Zürcher Mieter wehren sich gegen Leerkündigungen und Abriss
Die Wohnsiedlung an der Carl-Spitteler-Strasse wird leergekündigt und abgerissen. Die Mieterschaft wehrt sich und schwankt zwischen vager Hoffnung und Trauer.

Regina Gregory muss ausziehen. Sie sagt: «Wenn man seine Wohnung verliert, ist das fast so belastend, wie wenn man sich in einer Beziehung trennt», und: «Für mich ist das noch weniger schlimm als für die Älteren. Für sie ist es hart.»
Sie denkt an Kathrin Spiess, ihre betagte Nachbarin. Auch sie verliert ihre Wohnung an der Carl-Spitteler-Strasse nach 45 Jahren. Regina Gregory ist Mutter eines Buben. «Er freut sich riesig auf die erste Klasse mit seinen Freunden», erzählt sie.
Die Eltern wollen ihn trotz Wohnungskündigung in seinem Umfeld belassen. Das Schlimmste an der Wohnungskündigung in der Siedlung in der Carl-Spitteler-Strasse sei, so Gregory, dass die Gemeinschaft, die hier gewachsen ist, zerrissen werde.

Am Siedlungsfest Anfang Juni hatten sich rund 120 Personen eingefunden.
Mieterschaft wehrt sich
Die Bewohnerinnen und Bewohner der Siedlung wissen seit dem 16. Januar, dass sie ihre Wohnungen verlassen müssen. Heute Mittwoch, am 8. Juli, werden sie die Kündigung erhalten. Abriss und Neubau sind für 2028 geplant.
Doch die Mieterschaft wehrt sich. Sie hat die Interessengruppe «CarlFürAll» gegründet. Auch Regina Gregory und Kathrin Spiess machen mit.
Die IG hat in nur wenigen Wochen in Witikon rund 2150 Unterschriften gesammelt. Die Petition verlangt den Verzicht auf die Ersatzneubauten oder, falls diese unumgänglich sind, eine Etappierung der Bauarbeiten.
Am 17. Juni übergab «CarlFürAll» die Unterschriften sowohl der UBS wie auch Stadtpräsident Raphael Golta. Eigentümerin der Siedlung ist der UBS Fonds Swiss Residential «Sima».
Dieser ist der grösste Immobilienbesitzer der Schweiz. Und er zeigt bis jetzt kein Einlenken. Die Witikoner Siedlung wurde ab 1950 etappenweise gebaut.
Sie verfügt über 57 Wohnungen und zwei Geschäfte in fünf Blöcken. Der Liegenschaftenwert liegt gemäss UBS bei 12,7 Milliarden Franken, die Mieteinnahmen belaufen sich jährlich auf 443,8 Millionen Franken.
Rendite: 6,2 Prozent. Der Fonds arbeitet mit dem Bauunternehmen Halter zusammen. Dieses soll auf dem Gelände in der Carl-Spitteler-Strasse neu 133 Wohnungen bauen. Die Medienstelle der UBS schreibt dazu:
«Nach einer vertieften Prüfung kam die Eigentümerin zum Schluss, dass eine Erneuerung im Bestand nicht mehr zweckmässig ist.» Sie habe nichts gegen verdichtetes Bauen, sagt Regina Gregory.
«Wir verlangen nichts Radikales. Wir verlangen, dass die UBS ihre eigenen Werte ernst nimmt. Wir hoffen auf eine Bank, die merkt, dass sich auch Lösungen, die für alle gut sind, rechnen können.»

Die UBS-Medienstelle entgegnet: Die Entmietungen seien bei der UBS nicht die Regel, sondern die Ausnahme und «stets das Ergebnis einer sorgfältigen Einzelfallabwägung».
Wenn durch einen Neubau deutlich mehr dringend benötigte Wohnungen entstehen können, sei er in manchen Fällen die bessere Lösung. Die UBS will nach eigenen Angaben in der Carl-Spitteler-Strasse keine Luxuswohnungen bauen.
Doch würden sich die Mietpreise im mittleren Marktsegment an der Lage orientieren. Die IG befürchtet, dass damit günstige durch teure Wohnungen ersetzt werden. Sie bringt noch einen weiteren Kritikpunkt ins Spiel.
«Abriss und Neubau verschlingen viel Energie», betont Regina Gregory. Sie stellt sich vor, dass man die zwei- bis dreigeschossigen Häuser aufstocken und so zusätzlichen Wohnraum schaffen könnte.
Die Suche hat begonnen
Die letzte grosse Renovation der Siedlung sei 1987 erfolgt, danach habe die Verwaltung nur noch die Fenster ausgewechselt, so Regina Gregory. Dennoch würden sich die Wohnungen in erstaunlich gutem Zustand befinden
In Witikon baute man für den Mittelstand. Die Siedlung zeigt den Stil der späten 1940er- und frühen 1950er-Jahre. Typisch sind Klinkerböden und das aufwendige Schmiedewerk an den grossen Balkonen.
Es ist eine Formensprache, die in Zürich nicht häufig vertreten ist und kaum als schützenswert anerkannt wird. «Eine solche Wohnung finde ich nicht mehr», ist Kathrin Spiess überzeugt.
Sie hat sich für eine städtische Alterswohnung angemeldet. Regina Gregory sucht ihrerseits eine Wohnung irgendwo zwischen Hottingen und Pfaffhausen. Vor der Liegenschaft von Kathrin Spiess erhebt sich eine mächtige Blutbuche.
«Die war noch ganz klein, als ich hier einzog», erzählt sie. «Ich wünschte, sie bliebe erhalten.» Nun hofft sie, dass sie doch noch zwei Jahre in ihrer Wohnung bleiben kann.
«Aber man sieht das Ende schon. Bereits gibt es viel weniger Blumen an den Balkonen als zuvor», sagt Kathrin Spiess. Doch die prächtigen Hortensien vor dem Hauseingang, die pflegt sie noch.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt der Stadt Zürich» erschienen.








