Zurich Pride: Stadtzürcherin Heidi als Mutmacherin
Mit 69 Jahren wagte Heidi Grebe den Schritt zu einem neuen Leben. An der Zurich Pride setzt sie ein Zeichen für Mut und Sichtbarkeit.

Das Wichtigste in Kürze
- Heidi Grebe war 69 Jahre alt, als sie sich endlich traute, ganz sie selbst zu sein.
- Die Stadtzürcherin lebt heute als trans Frau.
- Am Samstag zelebriert sie an der Zurich Pride Sichtbarkeit und Mut.
Wenn Heidi Grebe zurückblickt auf ihre lange Reise zu sich selbst, dann sieht sie einen verschlungenen Bergpfad, der über Irrungen und Wirrungen hinaufführt auf den Gipfel, dorthin, wo sie endlich mit sich und ihrer Seele im Reinen sein kann.
Der Blick geht nach vorn. Und ergibt endlich Sinn. Endlich ist sie wirklich Heidi. Endlich ist sie ihren eigenen Weg gegangen. Endlich ist sie eine Frau. Was es dazu brauchte, war vor allem eines: Mut. «Mut lohnt sich, für uns alle», sagt Heidi Grebe.
An ihrem 69. Geburtstag schaute sie sich im Spiegel an. Ihr blickte ein stolzes, selbstbewusstes Gesicht entgegen. Und sie strahlte: «Glück gehabt», dachte Heidi Grebe.
Sie sitzt in einem Café in Zürich-Altstetten. Ihr Haar im Bob-Schnitt ist leuchtend pink, manchmal scheint etwas Magenta durch. In der Frisur liegt ein Statement. Es ist expressiv und kreativ.
Es signalisiert: Ich gehe mit offenen Armen, mit Leidenschaft und Optimismus, in die Welt hinaus und auf die Menschen zu. «Sichtbarkeit ist für mich selbst wichtig und positiv», umschreibt es Heidi Grebe. Fast 70 Jahre hat ihre Reise zu dieser Sichtbarkeit gedauert.
Wie ein Fremdkörper
Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie im Thurgau. Als Junge. Ihren männlichen Geburtsnamen möchte Heidi Grebe nicht veröffentlicht sehen. Er spielt in ihrem Leben keine Rolle mehr.
Bereits als Bub sandte die Seele kleine Signale ins Bewusstsein. Irgendetwas war anders. Das «Dökterle» mit anderen Kindern fühlte sich verboten an; beim Baden in der Wanne erschien das männliche Geschlecht wie ein Fremdkörper.

