Die Inflation lässt die Kaufkraft auch in der Schweiz schrumpfen. Die Teuerung von Artikeln des täglichen Bedarfs wie Teigwaren, Kaffee, Olivenöl und Zahnpasta liegt zudem laut Ökonomen deutlich höher als der vom Bundesamt für Statistik (BFS) ausgewiesene Gesamtinflation. Es gibt aber auch Gegenbeispiele.
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Schweizer Franken sind beliebt. - sda - KEYSTONE/CHRISTIAN BEUTLER

Wie hoch ist die die Inflation in der Schweiz wirklich? Warum gewinnen Konsumenten beim Einkaufen den Eindruck, dass ihr Warenkorb deutlich teurer als die vom BFS für den August ausgewiesenen 3,5 Prozent geworden ist? Diesen Fragen gingen die Experten des Beratungsunternehmens Wellershoff & Partners nach. Dazu wurden Artikel des täglichen Bedarfs genauer unter die Lupe genommen.

Im Gegensatz zum BFS, welches auch langfristige Preissteigerungen wie Miete und Strom hoch gewichtet, kreierte das Beratungsunternehmen des ehemaligen UBS-Chefökonomen Klaus Wellershoff einen Warenkorb für die «direkten ausgabenrelevanten Teile» von privaten Haushalten. Orientiert haben sich die Wirtschaftsberater dabei an einem Verfahren des statistischen Amtes Österreichs.

Ergebnis: Die von Wellershoff & Partners ermittelte Inflationsrate der laufenden Einkäufe beträgt für die hiesigen Konsumenten aktuell nicht die vom BFS ausgewiesenen 3,5 Prozent, sondern satte 5,9 Prozent - Tendenz steigend.

Dass die Dinge aber nicht so einfach liegen, zeigt ein Blick in die detaillierten Zahlen des BFS. Zwar liegen einige tägliche Bedarfsartikel im Vergleich zum Vorjahr deutlich über dem Wert von 3,5 Prozent, wie etwa Teigwaren und Olivenöl (je +12,7 Prozent) oder eben Kaffee (+9,9 Prozent) sowie Zahnpflegemittel (+11,8 Prozent).

Andere Alltagsverbrauchsgüter liegen aber auch deutlich darunter. Dazu zählen etwa laut BFS-Zahlen zusammengefasst alle Nahrungsmittel (+2,3 Prozent), darunter auch Reis (+0,5 Prozent) und Pizza, die sogar billiger geworden ist (-2,6 Prozent).

«Ich tue mich daher etwas schwer mit der These, dass die Preise von Gütern des alltäglichen Bedarfs allgemein schneller gestiegen sind», sagt der Chefökonom der Bank J. Safra Sarasin, Karsten Junius, gegenüber der Nachrichtenagentur AWP auf Anfrage. Klar sei aber, dass Güterpreise stärker ansteigen als Dienstleistungspreise und Importgüter schneller als im Inland produzierte Güter. Kurzum: «Alles, was stark von der inländischen Lohnentwicklung abhängt, steigt weniger stark.»

Und auch wenn man den Blick auf die Waren des «nicht täglichen aber doch wöchentlichen» Bedarfs erweitert, findet man «keine Bestätigung für die These», führt Junius weiter aus. So würden etwa die Bereiche Freizeit und Kultur sowie Restaurants und Hotelübernachtungen ebenfalls unterdurchschnittliche Preissteigerungen aufweisen.

Das uneinheitliche Inflationsbild gibt aber dennoch keinen Anlass zur Beruhigung. Denn laut den Ökonomen von Wellershoff & Partner ist das Schlimmste noch nicht vorbei, weil die Schweiz einen unter den OECD-Staaten einmalig hohen Anteil an administrierten Preisen hat. Dies dämpfe die Inflation.

Will heissen, höhere Strom- und Gaspreise werden nicht unmittelbar an die Konsumenten weitergegeben. Zudem seien etwa auch die Mieten «sehr restriktiv reguliert». Als Folge davon prognostizieren die Wellershoff-Ökonomen verzögerte Effekte auf die Inflationsentwicklung.

«Spätestens, wenn zu Jahresbeginn die volle Anpassung der Strom- und Gaspreise erfolgt ist, werden die Inflationsraten in der Schweiz noch höher liegen», heisst es dazu. Festgemacht wird diese Voraussage auch an den Befragungen zur Konsumentenstimmung. Diese hätten sich in der Vergangenheit als gute Vorlaufindikatoren für die zukünftige Inflationsentwicklung erwiesen.

Gemäss diesen Schätzungen rechnet man bei Wellershoff & Partner mit einer Teuerung von gut 5 Prozent zum Jahresanfang 2023. Zum Vergleich: Die Schweizerische Nationalbank (SNB) ging bei der letzten Lagebeurteilung Mitte Juni davon aus, dass der Höhepunkt der Inflation im dritten Quartal mit 3,2 Prozent erreicht wird. Die nächste Lagebeurteilung der SNB steht kommende Woche an.

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