Berner Band Lunik: «Haben neues Level in Sachen Teamwork erreicht»

    Reinhold Hönle
    Reinhold Hönle

    Bern,

    Sängerin Jaël und Gitarrist Luk Zimmermann sprechen im Interview über das Lunik-Comeback mit dem Album «Cycle Breaker» und der Club-Tournee im Herbst.

    Sängerin Jaël und Gitarrist Luk Zimmermann.
    Sängerin Jaël und Gitarrist Luk Zimmermann. - Christian Lanz

    Lunik treten nun mit neuen Songs live auf. Sängerin Jaël und Gitarrist Luk Zimmermann sprechen über das neue Album «Cycle Breaker» und die Club-Tournee im Herbst.

    BärnerBär: Habt ihr euer Album «Cycle Breaker» getauft, weil ihr aus einem beziehungstechnischen Teufelskreis herauskommen musstet, um das Comeback von Lunik möglich zu machen?

    Jaël: Vor allem geht es dabei um das Erkennen und Durchbrechen von schadhaften, toxischen Mustern, die in der Familiengeschichte von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Mit ihnen setze ich mich als Mama gerade auseinander.

    Aber wir haben auch registriert, dass sich ein Kreis schliesst, wenn wir als Band wieder zusammenfinden. Das verleiht dem Titel einen mehrdeutigen, wortspielerischen Charakter.

    Lunik tritt unter anderem im Sous-Soul und in der Mühle Hunziken auf.
    Lunik tritt unter anderem im Sous-Soul und in der Mühle Hunziken auf. - zVg

    BärnerBär: Ein Kreis, der durchbrochen werden muss, damit er sich schliesst …

    Jaël: Da inzwischen fast alle von uns Eltern sind, ist ein zentrales Thema in unserem Leben, wie wir unsere Kinder begleiten und was wir an sie weitergeben wollen. Dafür müssen wir uns mit uns selbst und unserer Herkunft auseinandersetzen sowie was wir an Verletzungen mit uns herumschleppen und nicht an unsere Kinder weitergeben wollen.

    BärnerBär: Wie gut können Sie sich reinfühlen, wenn Jaël solche Texte schreibt?

    Luk Zimmermann: Wenn sie über Politik schreiben würde, wäre es für mich schwierig, da es mich weniger berühren würde. Aber die Texte handeln von den schwierigen und schönen Seiten des Lebens, mit denen ich mich ebenfalls beschäftige.

    Deswegen hatten wir noch nie Streitigkeiten über die Inhalte wie bei manch anderen Bands. Ich bin froh, dass Jaël ihre Texte so schreibt, wie sie es macht, und ich es auch gerne würde, wenn ich es könnte.

    BärnerBär: Wie läuft das Songschreiben bei euch ab?

    Zimmermann: Ich komme von der Musik her, Jaël ergänzt dazu Text und Melodie oder kommt von sich aus mit einer Songidee inklusive Akkorden, an der wir dann gemeinsam feilen.

    Jaël: Auf diesem Album sind nur drei Songs, bei denen der Anstoss von mir kam. Bei den anderen Liedern stammte die musikalische Vorgabe entweder von Adi (Amstutz), der auch Melodie und Texte schreibt, die ich dann überarbeite, damit sie zu mir passen, oder von Luk, der zudem als Produzent und Arrangeur massgeblichen Einfluss hat.

    Cédric (Monnier) ist besonders stark beim Ausarbeiten der Harmonien. Mats bringt mit dem ganzen Programming und der Umsetzung der Liveversionen seine persönliche Note ein.

    Nach meinen Soloprojekten war es besonders interessant zu sehen, wie sich die unterschiedlichen Ideen aller Bandmitglieder ergänzten und was sie hervorbrachten. Lunik hat auf jeden Fall ein neues Level in Sachen Teamwork erreicht.

    Freust du dich über das Lunik-Comeback?

    Zimmermann: Natürlich haben wir uns gegenseitig schon toll gefunden, als wir noch jung waren, doch wollte damals noch jeder der Beste sein. Da sind wir heute viel offener und gelassener.

    BärnerBär: Habt ihr beim Schreiben an den Algorithmus gedacht, der darüber entscheidet, ob ein Song im Radio läuft?

    Zimmermann: Lustigerweise war Lunik der einzige Ort, wo ich diesen Faktor des heutigen Musikgeschäfts weitgehend ausblenden konnte. Und dies, obwohl ich in meinem Studio mehrheitlich mit Indie-Künstlern zusammenarbeite.

    Im Podcast, den ich gestern hörte, sagte ein amerikanischer Produzent, bei der ganzen Diskussion solle man nicht vergessen, dass es nicht nur den Spotify-, sondern auch den menschlichen Algorithmus gibt. Viele von uns sind mittlerweile durch das dauernde Scrollen und Schauen auf kurze, schnelle Flashs trainiert.

