Karin Primisser ist Bereichsleiterin der Spitex Engiadina Bassa. Wir haben mit ihr über den Pflegenotstand und ihre Arbeit gesprochen.
Spitex Engiadina Bassa
Karin Primisser ist Bereichsleiterin der Spitex Engiadina Bassa und Dipl. Pflegefachfrau HF. - ZVG

Die Spitex Engiadina Bassa gibt es seit über 20 Jahren. Aktuell werden rund 20 Mitarbeitende beschäftigt, welche fast ausschliesslich in Teilzeitpensen arbeiten. Insgesamt werden je nach Auftragslage zwischen 12 und 14 Vollstellen benötigt.

Schon hier wird deutlich, dass der Spitex Engiadina Bassa kein voriges Personal zur Verfügung steht. Offene Stellen zu besetzen, wird zunehmend schwieriger, wie Bereichsleiterin Karin Primisser im nau-Interview erklärt.

Nau.ch: Welche Vorteile bieten die Spitex gegenüber stationären Angeboten wie Spitälern oder Pflegeheimen?

Karin Primisser: Die Vorteile der Spitex sind vielfältig und umfangreich. Die Spitex betreut die Menschen zu Hause in ihrem gewohnten Umfeld. Das schafft nicht nur Vertrauen, sondern auch die Möglichkeit, bei hohem Pflege- und Betreuungsbedarf zu Hause zu bleiben und sterben zu können.

Dies ist nicht nur ein Gewinn für die Betroffenen, sondern entlastet auf finanzieller Ebene das gesamte Gesundheitswesen und die Öffentliche Hand.

Spitel Engiadina Bassa
Karin Primisser geniesst es, in der wunderschönen Landschafts des Unterengadins unterwegs zu sein. - ZVG

Nau.ch: Wie hat sich Ihre Arbeit seit der Corona-Pandemie verändert und mit welchen Herausforderungen sind Sie da konfrontiert?

Karin Primisser: Corona hat die Arbeit in der Spitex nicht ausschlaggebend verändert. Zu Beginn der Pandemie gab es von Seiten der Klientinnen und Klienten viele Ängste und Unsicherheiten. Doch mittlerweile ist die Situation wieder entspannt.

Ich denke, wir haben einen grossen Vorteil aufgrund unserer geographischen Lage in der wenig dicht besiedelten Region Unterengadin. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Herausforderungen in urbanen Gebieten in Zusammenhang mit der Pandemie eine grössere Herausforderung dargestellt haben und immer noch darstellen.

Dennoch hat sich in der Pandemie gezeigt, wie wichtig die Spitex ist. Besonders in der Zeit, als in den Alters- und Pflegeheimen ein Besuchsverbot galt. Speziell in dieser Zeit wurde der Gesellschaft in Erinnerung gerufen, wie systemrelevant Pflegeberufe sind.

Spitex Engiadina Bassa
Plötzlich liegt so viel Schnee, dass abgelegene Häuser nur noch zu Fuss zu erreichen sind. Da kann auch mal ein Spitex-Auto unter der weissen Pracht verschwinden. - ZVG

Nau.ch: Denken Sie, diese Arbeit bekommt genügend Anerkennung?

Karin Primisser: Ich bin der Meinung, dass die Pflegeberufe zu wenig Anerkennung und Respekt in unserer Gesellschaft bekommen. Ich erfahre auch am eigenen Leib immer wieder, wie unsere Arbeit unterschätz wird. Besonders im Bereich Pflegefachkräfte ist klar zu erkennen, dass weder Politik noch die Gesellschaft verstanden hat, was unsere Arbeit ausmacht.

Es wird zunehmend schwierig, offene Stellen zu besetzen und trotzdem ändert sich kaum etwas an den Arbeitsbedingungen. Und hierbei rede ich nicht nur von mehr Lohn, der übrigens schon lange fällig wäre. Es geht um den Respekt, die Anerkennung und die Loyalität gegenüber dem Pflegepersonal.

Ein weiterer Punkt ist, dass nicht erkannt wird, welche Problematiken sich aus dem Pflegekräftemangel heraus entwickeln und in Zukunft zuspitzen werden.

Wie das Besetzen von Stellen mit Personen, welche nicht geeignet sind, weil sie beispielsweise den notwenigen Kompetenzrahmen nicht erfüllen. Dies bedeutet, dass wir zunehmend mit weniger qualifiziertem Personal arbeiten müssen und somit für die wenigen Pflegefachpersonen HF die Belastung noch grösser wird.

Spitex Engiadina Bassa
Die Spitex Engiadina Bassa ist seit über 20 Jahren für ihre Klientinnen und Klienten da. - ZVG

Überspitzt ausgedrückt: Die Gesellschaft erwartet eine professionelle, qualitativ hochstehende und von Herzen kommende, menschliche Pflege und Betreuung, kosten darf sie jedoch nichts.

Nau.ch: Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf besonders?

Karin Primisser: Ich liebe meine Arbeit in der Spitex, für mich persönlich der schönste Arbeitsplatz überhaupt. Kein Tag ist wie der andere, das macht meine Arbeit spannend und abwechslungsreich.

Ich bin viel unterwegs, komme zu den Menschen nach Hause. Ich lerne unsere Klientinnen und Klienten von einer ganz anderen, sehr persönlichen Seite kennen. Gerade bei Klientinnen und Klienten, welche wir über einen langen Zeitraum pflegen und betreuen, gehören wir oft schon ein bisschen zur Familie. Es entstehen professionelle und doch sehr vertrauensvolle Beziehungen.

Nau.ch: Können Sie uns abschliessend noch von einem besonders schönen Erlebnis aus Ihrem Berufsalltag erzählen?

Karin Primisser: Es gibt viele Besonderheiten in der Spitex, denen man im stationären Setting oder in anderen Berufsbranchen nie begegnen würde.

Spitex Engiadina Bassa
«Ich erfahre auch am eigenen Leib immer wieder, wie unsere Arbeit unterschätz wird», erklärt Karin Primisser von der Spitex Engiadina Bassa. - ZVG

Ich komme zu den Menschen nach Hause und die über alles geliebte Hauskatze frisst nicht mehr und schläft nur noch. Da kann es schon mal vorkommen, dass ich plötzlich zur Tierärztin werde und mir die Katze anschaue und mit der Klientin / dem Klienten oder gar den Angehörigen zusammen entscheide, was weiter zu tun ist.

Zudem bin ich täglich in der wunderschönen Landschaft des Unterengadins unterwegs, welche sich mit den vier Jahreszeiten verändert und wunderschöne Lichtstimmungen hervorbringt.

Die eindrücklichsten Erlebnisse sind jedoch, wenn ich zum Einsatz komme und die ganze Familie der Klientin / des Klienten schon auf mich wartet. Grund dafür kann ein Geburtstag sein und der Kuchen soll nicht ohne die Spitex angeschnitten werden.

Zur Person

Karin Primisser ist 43 Jahre alt und im Südtirol wohnhaft. Ihre Freizeit verbringt sie gerne in der Natur und mit den Tieren auf dem eigenen Familienhof.

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