BSV Bern: Goalie Seravalli wird von Kroatien aus trainiert
Mathieu Seravalli ist mit 21 bereits ein Schlüsselspieler beim BSV Bern. Im Sommer wechselt er zu den Kadetten Schaffhausen.

Mit 21 ist Goalie Mathieu Seravalli bereits ein Schlüsselspieler des BSV Bern. Nach den beiden Siegen im Playoff-Viertelfinal gegen Wacker Thun erklärt er, wie akribisch er Gegner analysiert und seine Karriere plant. Im Sommer wechselt er zu den Kadetten Schaffhausen – und auch das dürfte bloss eine Zwischenstation sein.
Wenn Seravalli am Dienstagmorgen zwischen 9 und 10 Uhr in der Mobiliar-Arena trainiert, sitzt sein Trainer 660 Kilometer entfernt in Velika Ludina, Kroatien, vor dem Laptop. Marko Markis beobachtet jede Bewegung, jede Reaktion, jede Entscheidung seines Schützlings.
Die Bilder liefert ein Smartphone, aufgestellt auf einem Schwedenkasten in der Turnhalle. Markis ist dabei ständig präsent. Er spricht mit Seravalli – und mit dem Schützen, der auf ihn wirft. Spieler aus der Academy des BSV Bern helfen beim Training. Beide tragen Kopfhörer, hören dieselben Anweisungen.
«Marko sagt uns, was wir machen sollen, unterbricht, korrigiert», erzählt der fast zwei Meter grosse Seravalli, im Schneidersitz auf dem Hallenboden des Oberstufenzentrums Köniz.

Was ungewöhnlich klingt, ist für ihn längst Alltag. Seit vier Jahren arbeitet er mit Markis. «Man kann das abstrakt finden», sagt er, «aber für mich ist es längst normal.» Mehr noch: Es ist das Training, das ihm am meisten Spass macht.
Rund 12'000 Euro pro Jahr investiert er dafür – aus eigener Tasche. Für Seravalli ist es eine Investition in seine Zukunft.
Anfänge im Handball-Niemandsland
Geboren in Lausanne, aufgewachsen in La Chaux-de-Fonds, findet Seravalli eher zufällig zum Handball. 2012 sieht er während der Ferien auf der Île d’Ouessant die Olympischen Spiele im Fernsehen. Die Dynamik fasziniert ihn.
Zurück in der Schweiz will er selbst Handball spielen – seine Eltern willigen ein, allerdings unter der Bedingung, dass er zuerst seinen Schwimmkurs erfolgreich abschliesst, wie er lachend erzählt. In der Romandie ist Handball ein Nischensport. Dass es in La Chaux-de-Fonds überhaupt einen Klub gibt, ist vor allem der Familie Berisha zu verdanken.
Vater Halil wird zu einer prägenden Figur für den jungen Seravalli. Weil es an Teams fehlt, trainiert er früh mit älteren Spielern. Mit 15 folgt der nächste Schritt. Seravalli erhält durch Halil Berisha die Chance für ein Probetraining in Bern – und überzeugt. Zunächst pendelt er noch, dann wechselt er ans Sportgymnasium Hofwil.

Neue Sprache, neue Umgebung, mehr Eigenverantwortung. «Ich konnte am Anfang kaum Deutsch», sagt er. Doch der Schritt zahlt sich aus – sportlich und persönlich. Er durchläuft die Nachwuchsstufen, sammelt Spielpraxis in Solothurn und Emmen und schafft vor zwei Jahren den Sprung in die NLA.
Heute ist er beim BSV Bern die klare Nummer 1. Er spricht fliessend Mundart. Und im Nationalteam ist er innert Kürze zur Nummer 2 hinter Nikola Portner aufgestiegen. Der zweifache Champions-League-Sieger ist für Seravalli mehr als ein Konkurrent. Portner ist Mentor, Berater, Vorbild – und er hat den Kontakt zu Markis hergestellt.
Der Wechsel zum Ligakrösus
Im Sommer folgt der Wechsel zu den Kadetten Schaffhausen. Für Seravalli war das kein finanzieller Entscheid. «Ich schaue, was mich weiterbringt», sagt er. In Schaffhausen sind die Erwartungen hoch, der Titel ist Pflicht. Genau diesen Druck sucht er.
Im Tor wartet mit Leon Bergmann ein gleichaltriger Konkurrent. Bergmann ist eines der grössten Goalietalente Europas, österreichischer Nationaltorhüter. Seravalli sieht in ihm keine Bedrohung. «Er hat enorme Qualitäten», sagt er, «wir werden beide voneinander profitieren.»
Mindestens zwei Saisons will Seravalli in Schaffhausen bleiben, Meister werden, Champions League spielen, international brillieren – und dann den Schritt ins Ausland wagen.

