Degersheim

Degersheim SG: Zehn Gebote ziehen weiter – Kunstasyl gesucht

Gemeinde Degersheim
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Flawil,

Nach dreieinhalb Jahren im ehemaligen Hallenbad in Degersheim SG suchen die «Zehn Gebote Vol. 2» einen neuen Ort.

Degersheim SG
Am 16. Mai 2023 trafen die zehn Sandsteintafeln am Bahnhof Degersheim ein – geschoben von freiwilligen Gebotsschieberinnen und Gebotsschiebern auf Sackkarren. - zVg

Rund dreieinhalb Jahre lang fanden die Zehn Gebote Vol. 2 der Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin im ehemaligen Hallenbad in Degersheim ein Kunstasyl. Bewirkt haben die dabei einiges.

Ab sofort kann man sich für das Kunstasyl bewerben.

Im Mai 2023 zogen zehn Sandsteintafeln mit eingemeisselten Geboten, auf Sackkarren geladen und begleitet von einem Jodelchörli ins bis dato lehrstehende Hallenbad ein. Auf einmal füllte sich der einst so belebte Ort, nach knapp 10 Jahren der Ungenutztheit wieder mit Leben. Auf einmal wurde der leere Ort, welcher auch Gegenstand von Unstimmigkeiten und Rechtsverfahren war, wieder ein Ort des aufeinander Zugehens, der Besinnung, der Gespräche, des Erlebens oder auch des sich auszuleben.

Einiges ist passiert in dieser Zeit. Weniger schönes oder gar verwerfliches wie Sachbeschädigungen und Schmierereien, aber auch erfreuliches wie Konzerte, Bild- und Klanginstallationen, Gesprächsabende oder Hallenmärkte. Oder etwas poetisch, das Hallenbad wurde vom Zankapfel zum Begegnungsort.

Provokation

Es war nicht nur ein Gag, als sich Gemeindepräsident Andreas Baumann im Herbst 2022 dazu entschieden hatte, sich mit dem ehemaligen Hallenbad Degersheim als Beherbergungsort für die Zehn Gebote Vol. 2 zu bewerben. Die Problemstellungen mit dieser Liegenschaft machte es seiner Ansicht nach nötig, hier etwas unüblich vorzugehen.

Heute bezeichnet er es als Provokation und als Türöffner.

«Das Hallenbad in einer Art zu nutzen, für die es weder vorgesehen noch direkt geeignet war, garantierte aus meiner Sicht einen Diskurs,» erklärt er rückwirkend seine Überlegungen. Dieser blieb nicht aus.

Irritation, Begeisterung, Unverständnis, Kreativität; Andreas Baumann bekam eine ganze Palette von Gefühlslagen zu spüren. Die Folge davon: Immer ein Gespräch, welches meistens aufzeigte, dass man sich einen Inhalt der riklinschen Gebote zu Herzen nehmen kann.

Positive Effekte

Aber es waren nicht nur die Gespräche über die Zehn Gebote Vol. 2, welche den Wert des Kunstasyls ausmachten. Es waren auch die Gespräche über die Gesellschaft, den Umgang miteinander, Werte und vor allem das Hallenbad.

Es waren bereichernde Kontakte mit Menschen, welche Degersheim auf einmal wahrgenommen haben und sich vor allem bereit zeigten, alteingesessenes neu zu denken.

«Was die Zehn Gebote Vol. 2 alles bewirkt haben, ist für die Bewohnerinnen und Bewohner von Degersheim wohl nicht vollumfänglich zu spüren», resümiert Andreas Baumann. «In meiner tätlichen Arbeit zeigen sich aber sehr viele positive Effekte. „Sie waren eine Bereicherung, ein Glücksfall und auch Gold wert, aber damit sie nun ihre Wirkung auch an einem anderen Ort entfalten können, lasse ich sie gerne ziehen,» bringt er seine Gefühle zum Ausdruck.

Um Kunstasyl bewerben

Nun suchen die zehn Steine ein neues Kunstasyl. Wer die Steinplatten privat oder in einer Institution so aufstellen möchte, dass sie (tagsüber) öffentlich zugänglich sind, um mit ihnen gesellschaftliche Veränderungsprozesse ins Rollen zu bringen, kann sich bis zum 30. September 2026 um das nächste Eine externe Jury entscheidet im Spätherbst, wohin die Steine kommen. Im Frühling 2027 machen sich die Steine von Degersheim auf den Weg in ihr neues Asyldomizil: wiederum zu Fuss mit Sackkarren, als kollektive, manuelle Performance der tonnenschweren Steinverschiebung.

Was sind die 10 Gebote Vol. 2 ©Zehn Gebote Vol. 2 ist ein Kunstwerk von Frank und Patrik Riklin.

Es ist eine Tonne schwer, aus zehn Sandsteinplatten geschaffen und versteht sich als sinnhafter Kompass für die Gesellschaft der Zukunft. Entstanden ist das Werk im Sommer 2020 vor dem Kloster in St. Gallen. Nach der öffentlichen Meisselung versenkten die Riklin-Zwillinge die zehn Sandsteintafeln illegal im Zürcher Schanzengraben.

Die Behörden stuften dies als «Gewässerverschmutzung» ein und erliessen einen Räumungsbefehl.

Seither werden die zehn Tafeln durch hunderte Hände von Kunstasyl zu Kunstasyl geschoben, dorthin, wo sie Menschen zur Auseinandersetzung mit den eigenen Haltungen, Werten und dem eigenen Handeln und damit zur persönlichen Veränderung anregen können.

Über die Künstler

Die St. Galler Konzeptkünstler gehen in ihrem Atelier für Sonderaufgaben seit 25 Jahren der Frage nach, inwieweit sich das Potential der Kunst erweitert, wenn sie den repräsentativen Rahmen verlässt und direkt in sozial-gesellschaftliche Realitäten eingreift. Frank und Patrik Riklin rütteln an verschiedenen Systemen des Alltags und erschaffen neue Wirklichkeiten.

Mit den Werken Linie Null (2026), Null Stern Hotel (2008/2016), BIGNIKª (fortlaufend seit 2012) und Fliegen retten in Deppendorf (2012) haben sie internationale Bekanntheit als Konzeptkünstler erreicht.

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