Rappi-Präsi Delli Colli: «Shaqiris Präsenz stärkt unsere Position»

    Thomas Renggli
    Thomas Renggli

    Rapperswil-Jona,

    Im grossen Interview spricht Rappi-Boss und «Dieci»-Gründer Rocco Delli Colli (65) über seine Vergangenheit, seine Pläne – und FCRJ-Mitaktionär Xherdan Shaqiri.

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    Heimspiel: Rocco Delli Colli auf dem Fischmarktplatz in Rapperswil-Jona. - zVg

    Das Wichtigste in Kürze

    • Rocco Delli Colli (65) ist seit 21 Jahren Präsident des FC Rapperswil-Jona.
    • Der gebürtige Italiener spricht im Interview über den Fussball, seine Familie und seinen Gastrobetrieb.
    • Delli Colli verrät: FCRJ-Mitbesitzer Xherdan Shaqiri schaut sich auch Spiele des Frauen-Teams an.

    Der Zürichsee glitzert in der Sonne, am Horizont zeichnen sich die Schwyzer Berge ab. Auf dem Fischmarktplatz in Rapperswil herrscht Ferienstimmung. Wir sitzen auf der Terrasse des «Dieci» am See. Der Ort, an dem italienisches Lebensgefühl und Rapperswiler Realität aufeinandertreffen, könnte für das Gespräch kaum passender sein.

    Rocco Delli Colli ist gebürtiger Italiener, seit Jahrzehnten in der Schweiz zu Hause, erfolgreicher Unternehmer und seit 2005 Präsident des FC Rapperswil-Jona.

    Er hat aus einem kleinen Lokal mit zwölf Sitzplätzen einen Gastronomiebetrieb mit einem grossen Namen gemacht. Und er investiert viel Zeit, Energie und auch Geld in den Fussball.

    Redaktion: Rocco Delli Colli, Sie sind seit 21 Jahren Präsident des FC Rapperswil-Jona. Weshalb tun Sie sich das an?

    Rocco Delli Colli: Die Frage stellt mir meine Frau jeden Tag. Eine richtige Antwort gibt es nicht. Es ist Emotion. Aber es ist auch Verantwortung. Der Fussball ist eine der wenigen Sportarten, bei denen man wirklich von Integration und sozialer Wirkung sprechen kann.

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    Schöne Aussichten: Am Zürichsee hat der Italiener eine neue Heimat gefunden. - zVg

    Redaktion: Was fasziniert Sie daran?

    Delli Colli: Wir haben rund 1200 Mitglieder und ungefähr 42 Mannschaften. Schon die Kleinsten kommen zu uns. Vier-, fünfjährige Kinder schiessen auf ein Tor, spielen miteinander und lernen automatisch, sich in einer Gruppe zu bewegen. Sie lernen, mit anderen Kindern zu kommunizieren und respektvoll miteinander umzugehen.

    Redaktion: Sie sprechen von Lebensschule.

    Delli Colli: Ja. Im Fussball lernst du gewisse Dinge automatisch. Du bist zwei Stunden auf dem Platz, spielst fünf gegen fünf, kämpfst um den Sieg – und plötzlich musst du auch mit einer Niederlage umgehen. Das ist wichtig. Fussball gibt dir etwas in deinen Rucksack fürs ganze Leben, das du nicht einfach irgendwo lernen kannst.

    Redaktion: Was meinen Sie damit?

    Delli Colli: Eine Niederlage ist im Fussball brutal unmittelbar. Im Geschäftsleben kannst du planen. Im Fussball planst du etwas – und dann gibt es eine Verletzung, einen Schiedsrichterentscheid, einen Gegner, einen schlechten Tag. So viele Faktoren spielen mit. Das ist nicht planbar.

    Redaktion: Der FC Rapperswil-Jona hat sich in der in der Challenge League etabliert. Was bedeutet Ihnen das?