Wunschdestination: Frankreich. Es ist die Kultur, die ihn reizt. Die Sprache, die ihn anzieht. «Handball in Kombination mit der französischen Sprache lässt mein Herz höher schlagen, das löst etwas in mir aus», sagt er.
Fernziel: eine Top-Mannschaft in Frankreich
Die Bundesliga sei zwar die beste Handballliga der Welt. Aber in Frankreich sei der Handball technisch wohl noch ein bisschen besser, wenn auch weniger physisch. «Für meine Entwicklung wäre das ideal», sagt er. Auch für sein Spielverständnis.
Aber er will nicht einfach eine Nebenrolle spielen, er will wichtig sein. Auch deshalb macht er jetzt zuerst den Schritt in die Ostschweiz, bevor es weitergehen soll.
Übrigens hat auch Portner von Schaffhausen nach Frankreich gewechselt, ehe er zu Magdeburg in die Bundesliga ging. Einen ähnlichen Weg könnte sich auch Seravalli vorstellen, wenn alles ideal läuft.
Aber das ist Zukunftsmusik. Die Gegenwart heisst Wacker Thun, der Gegner im Playoff-Viertelfinal, den man im Auftaktspiel mit 31:27 und im zweiten Spiel mit 37:36 bezwang.
Seravalli parierte in Spiel 1 mehr als einen Drittel aller Schüsse. Insbesondere gegen Wackers Über-Spieler Ante Gadza brillierte er und trug wesentlich dazu bei, dass der Kroate bloss sechs von zwölf Versuchen verwandelte.
Das liegt auch an Gadzas Landsmann Markis. Bei einem der drei wöchentlichen Calls steht der Gegner im Fokus. «Wir schauen Clips von den letzten drei Spielen von jedem Spieler», erzählt Seravalli.
Halbfinal gegen Kadetten Schaffhausen?
Gemeinsam analysieren sie, hecken einen Plan aus. Bei einem Schlüsselspieler wie Gadza wird der Fokus sogar noch ein bisschen erhöht. «Er schiesst nicht nur Tore, sondern macht auch extrem viel für das Spiel der anderen», so Seravalli.
Dass es beim Auftaktspiel so gut klappte, Gadza aus dem Spiel zu nehmen, sei vor allem auch der guten Verteidigungsarbeit zu verdanken. Wobei Seravalli auch da Einfluss nimmt, wenige, aber klare Anweisungen gibt, wie er abwehren will.
Deutlich weniger gut spielt Seravalli zu Beginn des zweiten Spiels der Viertelfinalserie am Sonntagabend in Thun. Zwar beginnen er und der BSV gut; schnell ziehen die Berner auf 8:3 davon. Aber dann, so Trainer David Staudenmann, «haben wir den Faden verloren, hatten hinten nicht mehr wirklich Zugriff».
INFO
Playoff-Viertelfinal BSV Bern – Wacker Thun
Spiel 1
09.04.26
BSV Bern – Wacker Thun 31:27
Spiel 2
12.04.26
Wacker Thun – BSV Bern 36:37 (n.V.)
Spiel 3
16.04.26, 19.15 Uhr
BSV Bern – Wacker Thun
Spiel 4*
18.04.26, 18.00 Uhr
Wacker Thun – BSV Bern
Spiel 5*
22.04.26, 19.15 Uhr
BSV Bern – Wacker Thun
* findet nur statt, falls nötig (Best-of-5-Serie)
Kurz vor der Pause geht Wacker erstmals mit 14:13 in Führung. Diese bleibt bis zur letzten Minute der regulären Spielzeit bestehen, dann gleicht Michael Kusio 22 Sekunden vor Schluss aus – 32:32. Und plötzlich läuft Seravalli zu Hochform auf.
Oder wie Trainer Staudenmann sagt: «Er macht nicht wirklich ein gutes Spiel, aber in der entscheidenden Phase nagelt er zu. Das ist sensationell und eine mentale Wahnsinnsleistung.» Zwei Sekunden vor Schluss pariert Seravalli einen Siebenmeter-Wurf des Kroaten Juro Cakaric.
«Das hat mein Vertrauen für die Verlängerung gestärkt», so Seravalli. Vier Paraden in der zehnminütigen Verlängerung zeugen von diesem Vertrauen. Und so wird Mathieu Seravalli zu einer der grossen Figuren bei seinem ersten Auswärtssieg mit dem BSV in Thun.
Jetzt kann der BSV am Donnerstag vor heimischem Publikum den Einzug in die Playoff-Halbfinals klarmachen.
Und dort käme es grösster Wahrscheinlichkeit zum Duell mit Kadetten Schaffhausen, dem Serienmeister und künftigen Arbeitgeber von Mathieu Seravalli.











