Zürcher Strassennamen: Frauen, Götter und Birchermüesli-Zutaten
Strassennamen geben immer wieder Anlass zu Diskussionen, dies zeigt aktuell die Debatte um den geplanten «Trülle-Platz» in Zürich, weil es sich dabei um ein Folterinstrument handelt. Auch die geringe Zahl von Frauennamen rief schon Kritikerinnen auf den Plan.

Ein Kind steht in einem Käfig, einer Trülle, und wird von zwei Knaben im Kreis gedreht. Dieses Giebelrelief am «Haus zur Trülle» zeigt einen Pranger aus dem Mittelalter. Direkt gegenüber zweigt von einem noch namenlosen Platz der Rennweg von der Bahnhofstrasse ab.
Geht es nach der Strassenbenennungskommission soll dieser namenlose Platz künftig «Trülle-Platz» heissen. Dies rief jedoch den örtlichen Quartierverein auf den Plan. Präsident Felix Stocker nannte es gegenüber dem «Regionaljournal Zürich-Schaffhausen» von Radio SRF ein «No-Go», in der heutigen Zeit einen Platz nach einem Folterinstrument zu benennen.
Gleichzeitig brachte er als Alternative Dora Koster ins Spiel. Die 2017 verstorbene Schriftstellerin und frühere Prostituierte sei im Quartier stark verankert und sozial engagiert gewesen und habe als Autorin Themen wie die Prostitution national aufs Tapet gebracht.
Die Strassenbenennungskommission reagierte auf die Kritik und wollte die Einwände besprechen. Noch ist kein Entscheid gefallen, wie es beim Sicherheitsdepartement auf Anfrage von Keystone-SDA hiess. Das letzte Wort hat wie bei allen Strassenbenennungen der Stadtrat.
Ein Blick in die Kriterien der Kommission zeigt, dass Koster durchaus für eine Strasse oder einen Platz in Frage käme. Die geehrte Person soll einen Bezug zur Stadt und wenn möglich zum Quartier haben, in dem die Strasse liegt. Sie musste sich für die Allgemeinheit verdient gemacht haben – und sie darf nicht mehr leben.
Ein «Dora-Koster-Platz» würde ausserdem die Diskrepanz zwischen den Geschlechtern verkleinern: Von den über 2500 Strassen, Wegen und Plätzen in der Stadt Zürich sind 448 nach Männern benannt und nur 71 nach Frauen. Nachfolgend ein Überblick, welche Frauen bereits geehrt wurden und wonach Strassen sonst noch benannt werden.
Einige Zürcher Strassen tragen seit langem weibliche Vornamen. Sie gehen aber auf das Phänomen aufkommender «Themeninseln» zurück, die ab 1850 geschaffen wurden. Nach der Eingemeindung 1893 wurden viele Strassen neu gebaut und brauchten einen Namen. In Aussersihl setzte die Stadt auf Männernamen, in Wiedikon auf Frauennamen. Daraus entstanden beispielsweise Berta-, Erika-, Getrud-, Ida-, Marien- und Martastrasse, Hedwigsteig und Margaretenweg.
Eine Reihe von Strassennamen ist nach «Frauen von» benannt. So etwa Regula Engel-Egli, die Gattin des Offiziers Florian Engel, der unter Napoleon diente und 1815 bei Waterloo fiel. Einigermassen bekannt wurde sie in den 1820er-Jahren mit ihren Memoiren. Mit dem Judith-Gessner-Platz neben der Gessnerallee würdigte die Stadt die Ehefrau von Salomon Gessner. Sie galt als treibende Kraft hinter dem Maler, Dichter und Gründer des späteren Verlags Orell Füssli. Sie selber trat aber nie ins Rampenlicht.
Mit Wegen geehrt hat die Stadt Zürich etwa die Radiomoderatorin Elisabeth Schnell, die Bildhauerin Charlotte Jahn, die Journalistin Else Züblin sowie Marie Meierhofer, die Kinderärztin und Gründerin des gleichnamigen Instituts.
Prominente Frauen mit «eigenen Plätzen» sind die SP-Politikerin Emilie Lieberherr, die Nobelpreisträgerin Marie Curie, die allerdings keinen persönlichen Bezug zu Zürich hatte, oder die Sozialistin Rosa Luxemburg. Mit Spyristrasse, Spyriplatz und Spyristeig erinnern gleich drei Benennungen an «Heidi»-Autorin Johanna Spyri.
Um die Zahl der Frauennamen zu erhöhen bediente sich die Stadt in den Jahren 2020 und 2023 eines Kniffs: Auf Forderung des Frauenstreiks 2019 und auf Antrag der Gleichstellungsfachstelle entschied der Stadtrat, je acht Frauenstrassen in Wiedikon und Aussersihl sowie in den Kreisen 1, 5 und 7 mit einem Hinweisschild auf eine passende Frau zu versehen.
Zu einer «eigenen» Strasse kamen so im Nachhinein unter anderem die ETH-Architektin Berta Rahm, die Ökonominnen Elsa Gasser und Erika Rikli, die Anwältin Gertrud Heinzelmann, die Historikerin Hedwig Strehler, die Dichterin Margarete Susmann, Schulgründerin Mara von Meyenburg und die Autorin Olga Meyer.
Die älteste «Themeninsel» befindet sich rund um die 1875 fertig gestellte Kaserne und umfasst Kanonen-, Militär- und Zeughausstrasse sowie die damit verknüpfte Kanonen-, Jäger- und Reitergasse. In Anlehnung an die früher zum Römerhof führende Römergasse (heute Asylstrasse) benannte der Hottinger Gemeinderat in der selben Zeit zwei Strassen nach Merkur und Neptun. Helios, Jupiter, Minerva, Wotan und weitere vervollständigten ab 1889 das Götterquartier.
Viele Strassen in der Schweiz sind nach Berufen, Bergen, Bäumen oder Blumen benannt. So befindet sich in Hottingen eine Samariterstrasse, und die Veilchenstrasse und die Fichtenstrasse münden in die Jupiterstrasse, die wiederum an der Bergstrasse endet.
Im Winterthurer Quartier Rosenberg befinden sich Churfirsten-, Frümsel- und Glärnischweg. Nach lokalen Hügeln benannt sind dort auch Eschenberg-, Brühlberg- und Ibergstrasse.
Winterthur wartet zudem mit einer wohl schweizweiten Besonderheit auf. Die in den 1920er- bis 1940er-Jahren entstandene Siedlung Stadtrain in Oberwinterthur hat im Volksmund den Spitznamen Birchermüesli-Quartier. Zwar fehlen die Haferflocken, aber mit Apfel-, Aprikosen-, Birnen-, Kirschen-, Pfirsich- und Quittenweg sowie Johannisstrasse weisen zwischen den 36 Reihenhäusern mehrere Strassen – vielleicht mit Ausnahme der Quitte – auf Birchermüesli-Zutaten hin.