    Delli Colli: Ich glaube, die Region verdient die Challenge League. Wir wollen auch in dieser Saison möglichst schnell viele Punkte gewinnen und mit dem Abstieg nichts zu tun haben. Aber der Verein ist mehr als die erste Mannschaft. Wir haben eine lange Geschichte als Breitensportverein und eine grosse Nachwuchsabteilung.

    Redaktion: Ihr Budget liegt bei rund drei Millionen Franken. Im Vergleich zu anderen Klubs ist das wenig.

    Delli Colli: Wir gehören sicher zu den Klubs mit den kleinsten Budgets im Schweizer Profifussball. Und man darf nicht einfach sagen: drei Millionen für die erste Mannschaft. Da sind Frauen, Männer und Nachwuchsteams dabei. U18, U16, U15, U14, U12 – allein der Nachwuchs kostet fast eine Million.

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    Ballgefühl: Beim spontanen Jonglieren beweist der FCRJ-Präsident, dass er mehr als nur ein Strassenfussballer ist. - zVg

    Redaktion: Die Spieler in der Challenge League sind also nicht alle Vollprofis?

    Delli Colli: Nein. Viele sind Studenten oder arbeiten. Man kann von Profibetrieb sprechen, weil sie sechsmal trainieren. Aber man kann nicht von einem klassischen Profibetrieb sprechen, wenn sie dafür nicht entsprechend bezahlt werden.

    Redaktion: Wie sieht die Realität aus?

    Delli Colli: In der Challenge League verdient vielleicht ein Drittel der Spieler zwischen 4000 und 5000 Franken. Der Rest liegt eher zwischen 500 und 3000 Franken. Und trotzdem müssen diese Spieler sehr viel leisten.

    Redaktion: Sie haben den FC Rapperswil-Jona einmal mit dem HC Ambrì-Piotta verglichen. Was steckt dahinter?

    Delli Colli: Das ist emotional gemeint. Ambrì ist ein Klub mit einer besonderen Ausstrahlung, der Sympathien in der ganzen Schweiz besitzt. Warum, kann man gar nicht genau erklären. Wir möchten mit Rappi etwas Ähnliches aufbauen: einen Verein, der mit wenig möglichst viel herausholt und eine eigene Identität schafft.

    Redaktion: Das ist am Obersee gar nicht so einfach.

    Delli Colli: (lacht) Ja, wir haben hier von allem etwas. Wir gehören zum Kanton St. Gallen, orientieren uns aber stark nach Zürich. Dazu kommen Schwyz und Glarus. Wir haben mit vier Kantonen zu tun. Eigentlich müssten wir unseren eigenen Kanton haben.

    Redaktion: Den Kanton Rapperswil?

    Delli Colli: (lacht) Vielleicht. Napoleon hatte einmal einen Kanton Linth. Wir nehmen noch Lachen, Freienbach und ein paar schöne Orte dazu – und machen ein Fürstentum daraus.

    Redaktion: Der FC Rapperswil-Jona hat auch eine ambitionierte Frauenabteilung.

    Delli Colli: Wir sind zum dritten Mal in der Geschichte in der höchsten Liga präsent. Die Frauenabteilung gibt es bereits seit Ende der 1960er-Jahre. Wir machen das nicht einfach, weil eine Frauenabteilung heute Mode ist. Wir wollen Nachhaltigkeit.

    Redaktion: Das kostet Geld.

    Delli Colli: Natürlich. Eine Mannschaft auf diesem Niveau kostet schnell 500'000 bis 600'000 Franken. Die Spielerinnen erhalten Spesen in der Höhe zwischen 200 und 1000 Franken im Monat. Das ist die sogenannte Professionalisierung.

    Redaktion: Und trotzdem ist die finanzielle Basis viel kleiner als bei den Männern.

