Design als Energieträger: Bau 742 mit besonderer Solarfassade
In der Viscosistadt in Emmen verbindet eine neue Solarfassade am Bau 742 Photovoltaik mit Textildesign. Entworfen wurde das Muster von zwei Studentinnen.

Ein Faden, entstanden aus geschmolzenem Granulat – ein industrieller Prozess, der den Standort Viscosistadt seit Jahrzehnten prägt, berichtet die Gemeinde Emmen. Genau dieses Bild greift nun eine neue Solarfassade am Bau 742 auf. Entwickelt wurde sie von den beiden Studentinnen in Textildesign, Siv Keller und Mira Walthert.
Welche Orte lassen sich mit farbigen Solarpanels gestalten? Wie wirken grossflächige Muster aus der Distanz? Ein Unterrichtsmodul 2024 konfrontierte angehende Textildesignerinnen mit für sie ungewöhnlichen Fragestellungen – weg vom Stoff im handlichen Format, hin zur architektonischen Dimension.
Für den Bau 742 entwickelten Siv Keller und Mira Walthert ein Fassadenbild, das die textile Identität der Viscosistadt aufnimmt. Die eingeschmolzenen Granulate, aus denen synthetische Fäden entstehen, spiegeln sich in einem Muster aus Punkten und Linien.
Textildesign trifft auf Solartechnik
«Wie in der Textilgestaltung üblich, ist das Motiv so angelegt, dass es theoretisch endlos weitergeführt werden kann. Gerade diese Fähigkeit, wiederholbare und zugleich differenzierte Strukturen zu entwickeln, gehört zu den zentralen Kompetenzen im Textildesign», erklärt Keller.
Das Projekt zeige, dass sich diese gestalterischen Fähigkeiten auch in technischen Anwendungsfeldern einsetzen lassen.
Neue Messbarkeit und Verlässlichkeit
Das zugrundeliegende Forschungsprojekt «Solar Design Tool» der Hochschule Luzern – Design Film Kunst entstand aus der Beobachtung, dass technologisch ausgereifte Photovoltaik im gebauten Raum noch zu wenig eingesetzt wird.
Schwarze Solarmodule sind effizient, aber wegen ihrer Ästhetik oft unbeliebt. Einfarbige Varianten bringen Leistungsverluste mit sich.
Weshalb gerade Textildesignerinnen für dieses Problem eine elegante Lösung fanden, scheint beinahe folgerichtig. Sie haben Photovoltaik gestalterisch neu gedacht und eine Lösung dafür gefunden, wie für farbige Panels präzise Aussagen zur Energieeffizienz möglich sind.
Farbenvielfalt ohne Energieverlust
Statt die gewünschten Farben fertig gemischt auf die Panels aufzutragen, arbeiten sie mit sechs exakt vermessenen Grundfarben. Kombiniert in unterschiedlichen Rasterungen entsteht daraus aus der Distanz eine praktisch unbegrenzte Vielfalt an Farbtönen – vergleichbar mit einem gewebten Stoff oder einem Druckmuster.
Der Energieertrag bleibt dabei für jede beliebige Zusammensetzung konstant. Aus dem Forschungsprojekt ist inzwischen die Studio Verticol GmbH als Spin-off der Hochschule Luzern entstanden.
Kollaborative Innovation
Gleichzeitig zeigte sich die Geschäftsleitung der Viscosistadt vom Fassadenbild der Studentinnen für den Bau 742 überzeugt und entschied sich für die Realisierung. Gemeinsam mit den Firmen Sunage und BE Netz wurde das Projekt geplant und umgesetzt.
Von der Entwurfsphase über technische Abstimmungen bis zur Montage vor Ort war das Projekt für alle Beteiligten eine intensive und lehrreiche Erfahrung. Im ersten Monat produzierte die Anlage rund 310 kWh Strom – genug Energie für etwa 380 Waschmaschinenladungen oder rund 2000 Kilometer Fahrt mit einem Elektroauto.
Auch eine gestalterische Aussage bleibt: «Es ist für mich auch etwas poetisch. Wir geben dem Textilen damit auf ungewohnte Weise Sichtbarkeit», sagt Siv Keller. Mit der neuen Solarfassade am Bau 742 wird greifbar, dass etwas wirklich Neues entstehen kann, wenn Industriegeschichte, Energietechnik und Designkompetenz interdisziplinär zusammengebracht werden.






