Ukraine-Krieg: Gibt es jetzt noch Hoffnung für den Donbass?

Die Stadt Sjewjerodonezk ist im Ukraine-Krieg bald in Russen-Händen. Gibt es somit überhaupt noch Hoffnung für den Donbass? Experten sind geteilter Meinung.

Rauch steigt über Sjewjerodonezk auf. - AFP

Das Wichtigste in Kürze

  • Die im Osten der Ukraine liegende Stadt Sjewjerodonezk droht an die Russen zu fallen.
  • Für die Eroberung des gesamten Donbass fehlt aber noch eine Schlüssel-Stadt.
  • Sollten die Russen den Donbass erobern, sei der Krieg aber noch nicht zu Ende.

Im Ukraine-Krieg findet derzeit ein erbitterter Kampf um die ukrainische Stadt Sjewjerodonezk statt. Der ukrainische Präsident Selenskyj sieht den Ausgang dieser Schlacht als richtungsweisend für den weiteren Verlauf in der Donbass-Region an. Mittlerweile befindet sich Sjewjerodonezk fast vollständig in den Händen der russischen Invasoren.

Doch was passiert, falls die Stadt von den Russen komplett eingenommen wird? Wäre die Donbass-Region damit definitiv in den Händen der russischen Armee – so, wie von Selenskyj befürchtet? «Nein», sagt Ulrich Schmid, Russlandexperte und Professor der Universität St. Gallen.

Denn es gibt noch Hoffnung für den Donbass. Zwar sei Sjewjerodonezk eine strategisch wichtige Stadt. Aber: «Noch wichtiger ist allerdings die Eroberung der höhergelegenen Schwesterstadt Lyssytschansk». Diese könne als Artilleriebasis verwendet werden, so Schmid.

Im Ukraine-Krieg: Eroberung des Donbass für Russen «kein Spaziergang»

Anders sieht dies Carmen Scheide, Historikerin an der Universität Bern: «Momentan sieht es so aus, dass die russische Armee die Kontrolle über die gesamte Donbass-Region erhält». Jedenfalls über diejenige, die Russland seit 2014 zumindest teilweise kontrolliert habe.

Daran, dass der Ukraine-Krieg beendet wäre, falls Putins Truppen die Donbass-Region einnehmen würden, glauben Schmid und Scheide allerdings nicht. Denn dazu müssten die Gebiete Donezk und Luhensk vollständig unter russischer Kontrolle sein: «Die beiden sogenannten Volksrepubliken könnten in die Russische Föderation aufgenommen werden», so Schmid.

Scheide ergänzt: «Es gibt weitere Kriegsziele vonseiten Russland, die militärisch erlangt werden sollen». Und: «Auch wenn das ukrainische Militär nun eine Niederlage einstecken muss, ist es nicht kampfunfähig.», so die Expertin.

Trotzdem ist sich Schmid sicher, dass Sjewjerodonezk bald fallen wird: «Die ukrainischen Streitkräfte haben erbitterten Widerstand geleistet, sind aber einer hohen Belastung ausgesetzt gewesen.» Die Historikerin sieht aber einen Vorteil der Verteidiger: «Die Ukraine erhält mutmasslich weiter Waffen und Munition aus dem Westen.»

Donbass kommt mit «extrem hohen Kosten für die russische Staatsführung»

Auch für die Russen werde es «kein Spaziergang», den gesamten Donbass zu erobern, betont Schmid. Dass Russland einen Teilsieg in den Gebieten Donezk und Luhansk verbuchen kann, hält er dennoch für wahrscheinlich. Trotzdem betont der Professor: «Russland hat seine Kriegsziele schon enorm zurückstecken müssen.»

Sollte Russland tatsächlich die Donbass-Region einnehmen, komme dies laut Scheide mit Konsequenzen: «Es ist nicht klar, ob der Donbass unter russischer Herrschaft nicht weiterhin ein massives Konfliktpotential aufweist. Ganz sicher wird das Gebiet extrem hohe Kosten für die russische Staatsführung verursachen.»

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