Baselland

    Wendepunkt Bildung: «Reduce to the max an Schweizer Schulen!»

    Philipp Loretz
    Philipp Loretz

    Birseck,

    «Wir müssen uns darauf besinnen, was für Lehrpersonen und Schulkinder leistbar ist», schreibt Philipp Loretz in seinem Gastbeitrag.

    Bildung
    Die Lehrplänen in Schweizer Schulen seien überladen. - Depositphotos

    Das Wichtigste in Kürze

    • Eine Gruppe von Bildungsfachleuten hat sich an die Schweizer Öffentlichkeit gewandt.
    • Ziel ist es, das hohe Qualitätsniveau der Schweizer Schulen zurückzuholen.
    • Philipp Loretz ist Präsident des Lehrerinnen- und Lehrervereins Baselland (LVB).

    Es scheint fast ein Naturgesetz zu sein: Taucht ein gesellschaftliches Problem auf, folgt reflexartig der Ruf nach einem neuen Schulfach: PISA-Schock? Frühfremdsprachen! Überschuldung junger Erwachsener? Finanzkompetenz!

    Die Folge: Der Fächerkanon wächst stetig, doch gestrichen wird kaum etwas. Das Additive dominiert, Subtraktion wird zum Fremdwort.

    Das führt zu überladenen Lehrplänen. Sie fördern Beliebigkeit und erschweren Tiefgang sowie einen systematischen Aufbau. Die Volksschule gerät zunehmend in einen politisch verordneten Sightseeing-Modus: Antippen, wischen, weiter.

    Philipp Loretz
    Gastautor Philipp Loretz. - zvg

    Kernauftrag Unterrichtssprache

    Nach der Primarstufe beherrschen viele Schülerinnen und Schüler den Grundwortschatz nicht sicher. Auf der Sekundarstufe I lassen sich diese Lücken kaum mehr schliessen. Selbst in leistungsstarken Klassen zeigen Texte häufig grundlegende Defizite in Wortschatz, Struktur und Rechtschreibung.

    Dabei ist klar: Leseverständnis basiert auf einem breiten Wortschatz und fundiertem Vorwissen.

    Vielen Jugendlichen fehlen buchstäblich tausende gelesener Seiten. Die Unterrichtssprache – die Sprache vor Ort – ist der Schlüssel zu emotionalem Lernen, gesellschaftlicher Teilhabe, Arbeitsmarktintegration und Selbstbestimmung.

    Angesichts dieser Bedeutung ist es pädagogische Pflicht, alle Kinder gezielt und intensiv in der Unterrichtssprache zu fördern. Das gehört zum Kernauftrag der Schule.

    Sind die Lehrpläne an Schweizer Schulen überladen?

    Konsequenzen und Forderungen

    Die entscheidende Frage lautet: Würden wir bestehende Fächer, Konzepte, Reformen nochmals ein- oder durchführen, wenn es sie noch nicht gäbe? Lautet die Antwort nein, müssten sie folgerichtig gestrichen werden.

    Zu Ende gedacht heisst das: Die Überfrachtung der Primarschule ist zu beenden. Wir müssen uns darauf besinnen, was für Lehrpersonen und Schulkinder leistbar ist. Der Blick ist konsequent auf den Grundauftrag der Schule zu richten. Dafür braucht es gestraffte, konkrete und altersgerechte Lehrpläne.

    Belastungsfaktor Integrative Schule

    Verhaltensauffälligkeiten stellen laut Peter Sonderegger, Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie, «das Maximum an Belastung für die Lehrpersonen» dar. In Beratungsgesprächen mit Lehrpersonen, die sich an den LVB wenden, zeigt sich zunehmend ein Bild von Erschöpfung und Resignation bis hin zur Verzweiflung.

    Die jüngste «LCH»-Befragung mit über 10’000 Lehrpersonen bestätigt dies: 81 Prozent fühlen sich durch herausforderndes Verhalten stark belastet. Zugleich klafft bei zentralen Voraussetzungen eine massive Lücke zwischen Anspruch und Realität.

    Gleichzeitig erklären zahlreiche Exponenten aus Pädagogischen Hochschulen und der Hochschule für Heilpädagogik – oft ohne eigene Unterrichtserfahrung – den Lehrpersonen die Realität. Frei nach dem deutschen Kabarettisten Rolf Miller: «Der Idealismus wächst mit der Entfernung zum Problem.»

    Praxisferne Lehrerbildung

    Die Unzufriedenheit mit der Lehrerbildung ist kein Mythos: Rückmeldungen von Studierenden und Lehrpersonen zeigen einen ungenügenden Praxisbezug.

    Im Kanton Basel-Landschaft wurde dies politisch erkannt. Ein SP‑Vorstosspaket fordert u.a. «Mehr Praxisbezug im Lehrkörper der PH FHNW» und «Mehr Lehre statt Forschung».

    Zur Qualität einer praxisnahen Ausbildung gehört, dass sämtliche Dozierende für Fachdidaktik über entsprechende Unterrichtserfahrung in den Fächern und Stufen verfügen, für die sie ausbilden.

    Forschung in der Kritik

    Sozialforschung ist keine exakte Wissenschaft. Wer Integration generell als überlegen darstellt, behauptet mehr, als die Evidenz hergibt.

