Von Reis bis Rückversicherung: Wo El Niño die Wirtschaft trifft

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Zürich,

El Niño ist weit mehr als ein Klimaphänomen. Die Erwärmung des Pazifiks verändert Niederschläge und Temperaturen weltweit – mit Folgen für Ernten, Energieversorgung, Lieferketten, Schadensversicherungen und Preise. Ein Überblick über die wichtigsten Auswirkungen.

Das Klimaphänomen El Niño kann laut Experten verheerende Folgen für die Ernten weltweit haben, unter anderem für Reis. (Archivbild)
Das Klimaphänomen El Niño kann laut Experten verheerende Folgen für die Ernten weltweit haben, unter anderem für Reis. (Archivbild) - KEYSTONE/AP/ANUPAM NATH

KAFFEE: Trockenheit in wichtigen Anbaugebieten wie Vietnam, Indonesien oder Teilen Brasiliens kann die Ernten schmälern. Die Auswirkungen fallen jedoch regional unterschiedlich aus. Die Investmentbank Goldman Sachs verweist darauf, dass die weltweite Kaffeeproduktion während starker El-Niño-Ereignisse historisch nur leicht zurückging (-0,9 Prozent). Während des starken El Niño 1997/98 stieg der Weltmarktpreis für Arabica-Kaffee zeitweise aber um mehr als 150 Prozent.

SCHOKOLADE: Westafrika produziert rund zwei Drittel des weltweiten Kakaos. Wetterextreme können die Ernten zusätzlich belasten. Nach zwei El-Niño-Jahren sprang der Kakaopreis 2024 von rund 2500 auf 12'000 US-Dollar je Tonne. Goldman Sachs zählt Kakao zu den weltweit am stärksten gefährdeten Agrarrohstoffen und sieht die Schweizer Schokoladenhersteller Barry Callebaut sowie Lindt wegen ihrer hohen Kakaoabhängigkeit besonders exponiert. Barry Callebaut selbst erwartet allerdings keine Wiederholung der extremen Marktverwerfungen von 2023/24 und verweist auf hohe Lagerbestände sowie eine bessere Versorgungslage.

REIS: In Südostasien kann El Niño Dürren auslösen. Fällt die Reisernte kleiner aus, steigen die Preise. Während früherer El-Niño-Phasen schränkten einzelne Länder ihre Exporte ein, um die Versorgung im Inland zu sichern. Goldman Sachs weist allerdings darauf hin, dass die weltweite Reisproduktion historisch vergleichsweise wenig auf starke El-Niño-Ereignisse reagierte.

ZUCKER: Indien und Thailand zählen zu den wichtigsten Zuckerproduzenten. Bleibt der Regen aus, sinken die Erträge. Während früherer El-Niño-Ereignisse ging die Zuckerproduktion dort laut der Privatbank J. Safra Sarasin um 20 bis 30 Prozent zurück. Gleichzeitig fliesst wegen hoher Ölpreise mehr Zuckerrohr in die Ethanolproduktion, was das Angebot zusätzlich verknappen könnte. Goldman Sachs verweist zudem auf historisch häufig steigende Zuckerpreise während starker El-Niño-Phasen.

PFLANZENÖLE: Indonesien und Malaysia dominieren die Palmölproduktion. Trockenheit kann die Ernten beeinträchtigen. Während des starken El Niño 2015 stiegen die Palmölpreise innerhalb eines Jahres um mehr als 20 Prozent. Experten erwarten erneut steigende Palmölpreise, auch wenn die ganzjährige Ernte die Produktionsschwankungen teilweise abfedern kann. Da Palmöl in zahlreichen Lebensmitteln und Konsumgütern steckt, können sich die Auswirkungen bis ins Supermarktregal auswirken.

BIER: Gerste gehört laut Goldman Sachs zu den Agrarrohstoffen, deren Produktion bei starken El-Niño-Ereignissen historisch am stärksten zurückging. Das könnte die Rohstoffkosten für Brauereien erhöhen. Die Analysten gehen davon aus, dass viele Brauereien höhere Kosten zumindest teilweise über Preiserhöhungen weitergeben.

FISCH: Vor der Küste Perus unterdrückt El Niño den Auftrieb nährstoffreichen Wassers. Dadurch gehen die Fischbestände, insbesondere Sardellen, stark zurück. Während des Extremereignisses 1997/98 brachen die Fänge massiv ein und die Preise für Fischmehl stiegen deutlich.

FLEISCH, EIER, MILCH: Steigen die Preise für Mais, Soja oder Fischmehl, verteuert sich die Tierhaltung. Futtermittel machen laut J. Safra Sarasin mehr als 60 Prozent der Produktionskosten aus. Höhere Kosten dürften sich mit einigen Monaten Verzögerung auch auf Fleisch-, Milch- oder Eierpreise auswirken.

STROM: In Ländern wie Brasilien, Kolumbien oder Chile können ausbleibende Niederschläge die Stromproduktion aus Wasserkraft verringern. Versorger müssen dann auf teurere Kraftwerke ausweichen. Das kann die Strompreise erhöhen und die Inflation zusätzlich anheizen.

LIEFERKETTEN: Extreme Trockenheit kann den Wasserstand von Flüssen und Kanälen senken. Während der Dürre 2023/24 wurde die Zahl der täglichen Durchfahrten am Panamakanal zeitweise von 36 auf 24 Schiffe reduziert. Für 2026 sieht sich die Kanalbehörde zwar besser vorbereitet, beobachtet die Entwicklung aber genau.

VERSICHERUNGEN: El Niño erhöht das Risiko wetterbedingter Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Stürme oder Waldbrände. Dadurch nehmen die Schäden für Versicherer und Rückversicherer tendenziell zu. Das starke El-Niño-Ereignis 1997/98 verursachte weltweit Schäden von schätzungsweise rund 100 Milliarden US-Dollar. Häufen sich solche Ereignisse, können Versicherungsprämien steigen und der Rückversicherungsschutz teurer werden.

INFLATION: Chefökonom David Rees vom Vermögensverwalter Schroders hält es für möglich, dass sich die weltweiten Lebensmittelpreise bei einem sehr starken El Niño binnen eines Jahres nahezu verdoppeln. Goldman Sachs verweist auf Berechnungen, wonach ein starker El Niño die weltweiten Lebensmittelgrosshandelspreise mit zeitlicher Verzögerung um knapp 10 Prozent erhöhen kann.

KOSTEN: El Niño kann teuer werden. Der Rückversicherer Swiss Re schätzte die wirtschaftlichen Schäden des besonders starken El Niño von 1997/98 auf rund 5,7 Billionen US-Dollar. Auch 2026 könnte speziell werden. Was das Jahr von anderen Jahren unterscheidet, ist laut dem Vermögensverwalter Wisdomtree das Umfeld, in dem das Wetterphänomen eintritt: geopolitische Turbulenzen mit höheren Preisen für Treibstoff und Dünger sowie eine Nachfrage nach Biokraftstoffen, die immer stärker mit der Nutzung derselben Rohstoffe wie die Nahrungsmittelindustrie konkurrieren. Goldman Sachs erwartet, dass die grössten Auswirkungen auf Ernten und Rohstoffmärkte erst 2027 sichtbar werden, da sich das aktuelle El-Niño-Ereignis erst im Verlauf des zweiten Halbjahres 2026 verstärkt.

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