US-Zwischenwahlen: «Stillstand wäre nicht automatisch negativ»

    Keystone-SDA
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    Zürich,

    Die Schweizer Wirtschaft zeigt sich laut Brian Mandt, dem Chefökonomen der Luzerner Kantonalbank (LUKB), trotz US-Zöllen und geopolitischer Risiken robust. Im AWP-Interview erklärt er, was bei den verschiedenen Wahlszenarien auf dem Spiel steht.

    Midterms
    In weniger als einem Monat finden in den USA die Zwischenwahlen statt. - keystone

    AWP: Der Schweizer Wirtschaft geht es trotz Trump vergleichsweise gut. Wird sein wirtschaftlicher Einfluss auf die Schweiz überschätzt?

    Brian Mandt: Stimmt, die Schweizer Wirtschaft wuchs bislang kräftiger als viele erwartet hatten. Sie profitiert dabei von einer positiven Konsum- und Investitionsentwicklung. Das macht sie resilient gegenüber negativen Schocks wie zuletzt den kräftig gestiegenen Energiepreisen. Doch die Schweiz ist auch eine kleine, offene Volkswirtschaft. Sie reagiert daher empfindlich auf die Nachfrage wichtiger Handelspartner. Die USA sind in den letzten Jahren zum wichtigsten Exportland für Schweizer Warenexporte geworden. Gut 20 Prozent aller Schweizer Güter werden in die USA exportiert. Die Wirtschafts- und Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump – insbesondere seine Zollentscheidungen – wirken sich auf den Schweizer Aussenhandel und damit auch auf die Gesamtwirtschaft aus. Insofern müssen wir die US-Wirtschafts- und Handelspolitik ernst nehmen.

    AWP: Über welche Kanäle wirkt die US-Politik derzeit am stärksten auf die Schweizer Wirtschaft?

    BM: Am unmittelbarsten wirkt die US-Politik über die Zölle. Sie verteuern Schweizer Produkte in den USA oder drücken auf die Margen unserer Exporteure. Wie stark die Belastung ausfällt, hängt davon ab, ob die Kunden auf andere Anbieter ausweichen können und wie viel die Unternehmen über höhere Preise weitergeben können. Daneben wirkt die US-Politik über die Nachfrage und die Investitionsplanung. Unsichere Absatzbedingungen können Unternehmen vorsichtiger machen. Der Konflikt im Nahen Osten ist ein weiterer Kanal: Anhaltend hohe Energiepreise belasten die Kaufkraft und erhöhen die Kosten der Unternehmen.

    AWP: Wie stark belastet die Unsicherheit über die amerikanische Wirtschafts- und Handelspolitik Schweizer Unternehmen tatsächlich?

    BM: Die Geschäftsaussichten haben sich in den letzten Monaten allen geopolitischen Widrigkeiten zum Trotz aufgehellt. Darauf deuten verschiedene Umfragen bei den Unternehmen aus der Industrie und dem Dienstleistungssektor der Schweiz hin. Gründe hierfür sind unter anderem, dass sich die Nachfrage im Inland und in Europa, dem wichtigsten Absatzmarkt für Schweizer Güter und Dienstleistungen, erholt. Das heisst aber nicht, dass die Unsicherheit über die US-Politik verschwunden wäre. Für Unternehmen mit einem grossen US-Geschäft wie der Pharmaindustrie bleibt diese relevant. Wer nicht weiss, welche Zölle und Regeln künftig gelten, kann Investitionen schlechter planen. In der Pharmaindustrie kommt der Druck auf die neue Medikamentenpreissetzung in den USA hinzu. Ob daraus tatsächlich weniger Investitionen in der Schweiz entstehen, ist allerdings noch offen.

    AWP: Welche wirtschaftliche Bedeutung haben die Zwischenwahlen überhaupt – und wie viel Handlungsspielraum könnte ein veränderter Kongress Trump nehmen?

    BM: Die Zwischenwahlen sind wirtschaftlich wichtig, aber sie entscheiden nicht über die gesamte Wirtschaftspolitik. Ein veränderter Kongress könnte Trump vor allem bei neuen Steuer- und Ausgabenbeschlüssen bremsen. In der Handels- und Aussenpolitik hätte er aber weiterhin erheblichen Spielraum – allerdings nicht unbegrenzt, wie Gerichtsurteile Anfang des Jahres gezeigt haben. Unser Basisszenario ist ein demokratisches Repräsentantenhaus und ein republikanischer Senat. Das würde neue Gesetzesvorhaben erschweren. Für die Bestätigung wichtiger Personalentscheidungen, etwa bei der Notenbank Fed, ist dagegen die Senatsmehrheit entscheidend. Gewinnen die Demokraten auch dort, könnten sie Trumps Kandidaten blockieren.

    AWP: Welche Folgen hätten die unterschiedlichen Midterm-Szenarien für die US-Wirtschaft und die Finanzmärkte?

    BM: Bei einem demokratischen Repräsentantenhaus würden zusätzliche Steuersenkungen oder Ausgabenprogramme schwieriger. Das könnte die Aussicht auf neue Wachstumsimpulse dämpfen, zugleich aber die Erwartungen an zusätzliche Fiskaldefizite begrenzen. Ein politischer Stillstand wäre für die Finanzmärkte deshalb nicht automatisch negativ. Budgetkonflikte wie die anstehende Anpassung der Schuldenobergrenze könnten allerdings für Unruhe sorgen. Gewinnen die Demokraten auch den Senat, käme die Möglichkeit hinzu, wichtige Personalbesetzungen zu blockieren. Behalten die Republikaner beide Kammern, wäre der Spielraum für weitere Steuer- und Ausgabenmassnahmen grösser. Je nach Ausgestaltung könnten diese das Wachstum stützen, aber auch den Inflations- und Zinsdruck erhöhen. Letzten Endes bleibt für die Finanzmärkte entscheidend, was tatsächlich beschlossen wird. Wachstum, Inflation, Unternehmensgewinne und die Politik der Fed dürften wichtiger bleiben als die Parteifarbe des Kongresses allein.

    AWP: Welche Entwicklungen sind für die Schweizer Wirtschaft in den kommenden zwölf Monaten wichtiger?

    BM: Die Midterms verdienen unsere Aufmerksamkeit. Für die Schweizer Konjunktur in den nächsten zwölf Monaten sind aber die Entwicklung der Zölle, die Nachfrage aus unseren Absatzmärkten und die Energiepreise wahrscheinlich wichtiger. Hierbei blicken wir zuversichtlich in die Zukunft. Wir erwarten, dass sich die globale Nachfrage nach Schweizer Produkten und Dienstleistungen in den kommenden Quartalen weiter erholen wird. Gleichzeitig dürften der Konsum und die Investitionen wichtige Wachstumsmotoren der heimischen Wirtschaft bleiben. Dennoch bleiben die konjunkturellen Abwärtsrisiken aufgrund des anhaltenden Irankonflikts hoch.

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