Scénic E-Tech: Crossover fürs Mittelland
Vom Familienvan zum E-Crossover: Der Renault Scénic E-Tech überzeugt mit Reichweite und Raumangebot – doch reicht das im 4x4-verwöhnten Schweizer Markt?

Der einstige Pionier des europäischen Familienvans vollzieht einen radikalen Wandel zum modernen Crossover. Mit dem rein elektrischen Scénic E-Tech drängt Renault in ein hart umkämpftes Schweizer Marktsegment.
Hier trifft der Franzose mit der Auszeichnung «Car of the Year 2024» auf ein anspruchsvolles Publikum. Mit einem Leergewicht ab 1'842 Kilogramm für die Basisversion und gut 1'920 Kilogramm mit grossem Akku erweist sich das Modell als bemerkenswertes Leichtgewicht im Wettbewerb.

Dieses geringe Gewicht zahlt sich auf alpinen Passstrassen direkt durch ein präzises Einlenkverhalten sowie reduzierten Bremsverschleiss aus. Im Fahrzeugboden sorgt ein NMC-Akkupaket mit 87 Kilowattstunden nutzbarer Kapazität für solide Langstreckenreserven.
Realistische Reichweite für Schweizer Topografie
Renault deklariert für diese Konfiguration eine Reichweite von beachtlichen 625 Kilometern nach dem WLTP-Prüfzyklus. Höhenmeter und winterliche Autobahnetappen reduzieren diesen Laborwert im Schweizer Fahralltag auf rund 440 Kilometer.
Diese Energiereserve reicht selbst bei widrigen Witterungsbedingungen für die Nonstop-Fahrt von Zürich über den Gotthard ins Tessin. Für den Vortrieb sorgt ein fremderregter Synchronmotor an der Vorderachse mit einer Spitzenleistung von 220 PS.

Mit einem Drehmoment von 300 Newtonmetern beschleunigt der französische Crossover in zügigen 7.9 Sekunden auf Tempo 100. An Gleichstrom-Schnellladern zieht das 400-Volt-System bis zu 150 Kilowatt und benötigt rund 37 Minuten, um von 15 auf 80 Prozent zu laden.
Ladeinfrastruktur und digitale Vernetzung
Auf langen Reisen bleibt diese Ladegeschwindigkeit zwar hinter moderneren 800-Volt-Architekturen zurück, überzeugt in Tests jedoch mit einer stabilen Leistungskurve. Einen echten Mehrwert bietet Renault an den zahlreichen öffentlichen Wechselstrom-Stationen im dicht besiedelten Mittelland.
Mit dem je nach Ausstattungslinie serienmässigen oder optionalen 22-kW-Bordlader füllt sich der Akku doppelt so schnell wie bei den meisten Konkurrenzmodellen. Im Innenraum orientiert sich Renault konsequent an den Gewohnheiten einer technikaffinen Kundschaft.
Das Infotainmentsystem OpenR Link basiert auf Android Automotive OS. Die integrierte Google-Navigation berechnet topografische Profile sowie die Live-Verfügbarkeit von Ladenetzen wie GOFAST oder Ionity zuverlässig in die Routenführung ein.
Raumkonzept und Alltagstauglichkeit
Das Kofferraumvolumen von 545 Litern nimmt sperrige Sportgeräte oder den Grosseinkauf problemlos auf. In der zweiten Reihe geniessen Mitreisende dank eines Radstands von 2.78 Metern eine überdurchschnittliche Kniefreiheit.
Durchdachte Lösungen wie die multifunktionale Mittelarmlehne «Ingenius» mit integrierten Smartphone-Haltern unterstreichen die hohe Praxistauglichkeit. Zur Markteinführung kalkulierte Renault die Schweizer Tarife mit einem Einstiegspreis von 43'700 Franken überraschend scharf.

Die reichweitenstarke 87-kWh-Ausführung beginnt bei rund 47'100 Franken und bleibt damit deutlich unter der psychologisch wichtigen Grenze von fünfzigtausend Franken. Für gewerbliche Flottenbetreiber resultieren aus dieser Preisgestaltung konkurrenzfähige Gesamtkosten im monatlichen Full-Service-Leasing.
Marktchancen im Allrad-Mekka Schweiz
Im direkten Duell mit dem Marktführer Tesla Model Y punktet der Scénic mit einer solideren Verarbeitungsqualität im Innenraum. Trotz dieser Vorzüge steht der Franzose auf dem Schweizer Automarkt vor einer grossen Hürde:
Schweizer Neuwagenkäufer wählen in diesem Segment erfahrungsgemäss zu rund fünfzig Prozent ein Modell mit Vierradantrieb. Da Renault den Scénic E-Tech ausschliesslich mit Vorderradantrieb ausliefert, fehlen ihm in schneereichen Bergkantonen essenzielle Kaufargumente.
Für den urbanen Pendelverkehr und Familienausflüge auf befestigten Strassen bleibt das Gesamtpaket dennoch ausserordentlich attraktiv. Ob die Qualitäten als Reisewagen ausreichen, um traditionelle 4x4-Käufer umzustimmen, wird der Markt in den kommenden Quartalen zeigen.






