Brina Gfeller: «Neutralität liegt in unserer DNA»
Brina Gfeller, Gemeinderätin Buchholterberg, plädiert für ein Ja zur Neutralitätsinitiative. Ein Gastbeitrag.

Die DNA ist der Bauplan eines Menschen. Ohne sie könnte sich ein Mensch nicht entwickeln. Im Laufe des Lebens können kleine Veränderungen in der DNA entstehen.
Diese Veränderungen nennt man Mutationen. Manche Mutationen können vorteilhaft sein, andere können schaden. Welche Wirkung eine Mutation hat, hängt oft von der Umgebung und den jeweiligen Umständen ab.
Eine Mutation, die in einer bestimmten Umgebung hilfreich ist, kann einem Menschen bessere Überlebenschancen geben. Wird sie vererbt, kann sie sich über viele Generationen verbreiten und langfristig einer ganzen Bevölkerungsgruppe nützen.
Schädliche Mutationen können dagegen die Gesundheit beeinträchtigen. Wenn sich beispielsweise mehrere ungünstige Veränderungen in bestimmten Zellen ansammeln, kann daraus Krebs entstehen.

Die meisten Mutationen haben jedoch keine spürbaren Auswirkungen. Sie bleiben neutral und oft ein ganzes Leben lang unbemerkt.
Ähnlich verhält es sich mit politischen Entscheidungen. Auch sie können positiv, negativ oder zunächst harmlos erscheinen.
Welche Folgen eine Stellungnahme tatsächlich hat, zeigt sich oft erst später, etwa durch die Reaktionen anderer Staaten. Ein Staat ist jedoch kein Versuchslabor.
Er sollte deshalb nicht leichtfertig an seiner politischen DNA herumbasteln. Denn was zunächst wie eine kleine und gut gemeinte Veränderung aussieht, kann unter ungünstigen Bedingungen eine gefährliche Kettenreaktion auslösen: Spannungen nehmen zu, die Wirtschaft gerät unter Druck und aus einem neutralen Beobachter wird plötzlich ein Teil des Konflikts.
Ein historisches Beispiel dafür ist der italienische Angriff auf Abessinien im Jahr 1935. Die Schweiz beteiligte sich damals teilweise an den Sanktionen des Völkerbundes gegen Italien.
Am 14. Mai 1938 kehrte sie zur integralen Neutralität zurück. Diese Episode zeigt, wie schnell eine politische Positionierung die neutrale Stellung der Schweiz gefährden kann.
Ohne die Rückkehr zur integralen Neutralität wäre während des Zweiten Weltkriegs das Risiko grösser gewesen, nicht mehr als unabhängiger Staat, sondern als politisch positionierte Gegnerin wahrgenommen zu werden.
Heute stehen wir mit den Sanktionen gegen Russland erneut vor einer ähnlichen Frage. Am 28. Februar 2022 beschloss der Bundesrat, die Sanktionen der Europäischen Union gegen Russland zu übernehmen.
Der Bundesrat betrachtet diesen Entscheid als mit dem Neutralitätsrecht und der Schweizer Neutralitätspolitik vereinbar. Doch rechtliche Vereinbarkeit ist nicht automatisch politische Klugheit.
Neutralität ist keine Schwäche
Was heute wie eine moralisch richtige Haltung und ein mutiges Zeichen gegen die Grossmacht Russland erscheint, könnte sich morgen als schädliche Mutation in der politischen DNA unseres Landes erweisen.
Denn sobald die Schweiz von einer Grossmacht nicht mehr als neutral, sondern als Teil des gegnerischen Lagers wahrgenommen wird, verändern sich auch die möglichen Folgen für unser Land.
Unsere diplomatische Glaubwürdigkeit, unsere wirtschaftlichen Beziehungen, unsere Sicherheit und im schlimmsten Fall das Leben unserer Landsleute stehen auf dem Spiel.
Deshalb müssen wir uns eine unbequeme, aber notwendige Frage stellen: Wer ist im Ernstfall wirklich bereit, für eine moralische oder politische Position sein eigenes Leben oder das Leben seiner Kinder zu opfern?

Die integrale, bewaffnete und immerwährende Neutralität ist das Fundament, auf dem unser Land gewachsen ist. Sie gehört zur politischen DNA der Schweiz. Neutralität ist keine Schwäche.
Sie bedeutet auch nicht, dass wir nicht zwischen Recht und Unrecht unterscheiden können. Sie ist die bewusste Entscheidung, unser kleines, aber starkes Land nicht zum Spielball fremder Grossmächte werden zu lassen.
Neutralität dient dabei nicht nur unserem eigenen Schutz. Sie dient allen Menschen, die von Krieg und Konflikten betroffen sind.
Denn ohne neutrale Staaten fehlen glaubwürdige Vermittelnde, sichere diplomatische Kanäle und unabhängige Räume für humanitäre Hilfe. Wo niemand mehr neutral bleibt, gibt es keine Brücken mehr, nur noch Fronten.
Partei zu ergreifen ist einfach. Sich trotz der eigenen Meinung diplomatisch zu verhalten, mit allen Seiten im Gespräch zu bleiben und jeden Staat nach denselben Grundsätzen zu behandeln, verlangt wesentlich mehr Mut und Disziplin.
Das ist keine Schwäche. Das ist Stärke. Diese Stärke müssen wir bewahren. Wir dürfen nicht leichtfertig verändern, was sich über Generationen bewährt und tief in die politische DNA unseres Landes eingeschrieben hat.
Die Schweiz muss unabhängig bleiben, mit allen Seiten sprechen können und ihre Neutralität konsequent schützen. Wer seine Neutralität aufgibt, verliert nicht nur seine politische Haltung.
Er gibt einen Teil dessen preis, was die Schweiz sicher, stark und einzigartig macht. Denn wenn die umfassende Neutralität aufgegeben wird, stehen nicht nur unsere politische Haltung und unsere Glaubwürdigkeit auf dem Spiel, sondern im Ernstfall auch das Leben unserer Landsleute und unserer Nachkommen.
Stimmen wir deshalb Ja am 27. September 2026 zur Neutralitätsinitiative. Sorgen wir dafür, dass auch kommende Generationen in einer sicheren, freien und unabhängigen Schweiz leben können, so wie unsere Vorfahren diese Schweiz für uns bewahrt haben.
Brina Lòpez Gfeller Bradley ist Gemeinderätin Ver- und Entsorgung Buchholterberg im Kanton Bern. Sie ist Mitglied der SVP-Sektion Buchholterberg-Wachseldorn.