    Delli Colli: Das ist das Problem. Alle reden darüber, wie toll der Frauenfussball ist. An der Frauen-EM 2025 waren die Stadien voll. Aber dann muss man auch bereit sein, Geld zu investieren. Die Frauen-Super-League bewegt insgesamt vielleicht 800'000 bis eine Million Franken. Bei den Männern sprechen wir von rund 40 Millionen. Diese Differenz muss sich verändern.

    Redaktion: Seit Anfang 2025 ist der Basler Star Xherdan Shaqiri in Ihrem Klub involviert. Welche Rolle spielt er genau?

    Delli Colli: Xherdan Shaqiri ist Mitaktionär bei der FC Rapperswil-Jona 1928 AG. Es freut mich sehr, dass er sich bei uns einbringt und auch regelmässig an den Spielen anzutreffen ist – auch bei den Frauen.

    FC Rapperswil-Jona
    Rappi im Herzen: Xherdan Shaqiri ist 2025 beim FCRJ als Aktionär eingestiegen und besucht regelmässig Spiele der Männer- und Frauen-Teams auf dem Grünfeld. - zVg

    Redaktion: Allein sein Name ist für den FCRJ ein Gewinn…

    Delli Colli: … absolut. Xherdan besitzt eine Strahlkraft, die im Schweizer Fussball Massstäbe setzt. Seine Präsenz stärkt unsere Position und macht uns auch attraktiver für Spieler und Spielerinnen.

    Redaktion: Das beste Beispiel ist Noa Mupemba, der gegen Xamax drei Tore erzielt hat…

    Delli Colli: Wir sind durch unser Scouting auf ihn gestossen – nach dem Studium von rund tausend Stunden Videomaterial. Noa spielte in der zweiten französischen Division. Wir haben ihn gefunden, weil wir gezielt gesucht haben.

    Traust du dem FC Rapperswil-Jona den Klassenerhalt zu?

    Redaktion: Und er hat eingeschlagen.

    Delli Colli: Er hat bereits drei Spiele gemacht, vier Tore und zwei Assists. Er hat gewisse Qualitäten. Aber jetzt muss er auch Charakter zeigen und sich weiterentwickeln.

    Redaktion: Das ist letztlich Ihr Geschäftsmodell im Fussball: Spieler weiterbringen.

    Delli Colli: Genau. Ausbildung heisst, Menschen eine Plattform zu geben. Sie müssen etwas leisten, und wir müssen etwas leisten. Darum geht es.

    Redaktion: Wenn man Ihre eigene Geschichte anschaut, klingt sie fast wie ein kleines Märchen. Sie kamen als junger Mann aus Italien in die Schweiz und haben später Dieci aufgebaut. Macht Sie das stolz?

    Delli Colli: Ja, natürlich. Es ist schön, was daraus geworden ist. Ob es Zufall war, Fähigkeit oder Intuition – wahrscheinlich von allem etwas. Ich habe selber grossen Respekt davor, dass sich diese Geschichte so entwickelt hat.

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    Unkompliziert: In Rapperswil bewegt sich der Pizza-Patron im Sommer am liebsten mit dem Velo. - zVg

    Redaktion: Ihr Vater kam bereits in den 1950er-Jahren als Saisonnier in die Schweiz.

    Delli Colli: Ja. Er und sein Zwillingsbruder kamen Ende der 1950er-Jahre in die Schweiz. Sie arbeiteten als Elektriker. Mein Vater wollte eigentlich nie hierbleiben. Er war der klassische Saisonnier: neun Monate Schweiz, drei Monate Italien. Geld verdienen, Schulden zurückzahlen und wieder nach Hause.

    Redaktion: Sie sind später in die Schweiz gekommen, um herauszufinden, wie Ihr Vater hier lebt?

    Delli Colli: Das war ein wichtiger Grund. Ich wollte sehen, wo mein Vater sein Geld verdient und wie er lebt. Ich habe damals mit den anderen Arbeitern in dieser Barackenzone gelebt – Portugiesen, Spaniern, Argentiniern, Italienern, Menschen aus dem Balkan. Zuerst wollte ich meinen Vater überzeugen, wieder nach Italien zu gehen.

