.

Wichtig sind dabei gleichgeschlechtliche Erwachsene, deren Verhalten nachgeahmt wird. Damit versuchen Kinder, ihre Identität zu sichern, so Inés Brock.

«Durch den grossen Überhang an weiblichen Bezugspersonen in Kita und Schule ist es für Jungen schwieriger, sich in ihrer Männlichkeit zu Hause zu fühlen», sagt sie. Folglich orientierten sich Jungs stärker an gleichaltrigen Jungs.

5. Prinzessin oder Feuerwehrmann

Was Kinder mögen, zeigen sie auch mit ihrer Kleidung. Shirts in Rosa oder Blau, verziert mit Einhorn oder Dinosaurier: Forscher wissen, dass das Kind die gelernte Zuordnung zur Identifikation benutzt.

«Wir sollten aber sensibel damit umgehen, sodass ein Junge, der sich als Prinzessin verkleiden will, nicht kritisiert wird, genauso wenig, wie ein Mädchen, das keinen Rock tragen möchte», sagt Inés Brock.

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Und wenn der Junge die Prinzessin sein will? - Pexels

Dass Kleidung schmückt, lernen Mädchen durch Erwachsene. «Wenn man ihnen sagt: «Du bist toll angezogen» prägt das ihre Affinität zum schönen Aussehen», so Gabriele Haug-Schnabel.

Jungen lernen, dass Kleidung eine Funktion hat. «Ihnen wird viel häufiger gesagt, dass sie eine echte Handwerkerhose tragen», sagt sie.

6. Jungs wollen klare Ansagen, Mädchen sprechen lieber

Mädchen verhalten sich etwas personen- und beziehungsorientierter als Jungen und sprechen mehr. Ein Grund ist die etwas schnellere Reifung im Gehirn, ein anderer das frühe Studium der Menschen.

«Mädchen verweilen schon als Baby länger an Gesichtern», sagt Inés Brock. Dadurch nehmen sie Stimmungen und Sprache viel deutlicher wahr.

Um Jungen nicht zu überfordern, helfen klare, kurze Ansagen. «Lange Begründungen oder Beziehungsappelle rauschen an ihnen vorbei, sie können nicht so gut verstehen, was gemeint ist», sagt Winter.

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