    Aus diesem Grund müssen die Songs kurz sein und darin muss laufend Aussergewöhnliches, Aufregendes und Verrücktes passieren, damit die Zuhörenden keine Sekunde sich selbst überlassen sind, da sie sonst abschweifen und zum nächsten Song wechseln.

    Lunik
    Jaël und Luk Zimmermann von der Band Lunik. - Christian Lanz

    Jaël: Die Aufmerksamkeitsspanne hat sich extrem verkürzt. Ich will das gar nicht werten. Es ist einfach Fakt und viele junge Künstler leiden enorm darunter. Wir kommen aus einer Zeit, in der Popsongs von viereinhalb Minuten normal waren, heute sind es noch drei und in ein paar Jahren wohl anderthalb.

    Wir sind uns treu geblieben und gingen damit das Risiko ein, nicht im Radio gespielt zu werden. Dabei hatten wir jedoch den Vorteil, dass wir uns schon einen Namen gemacht hatten.

    BärnerBär: Wofür steht Lunik?

    Zimmermann: Ich glaube, die Essenz dieser Band ist, dass sie aus starken Charakteren besteht. Wir sind nicht unbedingt die Besten unseres Fachs.

    Ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich nicht der beste Gitarrist bin, aber ich mache, was ich kann, und das kann ich gut! (Lacht)

    BärnerBär: Was führte 2013 zur Trennung der Band?

    Zimmermann: Ich war die Diskussionen leid, die es bei uns fast zu jedem Thema gab, und müde vom Touren und der damit verbundenen Fremdbestimmung.

    Wir hatten damals ein Management, das darauf bestand, dass jeder Gig, der gebucht wurde, gespielt werden musste. So reiste ich mehrfach wegen eines Konzerts im Gügühü aus den Ferien zurück in die Schweiz.

    Jaël: Adi hatte uns schon 2002 verlassen, Mats (Marti) 2005, und als dann auch noch Luk aufgab, hatte ich die Nase voll, den Medien wieder erklären zu müssen, weshalb jemand von Lunik ausgestiegen ist.

    BärnerBär: Welche Rolle spielte es, dass Sie und Luk als Paar auseinander gegangen waren?

    Jaël: Unsere Beziehung endete schon Jahre vorher. Trotzdem bemühten wir uns die Band zusammenzuhalten. Schliesslich war sie für mich fast wie meine Familie, als ich das Elternhaus verliess und quasi bei Lunik einzog.

    Die Band Lunik ist zurück.
    Die Band Lunik ist zurück. - zVg

    BärnerBär: Was brauchte es für das Lunik-Comeback?

    Zimmermann: Wir haben uns schon weit vor der Reunion zu einem Grillabend an der Aare getroffen. Ich freute mich sehr, alle wiederzusehen, was lange nicht passiert war, da wir unterschiedliche Freundeskreise haben. Wir sprachen hauptsächlich über unsere Kinder.

    Mich interessierte auch, wie es Jaël ging und was sie beschäftigte, wobei ich auch erleichtert war zu merken, dass sie nicht mehr sauer war, weil ich die Band hängenlassen hatte.

    BärnerBär: «Young», der erste Song auf dem Album, beginnt mit dem Satz «When I was young, all the damage was done». Welche Bedeutung hat bei Ihnen die Musik bei der Verarbeitung von Verletzungen, die Ihnen zugefügt wurden?

    Jaël: Es ist spannend, wie ich bei der Beschäftigung mit den alten Songs realisiere, dass sie für mich vor allem ein Ventil waren, um auszudrücken, was in mir vorging. Heute kann ich besser verorten, aus welcher Verletzung heraus ich sie geschrieben habe. Allerdings wird es dadurch nicht einfacher, diese Lieder zu singen.

    INFO

    Lunik ist die erfolgreichste auf Englisch singende Berner Band neben Peter, Sue & Marc. Stilistisch entwickelte sie sich vom Trip-Hop ihres Debütalbums «Rumour» (1999) zur eingängigen melancholischen Popmusik von «Preparing To Leave» (2006), das von den weiteren Nr. 1-Alben «Small Lights In The Dark» und «What Is Next» gefolgt wurde.

    Ihre bekanntesten Ohrwürmer sind «The Most Beautiful Song», «Little Bit» und «Static». Nach der Trennung von Lunik 2013 blieb Jaël als Singer-Songwriter in den Charts. Mit ihrem Comeback-Album «Cycle Breaker» tritt Lunik am 8. November im Sous-Soul sowie 7. Dezember (ausverkauft) und 8. Dezember in der Mühle Hunziken auf.

    BärnerBär: Wie unterscheidet sich die kommende Cycle-Breaker-Tour von der Reunion-Tour?

    Jaël: Während wir im Frühling vor allem die alten Songs spielten, liegt der Fokus nun auf «Cycle Breaker». Natürlich werden unsere Hits und weniger bekannte Songs von früher, die uns aber wichtig sind, nicht fehlen.

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