Tamara Funiciello: «…dann dürften Männer keinen Sex mehr haben»
Die Berner SP-Nationalrätin Tamara Funiciello spricht über weibliche Selbstbestimmung, ihre politische Zukunft und den Umgang der SP mit Antisemitismus.

Das Wichtigste in Kürze
- Tamara Funiciello tritt auch bei den nächsten eidgenössischen Wahlen an.
- Dazu erzählt die Berner SP-Nationalrätin, was sie derzeit politisch am meisten beschäftigt.
Sie will die Selbstbestimmung der Frauen in die Verfassung schreiben. Wieso, erklärt die Berner SP-Nationalrätin Tamara Funiciello im Gespräch.
Sie erklärt zudem, ob sie nächstes Jahr nochmals antritt und wie ihre Partei zu Antisemitismus steht.
BärnerBär: Tamara Funiciello, was beschäftigt Sie derzeit politisch am meisten?
Tamara Funiciello: Geld. Durch die unglaublich unkoordinierte Aufstockung der Armeeausgaben auf weit über zehn Milliarden Franken jährlich haben wir auf Bundesebene finanzielle Probleme. Wir kaufen von der Armee Panzer, Flieger, von denen wir keine Ahnung haben, wie viel sie dann kosten werden, wenn wir sie dann irgendwann erhalten, und Drohnen, die nicht alleine fliegen können.
Dafür wird bei der Bildung, der Gesundheit, beim Klimaschutz und bei der Gleichstellung abgebaut. Das ist keine Finanzpolitik für die normalen Menschen in diesem Land und auch keine, die zukunftsgerichtet ist.

BärnerBär: Sie gehören zu den treibenden Kräften hinter der Gewaltschutzinitiative. Was ist deren Ziel?
Funiciello: Wir haben ein massives Problem mit geschlechtsbezogener Gewalt. Allein dieses Jahr gab es bereits 18 Femizide, die Fälle von häuslicher und sexualisierter Gewalt sind beängstigend, die Dunkelziffer ist noch viel höher.
Gleichzeitig bestehen enorme Lücken beim Schutz der Betroffenen. Sieben Kantone haben kein Frauenhaus. Nur ein Viertel der Frauen, die Schutz suchen, wird direkt aufgenommen. Für die anderen braucht es Notlösungen, unter anderem wegen Platzmangels.
Opferberatungsstellen haben im Schnitt gerade einmal vier Stunden Zeit, um eine Gewaltbetroffene psychologisch und rechtlich zu beraten. Und die nationale Notrufnummer 142 wird von Freiwilligen betreut. Bei der Ambulanz möchte das ja auch niemand.
BärnerBär: Was muss sich ändern?
Funiciello: Es braucht nun endlich verbindliche Mindeststandards. Es darf doch nicht davon abhängen, in welchem Kanton eine Frau vergewaltigt wird, ob sie die nötige Unterstützung erhält oder nicht.
BärnerBär: Die Initiative verlangt jährlich 500 Millionen Franken. Eine stolze Summe.
Funiciello: Schutz kostet Geld. Gewalt kostet Leben. Schon nur um die Lücke bei den Frauenhäuserplätzen zu schliessen, braucht es über 120 Millionen Franken.
Zum Vergleich: Das Bundesbudget beträgt rund 90 Milliarden Franken. Umgerechnet kostet uns der bessere Schutz von Frauen gerade einmal 15 Rappen pro Person und Tag. So viel muss ein Frauenleben wert sein.
BärnerBär: Anliegen wie diese rückten in letzter Zeit aufgrund der politischen Entwicklungen tendenziell in den Hintergrund. Macht Ihnen der internationale Rechtsrutsch Sorgen?
Funiciello: Ja. Gerade in den USA zeigt sich, dass rechte Kräfte über den Körper der Frau bestimmen wollen. Wir müssen Frauen vor solcher Willkür schützen. Deshalb wollen wir ihre Selbstbestimmung in der Verfassung festschreiben.
BärnerBär: Bestrebungen, das Abtreibungsrecht einzuschränken, gab es auch seitens der SVP. Beide Initiativen sind indes gescheitert.
Funiciello: Im Nationalrat wurde ich gefragt, was denn mit den Rechten der Kinder sei, als ich das Recht auf Schwangerschaftsabbruch in die Verfassung schreiben wollte. Das zeigt, dass dieses Gedankengut auch hier im Parlament vertreten ist.
Tatsache ist, dass die Geburtenzahlen zurückgehen. Nun gibt es vier Möglichkeiten, darauf zu reagieren.
Erstens kann uns das egal sein.
Zweitens bieten wir Frauen jene Rahmenbedingungen, die sie brauchen, um mehr Kinder zu gebären: finanzielle Unabhängigkeit, ein flächendeckendes Kita-Netz und eine Elternzeit, die diesen Namen verdient.
Drittens können wir auf Migration setzen, um die Bevölkerungszahl zu halten.
Oder viertens: Wir zwingen Frauen zum Kinderkriegen, indem wir wie in den USA das Abtreibungsrecht einschränken.
Gerade deshalb ist es so wichtig, die Selbstbestimmung der Frauen verfassungsrechtlich abzusichern.