    Die «Campbell»-Metastudie von 2022 zeigt keine signifikanten durchschnittlichen Vorteile der Integration gegenüber separativen Settings. Die Wirkungen streuen vielmehr stark: Je nach Kind und Kontext sind positive wie negative Effekte möglich.

    Wissenschaftlich vertretbar ist eine differenzierte, fall- und kontextbezogene Wahl des geeigneten Settings. Praktiker/-innen sind deshalb gut beraten, selektiv zitierte Einzelstudien nicht unbesehen für bare Münze zu nehmen und sich immer wieder zu fragen: «Kann das sein?»

    In diesem Sinne gehört Prof. Dr. Raphael Berthele zu jenen Forschenden, die für methodisch saubere Evidenz einstehen. Er fordert strenges wissenschaftliches Arbeiten statt spekulativer Annahmen.

    Felix Schmutz, ein Basler Lehrer mit langjähriger Berufserfahrung, fasst dies so zusammen: «Die Gefahr der Pseudowissenschaft besteht darin, aus Ignoranz falsche Empfehlungen an die Politik abzugeben, bei unsicherer Evidenz pädagogische Innovationen auszulösen, die zum Scheitern verurteilt sind, und der eigenen Disziplin zu schaden, indem man schlechte Wissenschaft und vage Theorien verbreitet und Studien so zurechtbiegt, dass sie die eigenen Überzeugungen bestätigen.»

    Autoren des Manifests
    Die Autoren des Manifests auf einen Blick. - zvg

    Manifest für einen bildungswirksamen Unterricht

    Jedes Kind geht nur einmal zur Schule. Darum hat es das Recht auf einen bildungswirksamen Unterricht. Wir Erwachsenen tragen dafür die Verantwortung.

    Die heutige Volksschule wird diesem Auftrag zu wenig gerecht. Warum?

    – Sie vernachlässigt das gemeinsame und systematische Lernen.

    – Überfrachtete Lehrpläne und pädagogische Dogmen verdrängen das Zusammenspiel von Lehren und Lernen.

    – Zentral verordnete Reformen binden Zeit und Ressourcen, entwerten das Pädagogische und tragen zu sinkenden Lernleistungen bei.

    – Administration und Organisation ersticken die Freiheit und verdrängen den Sinn des Lehrberufs.

    – Pädagogische Hochschulen verlieren den Bezug zur Praxis.

    Darum fordern wir eine Neuausrichtung hin zu einer Volksschule, die über klare Ansprüche und systematisches Üben elementares Basiswissen sichert und so tragfähige Grundlagen fürs Leben vermittelt:

    – verstehendes Lesen und kohärentes Schreiben,

    – präzises Reden und begründetes Argumentieren,

    – grundlegendes Rechnen,

    – logisches Denken und freies Fantasieren,

    – kreative und kulturelle Fähigkeiten,

    – einen respektvollen Umgang und Förderung des Gemeinsinns.

    Darauf müssen die Pädagogischen Hochschulen vorbereiten – und dafür müssen sie einstehen, in engem Austausch mit der Schulpraxis.

    Der Sinn der Schule liegt im Pädagogischen. Darum steht die Pädagogik im Mittelpunkt.

    Jedes Kind hat ein Recht darauf, gesehen, angeleitet und verantwortungsvoll unterrichtet zu werden.

    Eine bildungswirksame Schule schafft entscheidende Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben. Darum gehört sie ins Zentrum der Politik.

    Dr. phil. Carl Bossard, Yasmine Bourgeois, Prof. Dr. phil. Allan Guggenbühl,

    Dr. phil. Beat Kissling, Philipp Loretz, Res Schmid, Christine Staehelin M.A., Roland Stark

    Zürich, 27. April 2026

    Zum Autor

    Philipp Loretz ist Präsident des Lehrerinnen- und Lehrervereins Baselland LVB, dem gewerkschaftlich sowie bildungspolitisch höchst aktiven Verbands, der seine Mitglieder (also die Basis) ernsthaft mit einbezieht. Philipp Loretz ist auch Redaktionsmitglied des Publikationsorgans lvb inform. Er ist Sekundarlehrer, seit 2020 Bildungsrat und Gründungsmitglied des bekannten Bildungsblogs Condorcet Bildungsperspektiven.

    Kommentare

    User #1600 (nicht angemeldet)

    Als ich noch zur Schule ging gab es etwas namens "Hilfsschule". Dort wurde, meist erfolgreich, versucht den leistungsschwächsten Kindern innerhalb der obligatorischen 8 Schuljahre alltagstaugliches Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Man könnte ganz böse behaupten die waren damals besser aufs Leben vorbereitet als so mancher Schulabgänger einer viel höheren Stufe heute...

    User #2668 (nicht angemeldet)

    Das Problem sind primär gesellschaftliche Bilder, welche bereits bei Kindern nur ein Höher, Schneller, Weiter kennen. Unsere Gesellschaft dreht doch insgesamt im roten Bereich - wir haben insgesamt mehr als genug und trotzdem bekommen viele den Hals nicht voll…

    Weiterlesen

    Allan Guggisberg
    192 Interaktionen
    Kleine Kinder
    kissling gastbeitrag
    121 Interaktionen
    Wendepunkt Bildung
    bossard
    76 Interaktionen
    Schule

    MEHR AUS BASELLAND

    5 Interaktionen
    Pratteln BL
    Pratteln BL
    Pratteln BL
    Allschwil BL
    Allschwil BL
    2 Interaktionen
    Sissach BL