«Labouring Bodies»: Wie Maschinen (Re)produzierende Körper prägen
Die Ausstellung «Labouring Bodies» zeigt bis zum 8. November 2026 im Museum Tinguely, wie Arbeit und Technologie weibliche Körper prägen und kontrollieren.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Gruppenausstellung «Labouring Bodies» verbindet Kunst vom frühen 20. Jahrhundert mit Werken der Gegenwart.
- Sie untersucht, wie Arbeit, Technologie und Körper – insbesondere weibliche Körper – miteinander verbunden sind.
- Fotografien, Skulpturen und Installationen eröffnen unterschiedliche Zugänge zum Thema.
Das Museum Tinguely in Basel widmet sich noch bis zum 8. November 2026 einem Thema, das lange im Schatten stand. Die Gruppenausstellung «Labouring Bodies» untersucht aus feministischer Sicht, wie Maschinen den menschlichen Körper seit der Moderne geprägt, kontrolliert und teilweise unsichtbar gemacht haben.
Im Fokus stehen vor allem die Körper von Frauen, die arbeiten, pflegen und gebären. Die Ausstellung handelt also nicht nur von bezahlter Arbeit, sondern auch von unbezahlter Haus- und Sorgearbeit sowie Schwangerschaft und Geburt.
So wird sichtbar gemacht , dass diese Tätigkeiten gesellschaftlich und wirtschaftlich wichtig sind, historisch aber häufig übersehen oder nicht als Arbeit anerkannt wurden.

Der Titel spielt dabei bewusst mit einer Doppeldeutigkeit. Das englische Wort «labour» bezeichnet sowohl Arbeit als auch Gebären. Die Schau verbindet so industrielle Produktion und biologische Fortpflanzung zu einer gemeinsamen Geschichte.
Das Museum versammelt laut eigenen Angaben 36 historische und zeitgenössische künstlerische Positionen mit Werken vom frühen 20. Jahrhundert bis heute. Dazu gehören Fotografien von Arbeiterinnen in Fabriken über Kunst zur Hausarbeit und Reproduktion bis hin zu aktuellen Themen wie digitaler Arbeit, künstlicher Intelligenz und unsichtbarer Datenarbeit.
Frauen an Spinnmaschine und Rechenanlage
Zu den frühen Werken gehört Sella Hasses «Industriearbeiterinnen», eine um 1915 entstandene Arbeit aus Collage und Gouache. Künstlerinnen wie Hasse und Alice Lex-Nerlinger thematisierten bereits damals die doppelte Ausbeutung von Frauen durch Erwerbs- und Hausarbeit.

Die Fotografin Evelyn Richter hielt 1970 den Alltag in der Kammgarnspinnerei im sächsischen Markkleeberg fest. Berenice Abbotts Fotografie «IBM Laboratory» entstand um 1958 und lenkt den Blick auf die Arbeit im technischen Labor. Die Aufnahmen erinnern daran, wie stark Frauen an industrieller Produktion und technischem Fortschritt beteiligt waren.
Ein besonderer Höhepunkt ist die Doppelprojektion von Mary Kelly aus dem Jahr 1974. Hier stellt sie Aufnahmen aus einer Metalldosenfabrik den Bildern ihres schwangeren Bauchs gegenüber. Die Installation, die damals nur einmal gezeigt wurde, wird für die Basler Ausstellung erstmals rekonstruiert.
Hausarbeit als Maschinenarbeit
Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf der Arbeit in den eigenen vier Wänden. So inszenierte sich Helen Chadwick 1977 in «In the Kitchen» als Teil von Herd, Kühlschrank und Waschmaschine. Die Fotografien hinterfragen, wie Haushaltsgeräte den weiblichen Körper vereinnahmen.

Margaret Raspé ist unter anderem mit «Ecce Homo – Modulazioni» von 1994/2023 vertreten. Die raumgreifende Installation verbindet Fotografien, Glas und Rohwolle mit Klang. Über die Hausarbeit hinaus führt Rebecca Horns «Erika» von 1992: Die motorisierte Schreibmaschine erinnert an die historisch weiblich geprägte Büroarbeit. Kiki Kogelnik setzte sich bereits 1965 in «Mechanical Woman IV» mit dem Verhältnis von Körper und Maschine auseinander.

Katja Novitskova verbindet in ihrer Installation «Pattern of Activation (Mamaroo nursery, dawn chorus)» aus dem Jahr 2016 drei elektronische Babyschaukeln mit Lasern, Roboterinsekten und Klängen zu einer surrealen Kinderstube. Tabita Rezaires Installation «Sugar Walls Teardom» aus dem Jahr 2016 kombiniert einen gynäkologischen Stuhl mit einem 21-minütigen Video. Damit rücken auch die Themen Fortpflanzung und Kontrolle über den weiblichen Körper ins Blickfeld.
Lieferrucksack und unsichtbare Datenarbeit
Die Ausstellung zieht diese Linien bis in die Gegenwart weiter. Ernestyna Orlowskas Performance «Make Your Body Your Machine» beschäftigt sich mit dem Körper in der Gig Economy, also einer Arbeitswelt kurzfristiger, häufig über Plattformen vermittelter Aufträge. Der grosse Lieferrucksack erinnert an Essenskuriere und den Druck, ständig funktionieren zu müssen.

Die Performance war bereits live vor dem Museum zu erleben. Zur Finissage am 8. November ist um 17 Uhr eine weitere Aufführung angekündigt; der Eintritt zur Performance ist frei.
Daniela Brugger widmet sich der unsichtbaren Datenarbeit und ihren psychischen sowie sozialen Folgen. Doruntina Kastrati zeigt mit «A Horn That Swallows Songs» die unsichtbare Arbeit von Frauen in Lokum-Fabriken Istanbuls und die körperlichen Belastungen, die mit der Herstellung dieser Süssware verbunden sind.

Marilou Schultz schuf im Auftrag des Museums die Webarbeit «Geo XX Diné Computer Chip Weaving». Ihr Muster erinnert an einen Computerchip. Das Werk verweist zugleich auf Navajo-Arbeiterinnen, die in der frühen US-Computerindustrie elektronische Komponenten herstellten.
Indem sie Werke vom frühen 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart miteinander in Dialog bringt, bietet «Labouring Bodies» neue Perspektiven auf die Geschichte der Moderne an – und stellt zentrale Fragen an unsere Gegenwart.
Bis zum Ende der Laufzeit am 8. November 2026 gibt es ein umfassendes Begleitprogramm zur Ausstellung. Weitere Informationen »
Ausstellung besuchen
«Labouring Bodies» läuft vom 10. Juni bis zum 8. November 2026. Das Museum Tinguely liegt an der Paul Sacher-Anlage 1 direkt am Rheinufer in Basel. Kuratiert hat die Schau Sandra Beate Reimann.