BärnerBär: Die Frage nach den Rechten der Kinder ist doch legitim.
Funiciello: Bis zur dritten Schwangerschaftswoche sprechen wir noch von einem Zellhaufen. Frauen sollen selber entscheiden dürfen, was mit ihrem Körper geschieht. Sonst dürften Männer konsequenterweise keinen Sex mehr haben, schliesslich können ihre Spermien potenziell Kinder erzeugen.
BärnerBär: Haben Sie den Eindruck, dass es für Frauen und Minderheiten schwieriger geworden ist?
Funiciello: Die registrierte Gewalt hat zugenommen. Wir wissen allerdings nicht, ob das daran liegt, dass mehr Fälle angezeigt werden.
Gleichzeitig erleben wir einen regelrechten Rückschritt. Das erste Opfer der neuen Bundeslegislatur war die Kita-Finanzierung: Das alte Parlament hatte noch 700 Millionen Franken dafür vorgesehen, nun sind es gerade einmal 20 Millionen.
Und wenn heute ernsthaft darüber diskutiert wird, ob eine Frau wie Céline Amaudruz einen Bundesratssitz übernehmen kann, weil sie Kinder hat, ist das ebenfalls Teil dieses Backlashs.
Allerdings ist ein solcher Rückschlag gewissermassen ein Kompliment – ein Kompliment an die Fortschritte, welche die Frauenbewegung erzielt hat.
BärnerBär: Am 29. November stimmen wir über die Finanzierung der 13. AHV-Rente durch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer ab.
Funiciello: Es ist zentral, dass diese Vorlage durchkommt, denn sonst gerät die AHV in eine Schieflage. Die AHV ist unser wichtigstes Sozialwerk und das können wir nicht riskieren. Denn die Rechte wartet nur darauf, die Erhöhung des Rentenalters wieder aufs Tapet zu bringen.
BärnerBär: Extremistische Positionen erhalten zunehmend Aufmerksamkeit. In diesem Zusammenhang wird häufig über Antisemitismus diskutiert.
Funiciello: Unsere Welt ist geprägt von Gleichzeitigkeiten. Die SP setzt sich klar gegen Antisemitismus und Rassismus ein. Die rechtsextreme israelische Regierung muss kritisiert und für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden.
Dasselbe gilt für die Hamas. Das kann alles gleichzeitig sein. Ich habe im Nationalrat beantragt, die Gelder zur Bekämpfung von Antisemitismus und anderen Formen des Extremismus nicht zu kürzen.
Gleichzeitig bin ich für die Anerkennung Palästinas und verurteile den Genozid in Gaza deutlich. Das widerspricht sich nicht.
BärnerBär: Ob in Gaza tatsächlich ein Genozid stattfindet, ist Ihre Behauptung.
Funiciello: Mittlerweile spricht auch die UNO von Völkermord. Ebenso Navanethem Pillay, die kürzlich mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.
Kinder, Frauen und Männer in Gaza leben und sterben in unmenschlichen Verhältnissen. Es muss alles getan werden, damit das endlich aufhört.

BärnerBär: 2027 stehen die nächsten eidgenössischen Wahlen an. Kandidieren Sie erneut?
Funiciello: Ja, mit vollem Elan! Wir brauchen auf nationaler Ebene ein Parlament, das sich stärker für die Menschen in diesem Land einsetzt und nicht bloss für Reiche und Banken.
Eines, das die Herausforderungen der Zukunft anpackt. Dazu gehören insbesondere die geschlechtsbezogene Gewalt, das Klima und die steigenden Mieten.
BärnerBär: Zum Schluss: Sind Sie mit 36 Jahren ruhiger geworden?
Funiciello: Ich laufe jedenfalls nicht rund um die Uhr hässig durch die Weltgeschichte. Man sagt mir übrigens sogar nach, ich sei humorvoll (lacht). Wer mir vorwirft, ständig hässig zu sein, dem stelle ich gerne die Gegenfrage: Weshalb seid ihr eigentlich nicht hässiger?
Denken wir an die Femizide oder die steigenden Krankenkassenprämien. Wut kann durchaus konstruktiv sein – nämlich dann, wenn daraus politisches Engagement entsteht.











