Sam Urech (35) aus dem Zürcher Oberland ist Halleluja-Kolumnist. Er schreibt auf Nau.ch das Wort zum Freitag.
Sam Urech.
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Als Jesus-Fan bin ich so geheiligt, dass ich immer gleich noch die andere Backe hinhalte, wenn ich eine Ohrfeige kassiere. Ich segne jeden, der mich verflucht. Ich vergebe sofort, wenn mich jemand plagt. Gott hat mir jedes Fehlverhalten vergeben, folglich kann ich das als Christ bei allen Menschen auch.

Oh, wie schön, wenn ich es tatsächlich könnte (bis auf das mit der anderen Backe). In meinem Leben läuft es derweil oft so: Warum sollte ich vergeben? Auf keinen Fall! Ich will mich rächen. Diesem Dreckskerl soll das Gleiche oder noch Schlimmeres widerfahren. Erst dann bin ich frei und kann damit abschliessen.

«Wir rennen in die Verbitterung»

Vielleicht geht es Ihnen auch so. Falls ja, haben wir beide ein Problem, denn mit dieser Art zu denken, rennen wir direkt in die Verbitterung. Die Tat, die uns verletzte, bleibt kraftvoll, die Wunden eitrig.

Wer auf Rache aus ist, verliert. Wer seinen schlimmsten Feinden nicht vergibt, zerstört sich selbst.

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Aber alles der Reihe nach: Vergebung ist die Entlassung aus einer Schuld. Jemandem etwas nicht anrechnen – unabhängig von Einsicht oder Reue. Eigentlich ein ungerechter Irrsinn und kein Akt der Fairness. Rache, das wäre doch fair und gerecht!

Gerechtigkeit ist etwas wunderbares, ich wünsche mir für die ganze Welt mehr davon. Das Problem ist nur, Gerechtigkeit heilt keine Wunden und macht mich nicht frei.

Selbst wenn der Täter zur Rechenschaft gezogen wird, ich mich an ihm rächen konnte oder er sich entschuldigt – nach dem kurzen Moment des Aufatmens stelle ich fest, dass die Verletzung noch immer da ist.

«...dann bin ich wieder glücklich»

Meist ist zudem eine Bestrafung des Täters gar nicht realistisch. Zumindest in meinem Leben teilten die Menschen, die mich verletzten, nicht immer meine Meinung, etwas Falsches getan zu haben.

Oh, wie habe ich mir gewünscht, dass sie an Krebs sterben würden. Dass Gott sie auslöscht. Und immer wieder dachte ich: Wenn sie mal bestraft sind, bin ich wieder glücklich.

Ein Stress, dieses Streben nach Vergeltung und Gerechtigkeit. Ein Stress, der bei mir schnell zur Verbitterung führte. Oft wählte ich darum den einfacheren Weg: Gras über meinen Schmerz wachsen lassen. Zeit heilt doch jede Wunde.

Nein, glaube ich nicht. Eine seelische Verletzung eitert auch nach 100 Jahren. Ich kann sie wunderbar ausblenden, mich ablenken, und nehme meinen Schmerz kaum mehr wahr.

Bald kommen dann so Sätze wie: «Ich bin gar nicht verletzt! Jeder hat doch seinen Rucksack zu tragen. Ich bin stark und gucke lieber nach vorne.»

Bad News: Die Verletzung prägt Sie noch immer.

Was also soll ich tun? Zuerst ist es wichtig, mir einzugestehen, dass ich verletzt wurde und dass ich leide. Dann folgt wohl der schwierigste Part, den man vielleicht nur mit psychologischer Unterstützung schafft. Sich dem Schmerz stellen, Wut und Ohnmacht hochkommen lassen.

«Vielleicht muss ich fünfzigmal Vergeben»

Wenn mir die Tragweite des Schmerzes bewusst ist, fälle ich den Entscheid, dem Täter zu vergeben. Vielleicht reicht es, diesen Entscheid einmal zu treffen. Vielleicht braucht es diesen Schritt fünfzigmal.

Täter und Tat verlieren mehr und mehr an Kraft und Einfluss in meinem Leben. Die Verbitterung nimmt ab, ich bin frei.

«Was schreibt dieser Typ für einen Schwachsinn? Der hat keine Ahnung, wie sehr ich verletzt wurde. Es ist zu viel passiert, als dass ich vergeben könnte.» Falls das Ihre Worte sind, tut es mir leid, dass man Ihnen solch starken Schmerz zugefügt hat.

Ich habe tatsächlich keine Ahnung, wie schlimm Ihre Last ist. Was ich aber weiss: Es gibt keine Verletzung, die zu gross wäre für Vergebung. Je schlimmer Ihre Verletzung ist, umso wichtiger ist Vergebung und umso mehr führt Sie Vergebung in die Freiheit.

Zum Autor:

Sam Urech ist 35-Jährig, verheiratet, Vater eines kleinen Jungen (2), hat viele Jahre beim Blick als Sportjournalist gearbeitet und ist heute Inhaber der Marketing Agentur «RatSam».

Sam liebt seine Familie, Guinness, Fussball, Darts. Den EHC Wetzikon, Preston North End und vor allem Jesus Christus. Sam schreibt wöchentlich auf Nau.ch über seine unverschämt altmodischen Ansichten.

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