Junge Ostschweizer setzen zunehmend auf Fonds statt Sparschweine
Immer mehr junge Menschen interessieren sich fürs Geldanlegen. Experten sehen darin Chancen – warnen aber vor den Risiken durch Finfluencer und überhöhte Renditeversprechen.

Eine Mutter steht in einer Ostschweizer Buchhandlung – Abteilung Wirtschaft. Ihr 14-jähriger Sohn interessiere sich fürs Thema Anlegen. Ein Einzelfall? Oder interessieren sich junge Menschen heute generell mehr für Finanzthemen, weil sie gemerkt haben, dass das Zehnernötli vom Gotti besser in einem Fonds als im Sparsüüli aufgehoben ist?
Anlegen hat sich vereinfacht
Bei Jonathan Mösli sieht es so aus. Der Masterstudent in Banking and Finance der HSG interessierte sich schon früh fürs Anlegen und schrieb gar seine Maturaarbeit zu diesem Thema. Das war vor sieben Jahren. Seither habe sich das Anlegen für Jugendliche noch vereinfacht, schreibt der 25-Jährige aus Gais, der heute in St. Gallen wohnt, gegenüber Keystone-SDA.
Ein Bewusstsein für die eigene finanzielle Situation zu schaffen, erachtet er als Grundstein für eine «erfolgreiche Vermögensplanung als erwachsene Person». Er selbst habe gleichzeitig mit dem Investieren auch damit angefangen, eine «Milchbüchleinrechnung» zu führen und seine Einnahmen und Ausgaben zu «tracken». Und: Schaue man auf die Renditen «breit gestreuter Aktienportfolios», so habe man über die «letzten Jahrzehnte im Durchschnitt eine stattliche Rendite von rund acht Prozent erwirtschaften» können.
38 Prozent der Gen Z investieren
Für die Schweiz liegen laut André Bähler, Leiter Politik und Wirtschaft bei der Stiftung Konsumentenschutz, zu jugendlichen Anlegern und Anlegerinnen keine belastbaren Zahlen vor. Bähler verweist aber auf eine kürzlich erschienene Studie «Anlegen und Vorsorgen in der Schweiz» der Hochschule Luzern, die davon ausgeht, dass immerhin 38 Prozent der Generation Z in Wertschriften investiert.
Die Raiffeisen Schweiz Genossenschaft in St. Gallen zeichnet ein «heterogenes Bild». «Es gibt sowohl viele Jugendliche, die früh damit beginnen, langfristig zu sparen und vorzusorgen, und dafür moderne Anlageformen nutzen», schreibt Caroline Hilb, Bereichsleiterin Investment und Vorsorge Center, «als auch solche, die eine konsum- und erlebnisorientierte Lebensweise bevorzugen.»
Das klassische Sparkonto spielt demnach bei Raiffeisen nach wie vor eine wichtige Rolle. Gleichzeitig habe das «Wertschriftensparen» in der Altersgruppe zwischen 18 und 30 Jahren in den vergangenen Jahren «langsam, aber stetig an Beliebtheit gewonnen».
Insbesondere Fondssparpläne sowie digitale Vorsorgelösungen mit Zugang zu Anlagefonds seien bei der jüngeren, digitalaffineren Generation aber besonders gefragt. Caroline Hilb weiter: «Das Einstiegsalter ins Anlagegeschäft ist stabil, mit einer leicht abnehmenden Tendenz: 2021 lag das Durchschnittsalter von Erstanlegerinnen und -Anlegern unter Raiffeisenkundinnen und -kunden bei 21,7 Jahren, derzeit liegt es bei 21,2 Jahren.»
Stärker nachgefragt würden laut Hilb zudem kostengünstige passive Fonds. Bei diesen wird automatisch in Wertpapiere eines bestimmten Indexes investiert und auf ein aktives Fondsmanagement verzichtet, was tiefere Gebühren nach sich ziehen kann. «Darüber hinaus beobachten wir eine steigende Nachfrage nach Investitionsmöglichkeiten in Kryptowährungen über einen sicheren, lokal verankerten Anbieter.»
Soziale Medien spielen wichtige Rolle
Beim Geldanlegen unter Jungen spielen die sozialen Medien eine wichtige Rolle. «Soziale Medien sind für viele junge Menschen zu einer der wichtigsten Informationsquellen geworden – auch rund um Finanzthemen», schreibt Caroline Hilb. «Entsprechend haben soziale Medien und die auf den Plattformen agierenden Finfluencer wesentlichen Anteil daran, dass junge Menschen heute früher mit dem Investieren beginnen.»
Wie es so ist in den sozialen Medien: Es gibt von allem viel, auch unzählige Finfluencer. Die Bezeichnung setzt sich aus den englischen Begriffen «Finance» und «Influencer» zusammen. Diese veröffentlichen auf sozialen Medien wie TikTok, Instagram, YouTube oder in Podcasts Inhalte zu Geld, Sparen, Anlegen oder Kryptowährungen.
André Bähler vom Konsumentenschutz erinnert daran, dass die Finfluencer eigene finanzielle Ziele verfolgen. «Sie verdienen beispielsweise Geld mit kostenpflichtigen Kursen, Lehrmitteln oder Coaching», schreibt er. «Andere erhalten eine Provision, wenn sie bestimmte Finanzprodukte oder Handelsplattformen empfehlen.» Selbstverständlich gebe es aber auch seriöse Berater mit hilfreichen Empfehlungen. «Dieser Mix aus seriösen Informationen, Eigennutz, persönlichen Einschätzungen und undeklarierter Werbung macht es für die Konsumenten schwierig, die Spreu vom Weizen zu trennen.»
Je nachdem komme bei jungen Anlegern wenig Erfahrung in Finanzbelangen und oft vergleichsweise wenig Vermögen zusammen, gibt Bähler weiter zu bedenken. Damit seien die Kosten für die Vermögensverwaltung anteilsmässig höher, was die Rendite schmälere. Ein Vorteil für jüngere Anleger und Anlegerinnen sei aber der Anlagehorizont: Sie könnten Krisen prinzipiell länger aussitzen als ältere Personen.
Nur Geld anlegen, das nicht benötigt wird
In puncto Risiko unterscheiden sich die Tipps der Fachleute kaum bezüglich des Alters. «Generell gilt, dass man nur Geld anlegen sollte, das man kurzfristig nicht benötigt», schreibt Caroline Hilb. Die Anlagestrategie müsse «aus Risikofähigkeit, Risikoneigung und Anlagehorizont» abgeleitet und «breit diversifiziert» werden.
Wichtig findet sie, dass sich Jugendliche «breit informieren und neben digitalen Kanälen auch etablierte Informationsquellen nutzen». Sie empfiehlt, mit kleinen Beträgen zu starten und so Erfahrungen zu sammeln – und stets einen «Notgroschen als Liquiditätspolster halten».
Jonathan Mösli rät Ähnliches, nur anders herum. Sein Anlagekonto mit riskanteren Einzelprodukten betrachtet er als «Spasskonto» – und hat mental bereits einen Abschreiber darauf gemacht.






