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Wirbel um neue Zürcher Gemeinderätin Vera Çelik: Expertin ordnet ein

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Zürich,

Vera Çelik ist die jüngste gewählte Zürcher Gemeinderätin. Noch vor Amtsantritt sorgt sie für Debatten – Forscherin Asmaa Dehbi ordnet ein.

Vera Çelik
Ist verstärkt von Rassismus betroffen, seit sie in der Öffentlichkeit steht: die SP-Politikerin Vera Çelik. - Jenny Bargetzi

Vera Çelik ist die jüngste gewählte Zürcher Gemeinderätin. Noch nicht im Amt, interessiert sich die Öffentlichkeit für die politische Position ihres Vaters, für Aussagen des türkischen Fernsehens und für ihr Kopftuch.

Über die Gründe spricht Forscherin Asmaa Dehbi im Interview.

Tsüri.ch: Seit der Wahl von Vera Çelik wird intensiv über die Politikerin diskutiert, obwohl sie noch gar nicht im Amt ist. Was passiert gerade?

Asmaa Dehbi: Zum einen wird behauptet, die türkische Regierung hätte Çelik zur Wahl gratuliert. Auch wird thematisiert, dass ihr Vater teilweise auf der politischen Linie Erdogans steht. Und drittens gab es im Wahlkampf ein Treffen, wo sie ein Foto mit dem Präsidenten der türkischen Gemeinschaft Schweiz gemacht hat, der als regierungsnah gilt.

Tsüri.ch: Çelik hat daraufhin gesagt, ihr sei weder von der türkischen Regierung gratuliert worden, noch habe sie etwas mit deren Politik zu tun. Auch teile sie die politische Haltung ihres Vaters nicht.

Dehbi: Das hat die Medien aber wenig interessiert. Das ist ein klassischer Fall von Kontaktschuld.

Asmaa Dehbi
Für Asmaa Dehbi ist der Medienwirbel um Vera Çelik ein Beispiel für antimuslimischen Rassismus. - zVg

Tsüri.ch: Was ist Kontaktschuld?

Dehbi: Aufgrund einer sozialen Nähe oder einer Verwandtschaft wird auf eine ideologische Nähe geschlossen. Das heisst, wenn dich bestimmte problematische Akteurinnen und Akteure feiern, musst du in irgendeiner Form etwas mit ihnen zu tun haben oder ihnen ideologisch nahestehen.

Man kann Çelik eigentlich nichts nachweisen und trotzdem wird sie jetzt mit der türkischen Politik assoziiert.

Tsüri.ch: Den öffentlichen Diskurs kann man aber kaum kontrollieren.

Dehbi: Nein. Einerseits kann man nur begrenzt kontrollieren, wer die eigene Person für seine Narrative nutzt. Andererseits verliert man plötzlich die Individualität.

Die politische Position, eigene Ansichten, etwaige Inhalte sind plötzlich nicht mehr relevant. Es zählt nur noch die Assoziation. Menschen, die von Rassismus betroffen sind, werden oft nicht individuell beurteilt. Sie stehen häufig für eine Gruppe, für ein Kollektiv.

Tsüri.ch: Wie erfahren muslimische Politikerinnen und Politiker Rassismus?

Dehbi: Formal sind sie gleichberechtigt wie andere Politikerinnen und Politiker, aber im realen politischen Diskurs werden sie überproportional auf ihre Religion und Herkunft angesprochen oder mit Sicherheitsfragen, Radikalisierung und Extremismus konfrontiert.

Sie müssen sich permanent distanzieren, positionieren und sich rechtfertigen. Weisse Politikerinnen fragt man auch nicht nach der politischen Haltung des Vaters. Aber bei Vera Çelik ist das total akzeptiert.

gemeinderat zürich
Der Zürcher Gemeinderat. (Archivbild) - keystone

Tsüri.ch: Was sind die Auswirkungen für Politikerinnen und Politiker wie Çelik?

Dehbi: Es erschwert ihre Arbeit und sendet ein Signal: «Eigentlich wollen wir nicht, dass ihr mitredet. Wenn ihr euch politisch engagiert, dann besteht das Risiko, dass euch das Gleiche wie Vera Çelik passiert.» Das hat dann eine abschreckende Wirkung auf junge migrantische Menschen, politisch aktiv zu werden.

Tsüri.ch: Das wäre also auch passiert, wenn Çelik kein Kopftuch tragen würde?

Dehbi: Ich glaube schon, weil sie noch andere Merkmale hat, die alleine schon reichen, um stärker kritisiert und beobachtet zu werden. Da ist der Migrationshintergrund, der ihr zugeschrieben wird, ihr Geschlecht, ihr Alter.

Als Frau mit 20 Jahren als seriöse Politikerin wahrgenommen zu werden, ist ohnehin schon schwierig. Man unterstellt ihr, dass sie wenig Erfahrung hat, naiv ist.

Kopftuch Frauen
Dehbi: Die Problematisierung des Kopftuchs wirkt bei der Diskriminierung von Çelik intersektional verstärkend. (Symbolbild) - keystone

Tsüri.ch: Dass sie ein Kopftuch trägt, verstärkt aber ihre Diskriminierung?

Dehbi: Genau. Die Problematisierung des Kopftuchs wirkt bei der Diskriminierung von Çelik intersektional verstärkend. Das heisst, es gibt eine Überschneidung von Diskriminierung.

Deshalb werden zum Beispiel muslimische Frauen anders diskriminiert als muslimische Männer. Weil bei ihnen Gender und Religion zusammenkommen.

Tsüri.ch: Also ist der öffentliche Umgang mit Çelik auch ein patriarchales Problem?

Dehbi: Ja, definitiv. Wenn man die Kommentarspalten unter den Artikeln über Çelik anschaut, sieht man, dass die lautesten Stimmen Männer sind.

Zur Person

Asmaa Dehbi ist Erziehungswissenschaftlerin, Doktorandin und wissenschaftliche Assistentin am Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft der Universität Freiburg. Ihre Schwerpunkte liegen in den Bereichen Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft, sozialpädagogische Professionalität sowie antimuslimischer Rassismus.

Das zeigt: Wir reden hier zwar über Religion und Herkunft, aber es geht auch um patriarchale Machtverhältnisse. Geschrieben haben die Artikel zudem ältere, weisse Journalistinnen und Journalisten.

Tsüri.ch: Was muss passieren, damit junge, muslimische Frauen in der Schweiz in Ruhe politisieren können?

Dehbi: Vera Çelik ist eine gewählte Gemeinderätin. Sie hat ein politisches Mandat. Man sollte sich darauf fokussieren und nicht auf familiäre Bezüge und Ähnliches, wie man es bei anderen auch nicht machen würde.

Erlebst du Rassismus im Alltag?

Aus meiner Sicht müssten mehrfach diskriminierte Personen wie Çelik stärker von den Verantwortlichen ihrer Partei geschützt werden. Auch die Medien tragen da eine gewisse Verantwortung.

Rassismus basiert oft nicht auf Böswilligkeit. Aber er hat trotzdem schwerwiegende Auswirkungen für die Betroffenen.

***

Hinweis: Dieser Artikel ist zuerst bei Tsüri.ch erschienen. Autorin Miriam Thölke ist Praktikantin beim Zürcher Stadtmagazin.

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