«Ich habe schon damals sicher gespürt, dass ich eigentlich gar kein Bub sein wollte», erzählt Heidi Grebe. Mit der Pubertät meldete sich das Begehren. Der 15-Jährige kaufte sich heimlich ein «Bravo»-Heft.
Zum ersten Mal sah er darin eine nackte Frau. Der Anblick ihrer Brüste faszinierte und verwirrte ihn zugleich. Er verliebte sich in Mädchen, teilte mit ihnen die ersten zaghaften sexuellen Erfahrungen.
«Überhaupt nur ein Mädchen sein zu können war damals nicht mal denkbar. Ich suchte für mich nach einem Frauennamen. Heidi war damals, Ende der 60er-Jahre, total trendig. Und er gefiel mir.»
Es gab niemanden, dem er sich hätte mitteilen können. Die queeren Protest- und Freiheitsbewegungen, die Ende der 1960er-Jahre in den USA und zunehmend auch in Europa sichtbar wurden, gingen an dem Jugendlichen im Thurgau vorbei.
Immerhin bot ihm die reformierte Jugendgruppe ein soziales Netz, und gar zwei Freundschaften, die bis heute halten. Aber darüber reden, das ging nicht. Mit der abgeschlossenen Ausbildung zum Elektroplaner zog es ihn 1975 nach Zürich.
Hier mietete er sich ein Zimmer an der Zwinglistrasse, direkt neben seiner ersten Stelle nach der Lehre, mitten im Langstrassenquartier. «In Zürich hat sich mir eine ganz neue Welt eröffnet», erinnert sich Heidi Grebe.
Die Stadt bot gleichsam ein Buffet an bisher nur geträumten Sinnlichkeiten. «Zum ersten Mal sah ich zum Beispiel auch ein lesbisches Paar Hand in Hand am See. Ich bewunderte sie, ihre Freiheiten. Ich blieb aber, wie ich war: ein oft einsamer, junger Mann in der Fremde.»
Dass es in der Schweiz überhaupt trans Menschen gab, drang in den 1970er-Jahren kaum an die Öffentlichkeit. 1976 wurde an der Universitäts-Frauenklinik Zürich zwar tatsächlich eine operative Geschlechtsumwandlung an einem Mann durchgeführt; für die meisten trans Menschen blieb ein solcher Eingriff damals allerdings eine ferne Hoffnung.
Ein ungeheurer Druck
Und so fügte sich Heidi Grebe in das ganz normale Leben eines heterosexuellen Mannes, der Frauen liebt, heiraten, eine Familie gründen und beruflich spannende Herausforderungen und eine Karriere anpacken wollte. Mit 29 Jahren schloss er die Erwachsenenmatura ab und wechselte in die Kommunikationsbranche.
Er heiratete tatsächlich und bekam zwei Kinder. Beruflich landete er bei Siemens Schweiz. Er machte Karriere, war verantwortlich für die Pressearbeit und ging daran, die erste Internet-Präsenz des Unternehmens mit aufzubauen.
«Damals, 1994, wusste man noch nicht einmal, was das überhaupt war und schon gar nicht, wie es sich entwickeln könnte», erzählt Heidi Grebe. Doch irgendwann hatte sich ein ungeheurer Druck in ihm aufgestaut, ein Gefühl des Ausgebranntseins und der Leere.
Vielleicht klopfte auch die unterdrückte Heidi in ihm an die Tür. Die Ehe ging in die Brüche. «Kurz vor der geplanten Selbstständigkeit brach dann einfach alles zusammen.» Ein Schlaganfall legte mit 48 das Leben vollends lahm.
Wie eine Klammer umspannte ihn seine vermeintliche Hilflosigkeit. Die Depression machte den Alltag zur Qual, bestimmt von Krankentaggeldern und Arbeitslosigkeit. Schliesslich landete er bei der IV.
«Was ist denn eigentlich Ihr Problem?», fragte der begutachtende Psychologe. Am gefühlten Ende des Gesprächs verplapperte er sich. Zum ersten Mal überhaupt sprach er offen: «Ich will schon lange eine Frau sein.»
Es folgte eine auf Transsexualität spezialisierte Psychotherapie beim renommierten Psychiater und Psychoanalytiker Ralf Binswanger. Heidi begann sich immer mehr herauszuschälen aus dem Kokon, auch wenn der Freundeskreis und die Familie nichts davon ahnten.
2023 erschien im alternativen Anzeigenblatt «A-Bulletin» ein Inserat des Theaters Neumarkt. Darin wurden für das Stück «All The Sex I’ve Ever Had» Zürcherinnen und Zürcher ab 65 Jahre gesucht, die auf der Bühne aus ihrem Beziehungsleben berichten, von Verliebtheit, Herzschmerz und aufregenden Affären.
«Ich sah dieses Inserat, und danach hat mich nichts mehr gehalten. Ich wusste: Jetzt ist der Moment für mein Coming-out gekommen», sagt Heidi Grebe. Tatsächlich wurde sie für das Stück engagiert. «Ich lud Bekannte und Freunde zur Premiere ein.
Ich stand als Mann auf der Bühne. Und dann ergriff ich das Wort, ganz offen, ganz klar: ‹Ich bin stolz, eine Frau zu sein. Eine Frau, die Frauen liebt.› Das Eis war geschmolzen.»
Das Theaterstück avancierte zu einem grossen Erfolg. Heidis Coming- out war unumkehrbar. «Da erst kam ich überhaupt mit queeren Menschen in Kontakt», erzählt sie.
«Die Theatercrew setzte sich aus lesbischen und schwulen Menschen aus der ganzen Welt zusammen.» Aus dem Gedanken wurde die Gewissheit. Bei einem Abendessen nach den 15 Aufführungen bei Heidi Grebe zu Hause zog sie das erste Mal überhaupt Frauenkleider an.
«Ich trug einen orangen Rollkragenpulli und einen Jupe, violette Schuhe, eine Halskette und strahlte. Jetzt fing das Leben von Heidi an.» Seit jenem 7. Februar 2023 trug Heidi Grebe nie wieder Männerkleider.
Auch amtlich wurde ihr Geschlecht wenig später im Stadthaus Zürich angepasst. Heidi Grebe war jetzt offiziell Stadtzürcherin. Kurz vor ihrem 70. Geburtstag erfolgte im Universitätsspital Zürich schliesslich die körperliche Anpassung.
Nicht alle konnten ihre plötzliche und absolut unerwartete Wandlung mittragen und akzeptieren. Ihren Weg geht sie unbeirrt und überzeugt weiter.

«Ich habe meine Chance für mein zweites Leben nutzen können», sagt sie. Die Angst vor Ablehnung, die in der Vergangenheit ein solches Hindernis gewesen war, ist verschwunden.
Der Weg zur Aktivistin
Mit ihren mittlerweile 72 Jahren sieht sich Heidi Grebe als Mutmacherin und gibt auch älteren trans Frauen ein Gesicht. Sie ist ein engagierter Teil der queeren Community geworden; an der ZHdK rückte die Video-Bachelorarbeit «The real Heidi» die Geschichte ihrer Transition in den Fokus.
Zeichen setzen an der Zurich Pride
Die Zurich Pride findet dieses Jahr zwar ohne Festival statt; dennoch gibt es am Samstag eine Demonstration durch die Innenstadt.
Der Slogan: «Protect Queer Youth – Zugang schafft Zukunft». Damit soll auch ein Zeichen gegen «die zunehmenden politischen Angriffe auf die Rechte von trans Menschen, insbesondere von Jugendlichen», gesetzt werden, so der Verein Zurich Pride.
Die Demonstration startet um 13.30 Uhr zwischen Bahnofplatz und Uraniastrasse und führt über den Paradeplatz und den General-Guisan- Quai bis zum Hafendamm Enge.
Soeben veröffentlichte sie das Booklet «Endlich Heidi. Der lange Weg zur trans Frau», das ihre ganze Transition zusammenfasst, ergänzt mit wichtigen Anlaufstellen. Erschienen ist es in ihrem eigenen, neu gegründeten Queerverlag.
Dabei engagiert sich Heidi Grebe auch als Freiwillige im Regenbogenhaus Zürich und ist Mitglied im Verein Queer Altern. Sie sieht sich als Brückenbauerin: «Ich bin Babyboomerin und Generation Alpha in einer Person.»
Für die jungen, noch verunsichert suchenden trans oder queer Jugendlichen hat sie eine Botschaft:
«Ich habe eigentlich fast ein ganzes Leben als Heidi verpasst. Nehmt euch die Zeit, die es braucht. Aber wartet nicht, bis ihr 70 seid! Schaut hin, vernetzt euch und sucht Unterstützung. Und kommt am Samstag mit an die Pride. Wir sehen uns!»
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt der Stadt Zürich» erschienen.








