Zürich: Satellitenbilder zeigen, was Opferzahlen nicht erzählen
Forschende der ETH Zürich und der Universität Zürich kombinieren Konfliktdaten mit Satellitenbildern. Die Studie zur Ukraine und Myanmar erscheint in «Nature».

Kriege fordern nicht nur Todesopfer, sondern führen zu weitreichender Zerstörung und Vertreibung, mit langfristigen Folgen für ganze Länder. Diese Dynamiken rücken immer stärker in den Fokus der Forschung.
Bislang stützte sich die Konfliktforschung dabei hauptsächlich auf textbasierte Daten, die einzelne Gewaltereignisse erfassen und vor allem auf Medienberichten beruhen. Solche Daten setzen voraus, dass Menschen über Gewalttaten berichten. Das führt zu systematischen Lücken.
Dieser Problematik ist sich Valerie Sticher, Erstautorin der Studie, bewusst. Seit etlichen Jahren konzentriert sie sich in ihrer Forschung daher auf die Frage, wie Satellitendaten die Konfliktforschung unterstützen können, indem sie die bestehenden textbasierten Daten ergänzen.
Die Essenz ihrer Forschung hat sie nun gemeinsam mit Corinne Bara und Kolleg:innen im Artikel unter dem Titel «Konfliktforschung und -bewältigung mittels satellitenbasierter Daten vorantreiben» im Wissenschaftsjournal «Nature» publiziert.
Ein vollständigeres Bild von Konflikten
«Satellitendaten ergänzen textbasierte Daten und erlauben so ein vollständigeres Bild von bewaffneten Konflikten», so Valerie Sticher. Denn sie zeigten auf, was in der Berichterstattung oft nur am Rande vorkommt. Beispielsweise zerstörte Ernten, beschädigte Gebäude.
Ein zentraler Vorteil von Satellitendaten ist laut Sticher auch, dass diese auch dort Informationen liefern, wo das mediale Scheinwerferlicht nicht hinreicht und kaum textbasierte Daten verfügbar sind.
Doch auch satellitenbasierte Daten haben ihre Einschränkungen. Zu den Herausforderungen zählen beispielsweise fehlende Referenzdaten aus Konfliktgebieten. Auch lassen sich bestimmte Vorkommnisse auf Satellitenbildern nicht oder nur schlecht erkennen.
In ihrer «Nature»-Studie zeigen die Forschenden auf, wie diesen Einschränkungen begegnet werden kann, damit sie in Kombination mit den textbasierten Daten ein möglichst vollständiges Bild eines Konflikts liefern können.
Satellitenbasierte Daten gezielt verbessern und mit textbasierten Daten verknüpfen
Anhand von empirischen Beispielen aus der Ukraine und aus Myanmar zeigen die Studienautor:innen auf, wie satelliten- und textbasierte Konfliktdaten kombiniert werden können.
Eine Datenquelle kann Informationen liefern, die der anderen fehlen: In der Ukraine verknüpfen die Forschenden satellitenbasierte Daten zu beschädigten Gebäuden mit textbasierten Daten dazu, welche Konfliktpartei ein Gebiet wann kontrollierte. Erst diese Kombination zeigt, dass in Gebieten, die von russischen Truppen eingenommen wurden, deutlich mehr Gebäude beschädigt wurden als in Gebieten, die von ukrainischen Truppen zurückerobert wurden. Die Verbindung beider Datenquellen ergibt auch ein umfassenderes Bild der Gewalt in einem Konfliktgebiet.
«In Myanmar ging die gezielte Zerstörung von Rohingya-Häusern weiter, lange nachdem die Massaker aufgehört hatten. Satellitendaten machen diese Phase der Kampagne sichtbar», sagt Zweitautorin Corinne Bara.
Längerfristig könnten beide Datenquellen gemeinsam modelliert werden, um Muster der Gewalt zu erkennen, die uns Menschen verborgen bleiben.
Von der Forschung zur Praxis
Der Forschungsansatz der in «Nature» publizierten Studie könnte für internationale Organisationen von grossem Nutzen sein, so die Hoffnung der Autor:innen:
«Die Kombination von satelliten- und textbasierten Daten erlaubt es internationalen Organisationen wie der UNO oder dem IKRK, die Folgen von bewaffneten Konflikten besser einzuschätzen, besonders betroffene Regionen schneller zu identifizieren und humanitäre Hilfe gezielter zu planen», so Sticher.