    Redaktion: Das ist Ihnen gelungen.

    Delli Colli: Ja. Und das ist vielleicht mein grösster Erfolg. Ich habe meinem Vater ermöglicht, 1989 für immer nach Italien zurückzukehren. Er konnte wieder mit meiner Mutter zusammenleben. Sie hatten danach noch mehr als 30 gemeinsame Jahre.

    Redaktion: Das ist Ihr grösster Triumph – nicht Dieci, nicht der Fussball?

    Delli Colli: Wenn mich jemand fragt, was mein grösster Erfolg ist, dann ist es das. Dass ich meinen Papa wieder nach Italien bringen konnte.

    Redaktion: Sie selbst sind geblieben. Die Schweiz ist Ihre neue Heimat geworden.

    Delli Colli: Das ist wunderschön. Jedes Mal, wenn ich hier vor dem Dieci sitze, habe ich das Gefühl, ich hätte zwei Wochen Ferien gemacht. (lacht)

    Redaktion: Das passt ziemlich gut zu diesem Platz hier.

    Delli Colli: Genau. Viele fragen mich: «Gehst du in die Ferien?» Ich sage: «Nein. Was soll ich in die Ferien? Ich bin hier. Schau dir das an!»

    Redaktion: Sonne, Zürichsee, die Berge – und daneben Ihr Dieci.

    Delli Colli: Es gibt Schlimmeres.

    Redaktion: Sie haben einmal erzählt, dass Sie für einen guten Kaffee nach Mailand gefahren sind und für Spaghetti alle vongole nach Alassio. Mussten Sie Italien wirklich nach Rapperswil holen?

    Delli Colli: Ja. Als ich hierherkam, war italienische Gastronomie oft sehr klischeehaft. Fischernetze an der Decke, grün-weiss-rote Wände und Spaghetti bolognese. Das war für mich nicht das Italien, das ich kannte. Ich wollte das echte Lebensgefühl nach Rapperswil bringen.

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    Pizza, Pasta, Sole: Im Dieci gibt es alles, was das italienische Herz begehrt. - zVg

    Redaktion: 1990 eröffneten Sie die erste Dieci-Bar mit zwölf Sitzplätzen. Heute ist daraus ein grosses Unternehmen geworden.

    Delli Colli: Es war damals ein kleines Lokal. Aber die Leute haben uns die Pizze förmlich aus der Hand gerissen. Daraus ist Schritt für Schritt etwas Grösseres entstanden.

    Redaktion: Wie bringt man ein Unternehmen und das Präsidium eines Fussballklubs unter einen Hut?

    Delli Colli: Manchmal gar nicht. (lacht) Aber das eine hilft dem anderen. Im Fussball lernst du, mit Niederlagen umzugehen. Im Geschäft lernst du zu planen. Beides zusammen ist eine gute Schule.

    Redaktion: Wo soll der FC Rapperswil-Jona in zehn Jahren stehen?

    Delli Colli: Mein Ziel ist, dass der Klub selbstständig ist und nicht von einer einzelnen Person abhängt.

    Redaktion: Von Ihnen.

    Delli Colli: Ja. Heute bin ich eine wichtige Person. Das ist nicht gut für die Zukunft eines Vereins. Wenn ich mein Ziel erreiche und der FC Rapperswil-Jona mehr oder weniger unabhängig von einer Person funktioniert, dann habe ich als Präsident etwas richtig gemacht.

    Redaktion: Und Dieci? Gibt es das in zehn Jahren noch?

    Delli Colli: Natürlich.

    Redaktion: Das klingt sehr sicher.

    Delli Colli: (lacht) Der Name sagt es doch schon: Dieci anni. Wir sehen uns 2036 hier….

    Info

    Dieses Interview ist zuerst in der «See & Gaster Zeitung» erschienen.

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