Samuel Giger lässt sich nicht verbiegen – auch von Sponsoren nicht
Nach seinem zweiten Triumph am Kilchberg spricht Samuel Giger im grossen Interview über den Empfang zuhause, den Schwingsport und seine persönliche Reife.

Das Wichtigste in Kürze
- Der Kilchberg-Sieger sieht Schwingen fest in Schweizer Traditionen verankert.
- Eine Agentur entlastet seine Familie bei Organisation und Partnerschaften.
- Für den Spitzenschwinger stehen Familie und Beziehung über jedem sportlichen Erfolg.
Redaktion: Nach deinem Kilchberg-Sieg wurdest du in Märstetten von sehr vielen Menschen empfangen. Was geht in dir vor, wenn du siehst, wie viele Menschen deinen Weg mitverfolgen und sich mit dir freuen?
Samuel Giger: Das war absolut schön. Die Leute haben sich an diesem Dienstagabend Zeit genommen, um mir die Ehre zu erweisen und zu gratulieren. Ich habe mich über jeden Einzelnen gefreut.
Besonders schön finde ich auch, wenn Kinder zu mir oder generell zu uns Schwingern aufschauen. Wenn man für sie ein Vorbild sein kann und vielleicht sogar das eine oder andere Kind dadurch zum Schwingen bringt, bedeutet mir das viel.

Redaktion: Du hast nach Kilchberg erzählt, wie wichtig dir die vertrauten Abläufe waren. Wie viel Gewohnheitstier steckt auch privat in dir?
Samuel Giger: Ich würde nicht unbedingt sagen, dass ich ein Gewohnheitstier bin. Aber wenn man Sport auf diesem Niveau betreibt, sind gewisse Strukturen sehr wichtig. Wenn man einen Schwingplatz kennt und weiss, wie alles aussieht und abläuft, gibt einem das eine gewisse Sicherheit.
Keine internationale Zukunft für den Schwingsport
Redaktion: Könntest du dir denn vorstellen, dass Schwingen irgendwann internationaler wird?
Samuel Giger: Eigentlich nicht. Schwingen ist in der Schweiz entstanden und lebt von unseren Traditionen und Werten. Ich glaube, wenn man versuchen würde, daraus eine internationale Sportart zu machen, würde man eher etwas abschauen oder kopieren.
Im Alpenraum gibt es ähnliche Sportarten, aber auch diese leben von ihren eigenen Traditionen, genau das macht sie aus. Manchmal denke ich schon darüber nach, wie es wäre, eine andere Sportart zu betreiben. Leichtathleten oder Skifahrer sind beispielsweise ständig an verschiedenen Orten unterwegs. Diese Reisestrapazen muss ich dafür nicht auf mich nehmen.

Redaktion: Du sagtest früher, dass Sponsoren zusätzlichen Druck auslösen können. Heute gehören Partnerschaften selbstverständlich zu deinem Leben als Profisportler. Hat sich deine Einstellung dazu verändert?
Samuel Giger: Partnerschaften sind für mich nicht grundsätzlich etwas Neues. Der Sport hat sich weiterentwickelt – und ich mich natürlich auch. Heute bin ich reif genug, die Verantwortung zu tragen, die mit solchen Partnerschaften verbunden ist, und ihnen gerecht zu werden.
Gleichzeitig denke ich nach einer Niederlage nicht: Jetzt ist beispielsweise Lidl hässig auf mich. So funktioniert das für mich nicht.
Warum sich Samuel Giger professioneller aufgestellt hat
Redaktion: Früher hat deine Frau Michelle hinter den Kulissen sehr viel übernommen. Heute ist dein Umfeld mit einer Agentur professioneller aufgestellt. Warum habt ihr diesen Schritt gemacht?
Samuel Giger: Wir haben irgendwann gemerkt, dass wir in gewissen Bereichen nicht so gut aufgestellt sind wie Menschen, die darin täglich arbeiten, mehr Erfahrung und bessere Netzwerke haben. Deshalb war dieser Schritt für uns logisch. Für Michelle war es eine klare Entlastung und letztlich für uns beide.
Redaktion: Im Spitzensport dreht sich zwangsläufig sehr vieles um dich, deinen Körper, deine Termine und deine Ziele. Ist es manchmal schwierig, daneben den Sorgen und Bedürfnissen deiner Partnerin denselben Raum zu geben?
Samuel Giger: Es ist tatsächlich so, dass unser Alltag stark um mich herum geplant wird. Umso wichtiger ist es mir, dass Michelle trotzdem ihre Luft zum Atmen hat und ihre Bedürfnisse ebenfalls abgedeckt sind. Die Kommunikation ist für mich generell sehr wichtig in einer Beziehung.

Wir reden viel darüber, wie es dem anderen geht, was gerade läuft und wie es weitergehen soll. Wir besprechen gemeinsam, was für uns beide stimmt. Nach der Saison verschieben sich die Prioritäten dann auch wieder etwas.
Der Sport steht nicht mehr ganz so weit vorne und wir haben etwas mehr Zeit füreinander. Michelle ist zudem mit dem Schwingsport aufgewachsen. Sie ist schon als kleines Mädchen damit in Berührung gekommen und kennt diese Welt daher sehr gut.
Redaktion: Du hast einmal gesagt, du möchtest am Ende deiner Karriere sagen können, alles getan zu haben, was in deiner Macht stand. Was würdest du selbst für den grössten sportlichen Erfolg nicht opfern?
Samuel Giger: Ganz klar meine Familie und meine Beziehung. Sie haben für mich nach wie vor den allergrössten Stellenwert.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Kreuzlinger Nachrichten» erschienen.








